Leider gibt es aber gerade bei sogenannten Genderthemen reflexhafte Widerstände dagegen, sie überhaupt als politische Debatten anzuerkennen. Stattdessen wird so getan, als könne es nur eine richtige Auffassung geben. Bis heute gibt es Leute, die behaupten, da gäbe es gar nichts zu diskutieren, weil die Natur (oder der liebe Gott) unverrückbar festgelegt hätte, was Männer und Frauen sind. Ihrer Ansicht nach ist es eine Naturtatsache (oder Gottes Wille), dass Männer nicht gebären können, und wer etwas anderes sagt, redet unwissenschaftlichen Unfug (oder kommt in die Hölle). Dass es für ihresgleichen noch kürzlich auch eine Naturtatsache war, dass Frauen keine politischen Ämter haben können oder dass Männer nicht in der Lage sind, für kleine Kinder zu sorgen, irritiert sie dabei nicht.

Eine ähnlich entpolitisierende Argumentationsweise findet sich aber zuweilen auch auf der anderen Seite, also bei denen, die für ein freies Verständnis der Geschlechterdifferenz eintreten. In queerfeministischen Debatten habe ich schon manchmal gehört, dass es in Bezug auf Geschlecht nichts zu verhandeln gäbe, weil die Geschlechtszugehörigkeit eine gänzlich individuelle Angelegenheit sei, zu der sich nur die betreffende Person selbst legitimerweise äußern darf: Wenn eine Person sagt, sie sei Mann und schwanger, dann ist das so, Ende der Debatte.

Auch diese Position umgeht letztlich die Beschäftigung mit dem Zusammenhang von Realem und Symbolischem. Nur setzt sie eben nicht das "Ist" absolut, sondern das Symbol. Aber genauso wenig, wie sich aus dem "Ist" ableiten lässt, wie wir es bezeichnen müssen, genauso wenig haben Symbole als einzigen Maßstab die Person, die sie äußert. Denn das Symbolische ist eben mit dem Realen verwoben. Was wir über "Geschlecht" sagen, betrifft nicht nur uns selbst, sondern auch alle anderen.

Es gibt diesen Postkartenspruch, der lautet: "Was ändert sich für heterosexuelle Paare, wenn Homosexuelle heiraten dürfen? – Nichts". Er wird gerne in den sozialen Medien verteilt und bringt die Individualisierung der Geschlechterdebatte gut auf den Punkt: Hab du dein Geschlecht, ich hab meins, das ist Privatsache und geht niemanden sonst etwas an!

Aber es stimmt ja nicht. Selbstverständlich ändert sich für heterosexuelle Paare etwas, wenn Homosexuelle heiraten dürfen. Sie verlieren ihre privilegierte Stellung, große Teile des herkömmlichen Verständnisses von Ehe und Heterosexualität werden infrage gestellt – und war das nicht auch die Absicht dahinter? Genauso ändert sich für alle Menschen etwas, wenn es in der symbolischen Ordnung nicht mehr nur Frauen, Männer und Intersexuelle gibt, sondern eine ganze große Bandbreite von Geschlechtern. Und ist das nicht auch die Absicht solcher Diskurse?

Selbstverständlich geht mich die Art und Weise, wie andere Menschen sich geschlechtlich positionieren oder über Geschlechterdifferenzen sprechen, etwas an. Denn ich bin auch ein geschlechtliches Wesen und von Veränderungen, die sie anstoßen, selbst betroffen. Genauso ist es auch nicht nur meine Privatangelegenheit, wie ich mein Frausein lebe, es inszeniere (oder nicht) und mit Inhalten fülle. Niemand nimmt uns die Aufgabe ab, Geschlechtlichkeit gesellschaftlich zu leben und strukturell zu gestalten. Eine andere Instanz als unsere gemeinsame "Polis", die Politik, gibt es dafür nicht. Und der Maßstab, an dem wir uns dabei orientieren sollten, ist weder eine ominöse "natürliche Ordnung" noch die individuelle Meinung Einzelner, sondern, wie bei allen politischen Debatten, das gute Leben aller.