Das Talent, das dein Leben rettet

Die Schwimmerin Yusra Mardini, Jahrgang 1998 © Alexander Hassenstein/Getty Images

ZEIT ONLINE: Yusra, Sie haben mir gesagt, dass wir nur wenig Zeit haben. Wir stehen hier in der Schwimmhalle neben dem Berliner Olympiastadion, wo Sie trainieren. Es ist jetzt 9 Uhr, Sie kommen gerade aus dem Schwimmbad und müssen gleich in die Schule. Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Yusra Mardini: Letzten August habe ich mit meiner Familie Damaskus verlassen. Meine Schwester und ich fuhren in die Türkei. An der Küste, bei Izmir, führten uns die Schmuggler in einen Wald. Sie ließen uns dort zurück und kamen erst nach drei Tagen wieder. Wir dachten, wir würden sterben. Es gab nichts zu essen und zu trinken. Alles, was wir hatten, war Schokolade. Als die Schmuggler mit einem Boot auftauchten, freuten wir uns, sie zu sehen, fürchteten uns aber gleichzeitig vor dem, was nun kommen würde. Jeder sagte, wir würden wahrscheinlich ertrinken. Eine Viertelstunde, nachdem wir abgelegt hatten, fiel der Motor unseres Bootes aus. Alle fingen an zu schreien. Ich dachte, wir können jetzt nicht sterben, wir müssen etwas unternehmen.

Meine ältere Schwester sprang ins Wasser und fing an, das Boot zu ziehen. Nach einer Weile sprang ich hinterher. In dem Moment konnte ich nicht mehr denken, ich sah nur mein Leben an mir vorüberziehen. Drei Stunden später erreichten wir Griechenland, die Insel Lesbos. Keiner konnte es fassen. Dann sind wir durch halb Europa gelaufen und landeten schließlich hier, in Berlin. Die erste Zeit waren wir mit 400 anderen Menschen in einem Flüchtlingsheim in Spandau untergebracht.

ZEIT ONLINE: Sie sind eine von zehn Geflüchteten, die in Rio unter der olympischen Flagge antreten werden. Wie haben Sie das geschafft?

Mardini: In Berlin kam ich durch einen Zufall in Kontakt mit Schwimmvereinen. Es war alles nicht einfach. Manchmal stehe ich fürs Training schon um fünf Uhr auf. Jeden Tag trainiere ich von sieben bis neun, dann gehe ich zur Schule und trainiere ab 15 Uhr den ganzen Nachmittag weiter. An manchen Tagen komme ich erst abends um neun nach Hause. Ich will viel erreichen, also muss ich mich anstrengen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet Ihnen das Schwimmen, und was bedeutet es Ihnen, an den Olympischen Spielen teilzunehmen?

Boryana Ivanova ist Multimedia-Journalistin, Filmemacherin und Fotografin und arbeitet momentan an einer Serie von animierten Kurzfilmen über "Flüchtlingshelden" Sie lebt zurzeit in Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Privat

Mardini: Wenn ich nicht schwimme, fehlt mir etwas im Leben. Ich fühle mich schuldig. Für mich ist Schwimmen eine ganz andere Welt. Hier kann ich zeigen, wer ich wirklich bin. Als ich erfahren habe, dass ich nach Rio darf, bin ich vor Freude im ganzen Haus herumgesprungen. Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben, es war fantastisch. Ich wusste, dass meine Eltern sehr stolz auf mich sein würden. Es gibt 60 Millionen Flüchtlinge auf der Welt, und ich möchte gern jeden einzelnen von ihnen stolz machen.

ZEIT ONLINE: Warum fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie nicht schwimmen?

Mardini: Ich schwimme aus Leidenschaft. Aber jetzt bedeutet es noch mehr – viele beobachten mich und wollen sehen, wie ich mich schlage. Ich stehe dadurch unter einem enormen Druck, ich möchte die Leute nicht enttäuschen. Das ist eine große Verantwortung für eine Achtzehnjährige. Und gleichzeitig weiß ich, dass ich nicht sämtliche Erwartungen erfüllen kann. Für ein syrisches Mädchen ist Schwimmen etwas anderes als für ein Mädchen aus Europa. Viele Syrer kritisieren mich, weil ich einen Badeanzug trage. Ich respektiere ihre Meinung und hoffe gleichzeitig, dass sie auch mich verstehen – ich habe ein Ziel, das ich erreichen will, und ich kann mich nicht an alle üblichen Regeln halten.

ZEIT ONLINE: Im vergangenen August sind Sie um Ihr Leben geschwommen, und jetzt schwimmen Sie bei den Olympischen Spielen. Kann man diese beiden Situationen vergleichen?

"Ich glaube, das Leben belohnt einen, wenn man nicht aufgibt"

Yusra Mardini während ihres Schwimmtrainings in Berlin © Alexander Hassenstein/Getty Images

Mardini: Es gibt gewisse Ähnlichkeiten. Die Spiele sind ein einmaliges Erlebnis, und um sein Leben zu schwimmen ebenfalls. Zugleich aber gibt es einen Riesenunterschied zwischen Glück und Erfolg und Gefahr und Tod. Als ich aus dem Schlauchboot sprang, hatte ich eine solche Angst, ich wusste nicht, ob ich überleben würde oder nicht. Die Olympiaqualifikation hat mir viel Mut gegeben und viele Menschen inspiriert – das ist viel besser. Es grenzt an ein Wunder, dass ich heute hier stehe. Das größte Leid, das ich in meinem Leben erfahren habe, brachte mich auch hierher an diesen Punkt. Manchmal eröffnet einem das Leben Möglichkeiten, wenn man sie am wenigsten erwartet.

ZEIT ONLINE: Schon in Syrien waren Sie und Ihre Schwester bekannte Schwimmerinnen. Wie konnten Sie in Syrien trainieren?

Mardini: Ich habe schon mit vier Jahren mit dem Schwimmen angefangen. Eines Tages an den Olympischen Spielen teilzunehmen, war schon immer mein Traum. In Syrien konnte ich nur einmal pro Tag trainieren, und seit Kriegsbeginn schafften wir es manchmal gar nicht zum Schwimmbad, weil der Weg zerbombt und unpassierbar war. Es gab Löcher in der Decke der Schwimmhalle. Als das Schwimmbad völlig zerstört war, musste ich aufhören. Der Krieg war fürchterlich, aber ich konnte fliehen und habe jetzt die Chance, meinen Traum zu verwirklichen. Ich glaube, das Leben belohnt einen, wenn man nicht aufgibt.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle hat der Sport für Ihre Integration in Deutschland gespielt?

Mardini: Das Leben als Flüchtling war anfangs ziemlich hart. Jeder meinte, Flüchtlinge würden nichts machen. Ich wohnte in einem Heim mit Hunderten anderen Menschen. Da war es schwer, aufzufallen und eine Chance zu bekommen. Aber viele von uns haben all das durchgestanden und sich ein neues Leben aufgebaut. Dass ich heute bin, wo ich bin, habe ich dem Sport zu verdanken. Ich lebe ein ganz normales Leben – meine Familie hat eine Wohnung, ich gehe zur Schule und zum Training. Im Wasser bin ich weder Syrerin noch Deutsche. Hier zählt nur mein Können, und ich kann zeigen, was ich wert bin. Ich habe es satt, als Flüchtling bezeichnet zu werden. Ich sehe mich als Schwimmerin, fertig. Jemand hat mich mal gefragt: "Wie fühlst du dich als Flüchtling im Wasser?" Die Frage fand ich wirklich lustig. Ich denke nur daran, wie schnell ich schwimme. Mehr nicht.

Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender