An einem Sonntagabend im April, während ganz Serbien vor dem Fernseher sitzt und die ersten Hochrechnungen der vorgezogenen Parlamentswahlen erwartet, tauchen im Belgrader Künstler- und Ausgehviertel Sawamala drei Dutzend maskierte Männer auf, mit Baggern, Baseballschlägern und zwei Lkws. Sie fesseln Passanten, konfiszieren Handys und drohen mit Gewalt. Am nächsten Tag liegt ein ganzer Häuserblock in Schutt und Asche.

Lina Muzur, geboren in Sarajevo, arbeitet als Leitende Lektorin beim Aufbau Verlag in Berlin. Sie ist Mitglied von "10 nach 8".

Obwohl die Aktion weder zu überhören noch zu übersehen war und vielfach der Notruf getätigt wurde, kam die Polizei nicht. Die Täter wurden bis heute nicht offiziell identifiziert. Informationen über die "Phantome von Sawamala" wurden lediglich über soziale Netzwerke und unabhängige Portale und Wochenzeitungen verbreitet. Ein 58-jähriger Mann starb in jener Nacht, über die Ursache wird geschwiegen. Serbiens Premierminister Aleksandar Vučić bezeichnete die Täter als "Idioten", aber nicht etwa, weil sie illegal Gebäude abgerissen haben, sondern weil es nachts passiert ist. "Hätten sie es tagsüber gemacht, hätte ich selbst mit angepackt", verkündete er höhnisch bei einer Pressekonferenz. Denn nun, wo das Gelände geräumt ist, kann Vučićs Lieblingsprojekt umgesetzt werden: Der Investor heißt Eagle Hills, kommt aus Abu Dhabi und plant am Sawe-Ufer ein Luxuskomplex mit Apartments, Büros und einer Shopping Mall. Ein umstrittenes und zwielichtiges Projekt. Und weil die Bevölkerung zuweilen dazu neigt, störrisch zu sein, wurde sie eben zum Schweigen gebracht.

Ich stehe in der Belgrader Innenstadt vor der Galerie Progres und während ich mich an diese surreale Geschichte erinnere, denke ich, dass in Serbien seit einiger Zeit merkwürdige Dinge passieren. Ich bin hier, um mir eine Ausstellung mit dem Titel Unzensierte Lügen anzusehen. Von den Organisatoren wurde sie als Konzeptkunst in der Nachfolge von Marina Abramović bezeichnet, obwohl Marina Abramović schon lange nichts mehr mit ihrer Heimat Serbien zu tun haben will und mir das Ganze eher wie eine Propagandaaktion vorkommt. Ausgestellt werden 2.523 kritische Medienbeiträge zu Premier Vučić und seiner Fortschrittspartei, zusammengestellt vom Pressedienst ebenjener Partei: Eine Ausstellung gegen den Premier, organisiert vom Premier selbst. Das klingt nach einer antilogischen Ego-Wall, als würden im ärztlichen Wartezimmer keine Diplome und Auszeichnungen hängen, sondern Schmähungen und Pfuschnachweise. Und man würde sie sich anschauen und beschließen, dass ein Arzt, der so offen mit seinen Fehlern und Schwächen umgeht, der sich so verletzlich und nahbar zeigt, letztlich der beste Arzt ist, den man sich wünschen kann, weil man doch selbst auch nur ein Mensch mit Fehlern und Schwächen ist.

Keine großen Medien

Ich laufe durch die Galerieräume und sehe Zeitungsartikel, Facebook- und Twittermeldungen. Ich lese Überschriften: "Warum hassen die Intellektuellen Vučić?", "Die Clowns, die uns regieren", "Zensur oder Diktatur?". Auf der Titelseite einer Wochenzeitung sieht man den Premier mit einer goldenen Krone. Eine Karikatur zeigt ihn in Unterwäsche, wie er gerade eine Maske wegwirft. Es ist die Maske der Phantome von Sawamala. Aus einem Bildschirm echot Vučićs Name durch den Raum. Ich stutze. Ich laufe zurück und gehe noch mal die Namen aller vertretenen Medien durch. Und stelle fest: Die Beiträge stammen ausschließlich aus kleineren und unabhängigen Zeitungen und Internetportalen. Kein auflagenstarkes Medium ist dabei.

Was daran liegt, dass der serbische Staat der größte Anzeigenkunde serbischer Medien ist. Nichtstaatliche Organisationen warnen seit Jahren vor einer Gleichschaltung der Presse in Serbien. Human Rights Watch schrieb in seinem Weltbericht 2016: "Serbische Journalisten sind Anschlägen, Bedrohungen, Schikanen, Einschüchterungen, Gerichtsverfahren, politischer und anderer Einflussnahme ausgesetzt".

Vor einer Karikatur des berühmten serbischen Zeichners Corax bleibe ich stehen. Sie zeigt den Premier in Gestalt eines Esels, des Meisters der Unentschiedenheit, rechts und links von ihm sind Putin und Merkel zu sehen, wie sie Vučić, also dem Esel, jeweils einen Haufen Heu hinhalten. Der Esel hat ungewöhnlich lange Ohren, die hoch in die Luft hinaufragen, als wäre er ein einziges Abhörgerät. Ich lache. Immer wenn ich wissen will, was in Serbien gerade passiert, schaue ich mir als erstes die Corax’schen Zeichnungen an. Weil er mit wenigen Strichen so viel mehr erzählt, als sich die meisten serbischen Medien zu sagen trauen. Und jetzt sagt Corax mir, dass Vučić in einer riesigen Bredouille steckt. Hin und her gerissen zwischen Russland, mit dem Serbien eine "traditionelle Freundschaft verbindet" und dem Westen, der über die Aufnahme Serbiens in die EU entscheidet, ist er regelrecht blockiert. Einfach hat es so ein Opportunist auch nicht, denke ich.