"Ich besitze keine Kleider und keine Schuhe, auch keine Häuser mit Zäunen und Toren, geboren wurde ich im Pferdewagen..." 

Als fünfjähriges Mädchen im Kronstadter Kindergarten sang ich dieses Lied aus voller Kehle. Zum Fasching trug ich bunte Röcke und rote Schleifen in den geflochtenen Haaren. Ich empfand eine große Faszination beim Anblick der Frauen, die in ihren langen bunten Röcken, mit dreckigen Füßen und großen Stöcken die Mülleimer der Stadt durchforsteten. Von meinem Vater lernte ich irgendwann, dass sie faul waren und ihren Kindern die Gliedmaßen fürs Betteln abschnitten. Sie könnten Wahrsagen, sagte man, und einen verfluchen. Über die Ungarn in meiner Platte hieß es, sie wollten Rumänien annektieren. Sie seien sehr arrogant und würden unsere Sprache nicht lernen wollen. Vom ungarischen Nachbarsjungen bekam ich meinen ersten Liebesbrief – ich habe nie wieder mit ihm geredet.

France-Elena Damian, geboren 1977 in Brasov/Rumänien, ist Regisseurin und Autorin. In Berlin absolvierte sie das Regiestudium an der Hochschule für Schauspiel "Ernst Busch" und entwickelt heute theatrale Projekte mit Flüchtlingen und Migranten. In ihrer aktuellen Arbeit beschäftigt sie sich mit der Diskriminierung von Roma. Sie ist Gastautorin von 10nach8. © privat

Mit Stolz erzählt mir meine Oma, eine Siebenbürger Sächsin, heute noch von ihren Trachten, dem Tanz um den Maibaum, dem Wohlstand und den fleißigen Deutschen, von denen wir alle abstammen. Die Rumänen verabscheut sie, weil die Kommunisten der deutschen Minderheit die Privilegien strichen. Bis zu unserer Flucht sehnte sie sich nach Deutschland und ihresgleichen. Doch als wir 1988 hier ankamen, gehörte meine Familie plötzlich wieder zu einer Minderheit. In der Hierarchie der Ausgrenzung waren Spätaussiedler zwar theoretisch okay, Rumänen weniger und die Roma gar nicht. Doch eigentlich galten wir im Westen alle als ein und dasselbe. Mit dem Ausbruch des Balkankonflikts in den 1990ern und dem EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens eroberten viele Roma die Straßen der europäischen Hauptstädte. Und so bezog die Diskriminierung sich plötzlich auch auf uns. Die zahlreichen Beteuerungen, man sei zwar aus Rumänien aber eben auch deutschstämmig, jedenfalls kein Roma, halfen uns im Alltag nicht weiter – unser Akzent kennzeichnete uns eindeutig als Fremde. 

Irgendwer ist immer ein No-Go

Ich begriff damals, wie willkürlich das System Ausgrenzung funktionierte. Aber natürlich pflegten wir auch in Deutschland neue Vorurteile. Während meine Oma noch immer leidenschaftlich auf die Rumänen schimpfte, hatte meine Cousine sich in den Kopf gesetzt, einen türkischen Migranten mit muslimischem Glauben zu heiraten. Der Schock saß tief, und die Angst war groß, dass sie demnächst mit Kopftuch durch die Straßen ziehen und von ihrem Mann unterdrückt würde. Er wurde aufmerksam von der Familie beobachtet, und erst, als er den Glauben wechselte und sie noch einmal in einer orthodoxen Kirche heirateten, beruhigten sich die Gemüter. Nachdem alle kurz aufgeatmet hatten, verliebte sich meine andere Cousine in einen Tunesier. Sie heiratete ihn heimlich im Ausland, damit er nach Deutschland kommen konnte. Und heute verrät höchstens der Blick auf den Speiseplan, dass sie Muslima ist.

Erst neulich erzählten mir ein paar aufgeschlossen wirkende Türkinnen aus meinem Berliner Kiez, dass ein deutscher Ehemann für ihre Kinder nur in Frage käme, wenn er Muslim werden würde. Und während die Medien gerade aufgeregt die Vollverschleierung oder Burkinis diskutieren, wird mir wieder einmal bewusst, dass irgendeiner für irgendeinen immer ein No-Go ist.

Was nur macht Vorurteile so attraktiv, oder besser, wem dienen sie? Was hat es gebracht, dass ich mit dem ungarischen Nachbarn aus meiner Platte nicht gesprochen habe oder auf den Straßen die Roma mied? Nichts, außer dass der Familienfriede gewahrt blieb, die traditionellen Vorurteile weiter lebten. Denn Verbundenheit ist beim Thema Ausgrenzung elementar. Schimpft man gemeinsam über Dritte, verbindet das. Es stärkt die Gruppe, das gilt für die Familie genauso wie für den Freundeskreis oder die Gesellschaft. Es ist ein menschliches Bedürfnis sich zusammenzutun, für die Flüchtlinge, gegen sie, für die Kleingartenkolonie oder gegen die Burka. 

Schlauer als das System

Und das Gemeinschaftliche ist per se ja auch nichts Schlechtes. Doch was dieser Tage daraus entsteht, ist schon deshalb besorgniserregend, weil kaum noch jemand die Beliebigkeit in den Ausgrenzungsmechanismen wahrzunehmen scheint. Denn was heute für die einen gilt, kann schon morgen die anderen treffen. Die Hierarchien der Ausgrenzung verschieben sich schlicht. Derzeit gilt: Syrienflüchtlinge okay, politisch Verfolgte anderer Staaten zähneknirschend okay, Wirtschaftsflüchtlinge nicht okay, Roma – immer noch – gar nicht okay. 

So wird über "legitime" Fluchtgründe diskutiert, anstatt das Potenzial derer anzuschauen, die kommen – aus welchen Gründen auch immer. In unserem Fall hatten wir die Korruption und die staatliche Willkür in Rumänien satt. Vielleicht war an ein paar Klischees, mit denen man uns anfangs konfrontierte, sogar etwas dran. Ich erinnere mich zumindest an den einen oder anderen Onkel, der zunächst dachte, er sei schlauer als das System. Doch das erledigte sich im Alltag schnell und so sind auch sie schließlich in der neuen Gesellschaft angekommen.

Denn, seine Heimat, die Wurzeln, Mentalität, Freunde, Bekannte und Beziehungen zurückzulassen ist ein tiefgreifender Einschnitt im Leben. Wer sich für die neue Heimat entscheidet, für den ist es existentiell, am Ende eine Erfolgsgeschichte erzählen zu können. Darüber, dass es sich das Opfer gelohnt hat und dass ein Leben hier, wenn auch mit vielen Hindernissen versehen, richtig ist. Um solche Erfolgsgeschichten zu ermöglichen, sollten wir darüber reden, wie wir Arbeits- und Wohnungsmarkt öffnen, wie wir sie transparenter und vielfältiger gestalten und die Potenziale aller ausschöpfen können – nicht darüber, wer möglicherweise zu uns passt und wer nicht.