Reden bringt Silber, Plappern bringt Gold – Seite 1

Riesengroß auf stern.de. Das Hemd des ARD-Olympia-Reporters Michael Stocks sei "nicht gerade preisverdächtig". Zuvor sendete die Sportschau eine freundlich belustigte Distanzierung auf Twitter:

"Wir wissen wirklich nicht, woher er das Hemd hat."

Dann Auftritt Onlinekommentatoren, die den Vorgang mit zahlreichen Spekulationen und weiterführenden Fragen zu versachlichen versuchen: "Welche Hose hat er dazu kombiniert?" "Altkleidercontainer?". Der Branchendienst Meedia berichtet über die Reaktion der Reaktion unter dem Stichwort "Mode Fauxpas". Stern.de kommentiert die Reaktion auf die Reaktion der Reaktion: "ARD-Olympia-Reporter erregt Zuschauer mit Hawaii-Hemd". Anlass der ganzen Geschichte: nachtblaue Palmen auf hellblauem Farbverlauf. Wahrscheinlich 100 Prozent Baumwolle. Eigentlich nichts Besonderes. Entre-nous, die Welt kennt deutsche Männer gar nicht anders. Für politisch Interessierte, das Hemd wurde in einem Beitrag über Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und brasilianischer Polizei während des Fackellaufs getragen.

Massive Wasserflasche im Plural

Die Schweizer Beachvolleyballerin Isabelle Forrer nahm in der Spielpause einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Sie trug das für Beachvolleyballerinen übliche Trikot, dessen Stoff knapp über dem Busen beginnt und knapp unter dem Busen endet. Plus tiefes Dekolleté. Im finnischen Fernsehen verfolgt ein finnischer Reporter den Schluck sehr aufmerksam und beobachtet, dass "ihre Wasserflasche massiv groß" sei. Die Schweizer Medien übersetzen den Kommentar und machen aus dem Singular einen Plural. Anschließend regen sie sich wahnsinnig auf.

Es folgt ein medialer Disput zwischen Finnland und der Schweiz über Sexismus und Übersetzungsfehler. Die Münchener Boulevardzeitung tz berichtet über die Angelegenheit und versieht das Ganze mit dem aus ihrer Sicht erforderlichen fachlichen Niveau: "Ja, das knappe Oberteil zeigt, dass die Schweizerin obenrum durchaus gesegnet ist." Foto zum Text zeigt die Sportlerin mit Fokus auf ihre Oberweite und dem Hinweis "eindeutig zwei starke Argumente". Für die Sportfreaks, Forrer schied mit ihrer Partnerin Vergé-Depré nach dem Achtelfinale aus.

Soviel steht fest: Die Olympischen Spiele 2016 in Brasilien sind eine riesige Kommentarkommentiermaschine. Der kolossale Inszenierungszwang der Sportler trifft auf den unbedingten Kommentardrang der Berichterstatter unter dem Vorzeichen der Ökonomisierung des Sports.

Sucht der Sport-Boulevard nicht jemanden wie Christoph Harting?

Der Diskus-Olympionik Christoph Harting macht nach seinem Superwurf mehrere tiefe Diener ins Publikum, dann wieder breitet er die Arme aus, als wolle er einen Sirtaki tanzen und will doch nur sagen, siehste Welt, ich bin der Größte. Bis zu seiner Siegerehrung kommt er von seinem Rausch nicht runter und versucht auch da noch dem Takt der Nationalhymne hinterher zu tänzeln und gibt auch bei "blüüh im Glaaahaanze" nicht auf. Jeder sieht, dass der Sportler seltsam drauf ist, dass sein ständiger Versuch, die Leere zu umarmen, zu umtänzeln, zu umschweigen und dann wieder zuzutexten, Ausdruck von etwas ist, dem man im Moment des Livekommentars nicht gerecht werden kann. Also könnte man es ja auch lassen. 

Aber nein, es muss weiter beschrieben, bewertet, degradiert und demontiert werden. Er sei dies und er sei das und er habe dem ZDF-Reporter die Hand verweigert und auf der Pressekonferenz habe er ebenfalls Unsinn geredet. Von Unhöflichkeit und Überheblichkeit ist die Rede. Harting habe über die Stränge geschlagen. Aber sucht die Sportberichterstattung nicht genau das? Ist sie nicht ein einziger Wettbewerb um die größtmögliche Boulevardisierung? Um Aufmerksamkeit und den Wunsch einen besonders originellen und zitierfähigen Satz zu hinterlassen? 

Elegant ist das nicht. Wenn ein Reporter eine Spitzenreitsportlerin als "Angsthase mit braunem Strich in der Hose" charakterisiert. Wenn der Chefredakteur einer italienischen Zeitung die Bogenschützinnen, die nur knapp die Bronzemedaille verpassen, als "Trio der Pummelchen" bezeichnet.

Drauflosreden ist noch keine Berichterstattung

Es gab einmal eine Zeit, da war ein Sportreporter entweder ein Fachjournalist oder ein ehemaliger Leistungssportler. Auf jeden Fall waren es Experten ihres Gebiets, die über Techniken, Bewegungsabläufe und Biografien referieren konnten. In letzter Zeit wird man jedoch Zeuge davon, wie zwei Gruppen aufeinander treffen, die immer weniger voneinander halten. Das Moderieren einer Spielshow im Fernsehen und die Mitgliedschaft bei McFit machen noch keinen versierten Sportjournalisten aus. Seitdem es nach Fußballspielen Usus geworden ist, direkt vom Spielfeldrand vor eine Werbewand zu treten und verschwitzt zu sagen "Wir haben leider verloren, weil wir keine Tore gemacht haben" und das Ganze "Interview" genannt wird, heißt das noch lange nicht, dass es etwas mit Sportberichterstattung zu tun hat. Weil alles gesendet, zitiert und kommentiert wird, kann jeder Sportler davon ausgehen, dass er seine Botschaft jederzeit platzieren kann. Keine Geste ist zu klein, als dass sie nicht doch noch in der Öffentlichkeit mit Bemerkungen gewürdigt wird.

Ein schönes Beispiel dafür sind die hessischen Hahner-Zwillingsschwestern. Wie Hanni und Nanni schlendern sie bei ihrem Marathonlauf händchenhaltend und strahlend ins Ziel. Wer es bei einem Marathon auf Platz 81 und 82 zu Aufsehen und überregionalen Schlagzeilen bringt, hat sehr genau begriffen, wie Marketing, Sponsoring und Medien funktionieren. Martina Navrátilová sagte einmal, es kommt darauf an, wie gut du bist, wenn du schlecht bist.