Freiheit von der Freiheit – Seite 1

In Frankreich, einem Land, das den Feminismus zwar miterfunden hat, von seinen jüngsten Wellen im Dunham-Beyonce-Laurie-Penny-wie-sie-sonst-alle-heißen-Modus aber gänzlich unberührt geblieben ist, geistert derzeit ein Begriff, oder vielleicht müsste man eher sagen: ein Phantasma, jedenfalls etwas recht Ungreifbares und deshalb jederzeit Einsetzbares durch den Raum: Die Idee der femme libre, der freien Frau.

Man serviert sie uns gerade, wie man hier so schön sagt à toutes les sauces, zu jedem Gericht, in allen möglichen Varianten, und es wird sicher nicht mehr allzu lange dauern, da wird Shampoo uns nicht mehr mit dem Spruch "Weil ich es mir wert bin" angepriesen, sondern mit "Weil ich frei bin".

Annabelle Hirsch, geboren 1986, ist Deutsch-Französin und lebt als freie Autorin in Paris. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Oliver Helbig

Bis dahin ist die "freie Frau" in Frankreich allerdings nicht Pop, man verkauft mit ihr weder Shampoos noch Bücher, noch Songs, noch Serien, noch Magazine, sondern Politik. Das wiederum führt immer häufiger zu Eklats. Wie etwa neulich in unserem Wohnzimmer. Wir hatten Freunde zum Essen eingeladen, alles war friedlich und nett, bis das Gespräch auf die Burkini-Debatte kam. Leider.

Emotionale Standpunkte

In Frankreich (wie sicher auch in Deutschland) gibt es ja in letzter Zeit immer mehr Themen, die man in größeren Runden lieber vermeidet. Zum einen, weil man Seiten an Freunden entdeckt, die man gerne nicht entdecken würde, zum anderen weil der Abend dann meist recht schnell in eine unangenehme Stammtischatmosphäre abdriftet, bei der jeder keineswegs rationale, dafür aber meist heftig emotionale Standpunkte in den Raum wirft, bis irgendwann alle nur noch schreien und sich mindestens drei Wochen lang gar nicht mehr sehen oder hören wollen.

In etwa so verlief es auch bei uns. Es begann ganz sanft mit einem allgemeinen Freuen darüber, dass dieses Thema nun endlich mehr oder weniger vom Tisch sei, nur blieb es dann ganz hartnäckig dort sitzen. Über lange Minuten gelang es mir, mich aus der mittlerweile wirklich redundanten, vorwiegend männlich geprägten Diskussion rauszuhalten und mit einer Freundin über frivolere, amüsantere Dinge zu sprechen, bis neben mir folgender Satz fiel: "Hier geht es um die Freiheit der Frau!" Wohlgemerkt aus dem Mund eines Mannes, der reizend ist, von Feminismus aber so viel Ahnung hat wie ich von Atomphysik.

Hip und marketing-affin

Da brach es aus mir heraus (ich fürchte schreiend): "Als ob du wüsstest, was eine freie Frau ist! Du redest von deiner Freundin wie von einer schicken Kommode, ihre Hauptqualität ist ihre Schönheit, und ihre Schauspielkarriere kommt in deinen Augen nur nicht in Gang, weil sie, wie du sagst, zu viele Crêpes isst und einen dicken Po bekommt. Du bist vollkommen unqualifiziert auch nur ansatzweise zu beurteilen, ob eine Frau frei ist oder nicht!" Er sah mich entsetzt an, fast so als hätte ich ihn verprügelt, und sagte dann, ich hätte eine Machophobie oder etwas ähnlich Abstruses. Okay.

In den letzten Wochen erlebte man eine ähnliche Situation mehrmals: Eine Runde von Männern sitzt eierschaukelnd da, kratzt sich ein bisschen am Bart und überlegt, wie man dieser Debatte einen annehmbaren Dreh geben, wie man es also hinbekommen könnte, dem überall lauernden Islamophobie-Vorwurf zu entgehen, nicht als rassistisches Arschloch, sondern als Verfechter von Werten, allen voran der Freiheit, und, na klar, warum auch nicht, der Frau dazustehen. Ist ja auch logisch, man sagt, man kämpfe für die Frau, das kommt immer gut an, das geht immer, ist ja auch gerade wieder hip und marketing-affin.

