Nachdem wir selbstredend mit Freude festgestellt haben, dass diese jungen Menschen wieder auf die Straße gehen, wir mit belegter Grenadierstimme natürlich auch den Niedergang des öffentlichen Raums als virtuelles Jagdgebiet beklagt haben, in das ein Handyspiel uns gelockt hat, nachdem also alles, wirklich alles über Pokémon Go gesagt oder geschrieben wurde, bleibt nur noch eine Frage: Ist Pikachu eine dumme, rücksichtlose Sau?

Pikachu ist nämlich – und das erträgt man besser mit entspannter Hintergrundmusik – nicht das, was sich eine Gesellschaft unter einem Vorbild vorstellt. In seiner Beschreibung heißt es: "Immer wenn Pikachu auf etwas Neues stößt, jagt es einen Elektroschock hindurch." Aus Erfahrung wissen wir: So was erschwert Bekanntschaften, man braucht eine gute Haftpflichtversicherung und man verwandelt jeden Erstkontakt in eine Gewaltorgie, selbst wenn man dabei so frohgemut winkt wie Pikachu. Unter normalen Umständen wäre dieses verhaltensauffällige Mistvieh ein Fall für den Sozialarbeiter.

Der Pokedex ist das offizielle Lexikon der Pokémon, so etwas wie Brehms Thierleben für die virtuelle Welt. Zur Hälfte stehen darin sachdienliche Erläuterungen der Fähigkeiten: "Sleima – dieses Pokémon steigt in die Kanalisation hinab, um fauliges Abwasser zu trinken." Oder: "Pixi – bei Mondschein unternimmt es Spaziergänge am See". Oder: "Alpollo – dieses Pokémon wird versuchen, an dir zu lecken." Abgesehen davon, dass man Alpollo in schummrigen Nebenstraßen besser aus dem Weg ginge, sind die drei so langweilig wie Regen auf einem Schulhof. Aber ist das hier nicht entsetzlich traurig: "Tragosso sehnt sich nach seiner Mutter, die nicht mehr da ist. Wenn es im Vollmond das Ebenbild seiner Mutter erblickt, muss es weinen. Die Flecken auf dem Totenkopf, den es trägt, stammen von vergossenen Tränen." Tragosso kämpft mit einem Knochen in der Pfote, es ist ein bewaffneter Melancholiker, und alles kommt noch viel trauriger, wenn aus Tragosso Knogga wird, der "den Verlust der Mutter überwunden hat und stärker geworden ist. Die gestählte, abgehärtete Seele dieses Pokémon ist nur schwer zu brechen." In wenigen Zeilen wird hier aus einer traumatisierten Waise ein gefühlloser Marine.

Ist das schon schwarze Pädagogik?

Der Pokedex liest sich zuweilen wie ein Erziehungsroman, den sich Ludwig Tieck und die Typen ausgedacht haben könnten, die in Gartenlauben Marienkäfer anzünden, weil das so schön brutzelt. Zum Pony Ponita heißt es: "Nach seiner Geburt ist Ponita so schwach, dass es kaum von alleine aufstehen kann. Dieses Pokémon wird dadurch schnell stärker, dass es sich beim Versuch, mit seinen Eltern Schritt zu halten, immer wieder aufrappeln muss." Was müssen das für Eltern sein! Ist das schon struwwelpetrige schwarze Pädagogik? Oder geht es hier um den Leistungsdruck, der in Talkshows immer neoliberal genannt wird und den sogenannte Bionade-Eltern auf ihre Kinder ausüben?

Falls ja, fänden diese in der Menagerie ihr Lieblingstier: "Porenta trifft man immer mit einer Lauchstange an." Es gibt "gute und schlechte Stangen" (klar: Bio und Discounter), und dieses Pokémon vermöbelt mit dem Porree vor allem die, die nicht voller Leistungsbereitschaft in die Zukunft hineinjubeln, sondern lieber selbstgenügsam den Tag versummsen: "Der typische Tagesablauf von Relaxo besteht lediglich aus Essen und Schlafen." Natürlich hat Relaxo im Spiel keine weitere Entwicklungsstufe. Anders als sein Geistesbruder Flegmon, über den der Pokedex weiß: "Dieses Pokémon vergisst häufig, was es gerade tun wollte, und verbringt ganze Tage damit, am Ufer herumzutrödeln." Flegmon könnte man mit Zeitmanagementseminaren auf den Pelz rücken, während es bei Relaxo zappenduster ist. Wobei auch zu viel Bildung zum Problem wird: "Simsalas Gehirn hört nicht auf zu wachsen, sodass sein Kopf zu schwer für seine Nackenmuskulatur wird."

Jedoch bekommt es niemand so ab wie Karpador, ein Fisch, der etwas drömelig, aber sympathisch in die Welt guckt. Da sagt Nintendo mit Zuchtmeisterstrenge: "Karpador ist ein armseliges Pokémon, das nur platschen kann." Es ist klar, dass Karpador in dieser stählernen Welt böse enden wird. Er lässt sich zu Garados hochspielen, einem Furcht einflößenden Monster, und dann "durchlaufen seine Gehirnzellen eine strukturelle Veränderung, was wohl der Grund für die zügellose, gewalttätige Natur dieses Pokémon ist". Dem chancenlosen Karpfen bleibt nur der Weg in die Kriminalität. Das ist die Tragik, die diesem Spiel innewohnt, und zugleich eine schlimme Nachricht für den Sommer: Platschen macht blöde.