Als die große Schauspielerin Meryl Streep neulich in Philadelphia die Bühne der National Convention der amerikanischen Demokraten betrat, um eine Rede für die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zu halten, trug sie ein Kleid, das aussah wie die amerikanische Fahne in Chiffon – ein leicht selbstironisches, zweifellos aber ebenso patriotisches Gewand, dieser Frau, die sich ja mit Rollen und Kostümen auskennt, buchstäblich auf den Leib geschneidert. In Philadelphia begann sie ihre Rede statt mit Worten, mit einer Art Löwinnengebrüll, dem geballte Fäuste folgten. Danach rief sie triumphierend ins Publikum: "Ihr habt Geschichte geschrieben!" Denn in der Tat war es auf dieser Versammlung zum ersten Mal in der Geschichte Amerikas geschehen, dass eine Frau zur Kandidatin für das Präsidentenamt proklamiert wurde – was Streep veranlasste, sogleich mahnend anzufügen: "Und im November müsst ihr nochmal Geschichte schreiben!" Denn dann findet die Wahl zur Präsidentin statt.

Frauke Meyer-Gosau schreibt Literaturkritiken u.a. für die "Süddeutsche Zeitung" und arbeitet als freie Lektorin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Sabine Berloge

Meryl Streeps Rede war die längste Zeit ein feuriger feministischer Kampfruf. Ihre Aufzählung einer langen, langen Reihe von Frauen, die für die Geschichte Amerikas bedeutsam geworden sind, begann mit einer Frau, die sich, als Mann verkleidet, der Bürgerkriegsarmee George Washingtons angeschlossen hatte, verwundet wurde und, um nicht als Frau enttarnt zu werden, sich die Kugel selbst aus dem Bein schnitt; und natürlich weiterkämpfte. "Das war Mumm!", rief Streep.

"Grit and Grace"

Und kam schließlich über Eleanor Roosevelt und Hillary Clintons Vorgängerin im Amt der Außenministerin, Madeleine Albright, zur aktuellen Kandidatin selbst. Was nämlich, fragte sie, hatten all diese Frauen gebraucht, um furchtlos und mit Erfolg gegen alle noch so massiven Anfeindungen handeln und schließlich die Gesellschaft verändern zu können? Die Antwort: "Grit and grace!" Mumm also – und Grazie. Dass Streeps Rede hier für eine Zehntelsekunde ins Straucheln geriet, als sie direkt an die Vokabel "Grazie" den Namen Hillary anzuschließen versuchte, konnte die Schauspielerin selbstredend elegant überspielen.

Und trotzdem war zu spüren, dass hier in der schönen Konstruktion des engstmöglichen Zusammenhangs großer weiblicher Vorbilder mit der gegenwärtigen demokratischen Präsidentschaftskandidatin etwas knackste. "Grit and grace" sollte also das Signum sein, unter dem die Zuhörer Hillary Clinton wiedererkennen sollten – und was qualifizierte sie in Streeps Augen ganz persönlich für das Präsidentenamt? "Sie hat sich für Frauen und die Familie eingesetzt!" Eine starke, furios vorgetragene Rede über den politischen Kampf und Mut von Frauen über Jahrhunderte hinweg fand so ein verwunderlich hausmütterliches Ende.

Von Sklaven errichtet

Michelle Obama wiederum baute ihre Rede für die Kandidatin ganz aufs Persönliche, um zu begründen, was – und vor allem, wen – die Nation in diesem historischen Moment braucht. Und sie tat dies auf sehr bewegende Weise, wenn sie etwa beschrieb, dass sie und ihre Familie jeden Morgen in einem Haus erwachen, das von Sklaven, ihren eigenen Vorfahren also, erbaut wurde; dass die Geschichte und die Aufgaben, die sie dem höchsten Amtsinhaber des Landes stellt, den Mitgliedern der Familie Obama also jederzeit persönlich gegenwärtig sind.

Doch auch hier – wo ich mich mehrfach bei der Frage ertappte, warum denn eigentlich nicht die souveräne und bei alldem vollkommen entspannt wirkende Michelle Obama für das Amt kandidiert, das im Moment noch ihr Ehemann innehat – wurde der Rahmen, sobald es um Hillary Clinton ging, plötzlich wieder familiär gesteckt. "She raised her daughter to perfection!", rief Michelle Obama unter dem Jubel der Delegierten aus. Das sollte offenbar in ihrer Rede das stärkste Argument für eine zukünftige Präsidentin Hillary Clinton sein.

Man musste sich die vorgeblich perfekte Tochter und deren erschreckend reglos, nachgerade roboterhaft vorgetragene Ansprache auf die gepriesene Mutter gar nicht mehr ansehen, um dieses Argument gruselig zu finden. Selbst vorausgesetzt, dass wir in Chelsea Clinton tatsächlich das Ergebnis einer perfekt gelungenen Kindererziehung vor uns haben – inwiefern würde dieses Faktum ihre Mutter als Präsidentin der Vereinigten Staaten qualifizieren? Das Bedürfnis nach einer Mutti an der Spitze der Nation ist offenbar grenzübergreifend groß, aber seit wann kann die angeblich perfekte Mutter zum politischen Argument werden?