Woran misst sich die Freiheit einer Frau?

So saßen dann im Sommer drei fünfzigjährige, recht bekannte Männer im Radio und sagten nicht: "Wir finden es pietätslos, dass eine Frau dort, wo vor kurzem 86 Menschen im Namen Allahs ermordet wurden, im Burkini aufkreuzt." Oder: "Wir haben Angst." Oder: "Sorry, aber wir können nicht mehr, wir wissen nicht mehr wo hinten und vorne ist und scheinbar weiß es auch sonst niemand in diesem Land." Oder irgendetwas, was auch nur ansatzweise mit der Realität kompatibel wäre. Sie fragten lieber: "Sehen sie eine freie Frau, wenn sie eine Frau im Burkini sehen?"

Nicht dass ich für den Burkini wäre, ich bin dagegen, dass Frauen sich verschleiern, nur bin ich ebenso dagegen, dass man vollkommen hypothetisch über den angeblich von außen messbaren Freiheitswert einer Frau debattiert, ohne dabei auch nur eine einzige Frau zu Wort kommen zu lassen. Weiß die nicht am besten, was eine femme libre ausmacht und was nicht? Ist die nicht mittlerweile groß und emanzipiert genug, um selbst für ihre Freiheit und die ihrer Mitbürgerinnen zu kämpfen? 

"Je suis une femme libre"

Und überhaupt: Woran misst sich die Freiheit einer Frau? An ihrer Kleidung? An der Karriere? Daran, dass sie "wie ein Mann" Sex hat oder viel und ausführlich darüber spricht, dass sie menstruiert? Vielleicht ja, vielleicht nein, vielleicht ist die Frage der Freiheit (nicht nur der Frau) komplexer als das. Sicher ist aber, dass diese Diskussion nicht von reinen Männerrunden in falsch verstandener Rittergeste, sondern von Frauen geführt werden sollte. 

Dummerweise hat sich in Frankreich gerade eine in Sachen Freiheit fragwürdige Frau des femme libre-Slogans ermächtigt: Marine Le Pen. Wenn es um Populismus geht, ist Frau Le Pen ja bekanntlich ein Ass, sie weiß, wie man wütende, sich unterdrückt fühlende Mengen mobilisiert. Und da gerade freie, unabhängige und starke Frauen besonders populär sind, stellte sich die kräftige Blondine vor zwei Wochen bei ihrer "Rentrée politique" hin und verkündete: "Je suis une femme libre". Schon klar, im männerdominierten französischen Politzirkus liegt es für Marine, die ihrem Vater selbstbewusst die Stirn bot und die kränkelnde Partei salonfähig und erfolgreich gemacht hat, nahe, sich als Feministin zu geben, zumal sie das nicht zum ersten Mal tat.

Gefahr aus dem Nahen Osten

Nach Köln veröffentlichte Frau Le Pen einen Kommentar auf der Seite lopinion.fr, in dem sie erklärte, die Flüchtlingswelle bedrohe die Freiheit der Frauen. Dass sie, die gerne mal Simone Veil und Elisabeth Badinter zitiert, mit ihrem Programm gegen das planning familial allerdings Rechte in Frage stellt, für die ebendiese Frauen erbittert gekämpft haben, etwa das der Abtreibung, und dadurch die Freiheit der Frau mindestens ebenso, vielleicht sogar grundsätzlicher bedroht als eine angenommene (wenn auch nicht zu missachtende) Gefahr aus dem Nahen Osten, scheint egal.

Denn es geht in diesen ganzen Diskussionen ja am Ende weder um die Frau noch um ihre Freiheit, sondern um eine gerade sehr gut zu verkaufende Verpackung für allerlei halbfertiggedachte, schwachsinnige, im schlimmsten Fall gefährliche Ideen. Als solche eignet sich die femme libre in Frankreich leider gerade sehr gut – nur ist sie auch die Hauptleidtragende der ganzen Geschichte.