Moralische Debatten hören nie auf, sie ändern nur ihre Gestalt. In Frankreich zum Beispiel hat das höchste Gericht zwar gerade das Verbot des langärmligen Badeanzugs für "offensichtlich illegal" erklärt, die Debatte darüber aber trotzdem nicht beenden können. Wie auch: Über weibliche Garderobe wird in Frankreich seit mindestens 200 Jahren gestritten wie über sonst kaum irgendwas.

Nach dem Burkini-Urteil sagte der französische Premierminister Manuel Valls in einer Rede etwas unvermittelt, dass die entblößte weibliche Brust gewissermaßen die französische Republik repräsentiere. Im Ganzen lautete das Zitat: "Marianne, das Symbol der Republik, hat eine nackte Brust, weil sie das Volk ernährt, und sie ist nicht verhüllt, weil sie frei ist." Unter französischen Historikern ist es seither zu einer Art Sport geworden, den Premierminister en detail zu widerlegen. Eine symbolische Debatte war unversehens von einer Debatte über Symbole abgelöst worden.

Die erste barbusige Frau als Symbol der französischen Republikaner lässt sich auf das Jahr 1792 datieren: Nach dem Sturz der Monarchie erkor der Konvent die Figur zu einem Teil des Staatssiegels. Allerdings hieß sie zu diesem Zeitpunkt weder Marianne noch war sie eine Allegorie der Republik, sondern der Freiheit.

Marie und Anne

Der Name wurde erst fast ein Jahrhundert später in der Dritten Republik erfunden, um der katholischen Kirche eins mitzugeben. Schließlich sah das Symbol der Revolution jetzt nicht mehr nur aus wie die sittsame Marie der Katholiken, sie hieß auch noch so ähnlich, nur eben mit dem kleinen Unterschied, dass sich der Name aus den beiden populärsten Frauennamen Frankreichs zusammensetzte: Marie und Anne. 

Allerdings stritt die Dritte Republik nicht nur über die Frage, ob die Marianne mit entblößter oder verhüllter Brust darzustellen sei, so verbissen wie die Fünfte Republik heute über den Burkini. Auf dem Verhandlungstisch lag immer auch die Kopfbedeckung: Auf vielen Abbildungen trägt die Marianne eine sogenannte phrygische Mütze, den ideellen Vorläufer der Mütze von Papa Schlumpf, womit bei Weitem nicht alle einverstanden waren.

Die Marianne jedenfalls gibt es in allen erdenklichen Ausführungen: mit Mütze, ohne Mütze, mit freier Brust, hochgeschlossen, bewaffnet, unbewaffnet, mit Kindern, ohne Kinder. Als Faustregel gilt: Die konservativen Republikaner bevorzugten die Marianne tendenziell züchtig, ohne Waffen, ohne Mütze und sitzend. Die Radikalen sahen sie lieber in der Version von Delacroix: stürmend, kämpfend und halb bekleidet. Das Auge fürs modische Detail hat sich in Frankreich vielleicht auch deshalb stärker herausbilden können als anderswo weil Bekleidungsdebatten hier traditionell an der Grenze zum Bürgerkrieg ausgetragen werden.

Die Diskussion um die Marianne war immer auch eine Diskussion um Frauenbilder, die ja vor allem da besonders entschieden geführt werden, wo Frauen selbst nicht gefragt werden müssen. Während die Dritte Republik damit beschäftigt war, unentwegt die Marianne ein- und auszukleiden, war an das Frauenwahlrecht auch in Frankreich noch weitere 50 Jahre nicht zu denken.