"Ja, genau", schimpft Gallant. "Ohne die Scheiß-KIs der e-politics hätte ich noch meinen Job."

"Wieso?", möchte ich wissen. "Was hast du denn früher gemacht?"

"Abgeordneter war ich", motzt er. "Im Bundestag!"

"Was ist passiert?"

"Was passiert ist? Ha! E-politics ist passiert!"

Microlearning: E-politics

Anfang der 20er-Jahre kamen die ersten E-politics-KIs auf den Markt. Dank Datenbasierter Motivermittlung konnten sie den Wählerwillen bis auf ein, zwei Prozentpunkte genau bestimmen.

Carsten Benter (Gründer von ImState, E-politics-System) schaltet sich ein: Seien wir ehrlich, für Politik musste man noch nie intelligent sein. Man musste den Leuten zuhören, Stimmungen und Meinungen erfassen und in den politischen Plattformen wie Parteien, Stadträten oder Parlament austauschen, koordinieren und Konsens bilden. Zuhören und Erfassen von Stimmungen und Meinungen wird heute, im Big-Data-Zeitalter, durch die unbegrenzte (Selbst)Überwachung ersetzt. Man muss nur noch seinen persönlichen Datenfeed in das System einspeisen und schon ermitteln KIs laufend die Einstellung der gesamten Bevölkerung. Austausch organisieren und Konsens ermitteln die KIs gepaart mit automatisierten Managementsystemen auf digitalen Plattformen so wie in den modernen, sich selbst steuernden Unternehmen.

Die Microlehrerin ergänzt: Carsten Benter hatte die frühen E-politics-Systeme Anfang der 2020er Jahre probehalber allen zur Verfügung gestellt. Die Partei der 'Macher' hatte sie schließlich für sich genutzt. "Politik wird immer Menschensache bleiben", höhnte der damalige Vizekanzler, während die Macher mithilfe der neuen Technologien die Wähler überzeugten. Kommunikationstechnisch und finanziell unterstützt von den neuen Tech-Oligarchen, gingen sie mit ihren Vorschlägen sogar noch einen Schritt weiter.

Wieder Carsten Benter von ImState: Gesetze sind nichts anderes als "Wenn-Dann"-Befehle, also Algorithmen. Wenn du ein Produkt im Wert von weniger als 100 Euro stiehlst, dann erwartet dich  eine Vorstrafe in Höhe von sechs Monaten. KIs können inzwischen blitzschnell sämtliche denkbaren Möglichkeiten bestimmen. Viel präziser und damit gerechter als früher Menschen. Inklusive aller demokratischer Mechanismen von Minderheitenrechten, Checks and Balances, notwendigen Mehrheiten und so weiter, managen sie die Politik wie die hochkomplexe Steuerung eines Flughafens oder internationaler Finanz- und Warenströme. Als nächstes formulierten die KIs aus den gesammelten Werteeinstellungen der Bevölkerung automatisiert Gesetzesvorschläge.

"Wer erstellte die Programme", frage ich dazwischen. "Und wer kontrollierte sie?"

"Gute Frage", antwortet jetzt Jens Gallant. "Anfangs noch Algorithmenprüfer. Aber bald wurde klar, dass die Dinger längst zu komplex für menschliche Kontrolle waren. Seit letztem Jahr sind die meisten KIs wie vorhergesagt sowieso intelligenter als Menschen. Die Algorithmiker wurden nutz- und arbeitslos."

Benter fährt in meiner Linse fort. Wir fanden Wege, E-politics auf Basis des Grundgesetzes zu verwirklichen. Zumal ähnliche Systeme seit 2024 bereits in mehreren Ländern erfolgreich eingeführt wurden, darunter Estland, Chile und Neuseeland. Wozu noch Abgeordnete jahrelang ergebnislos debattieren lassen, wenn die Bevölkerung ohnehin weiß, was sie will? Mittels Smart-Contracts verpflichtet sich jeder teilnehmende Bürger zur Einhaltung der Regeln. 'Gesellschaftsvertrag' bekam eine ganz neue Bedeutung. Parlamente wurden abgeschafft, Regierungen durch Systemadministratoren ersetzt. Der Staat bin ich! Jede und jeder von uns. Wir demokratisierten die Demokratie!

Microlehrerin: Oder, wie es die Parteichefin der Macher nach ihrem Wahlsieg 2027 formulierte, als sie gefragt wurde, wie es sich anfühle, als Politikerin gewählt zu werden, die sich selber abschaffen soll: ‚Ich schaffe nicht mich als Politikerin ab, sondern mache 65 Millionen Deutsche zu Dauerpolitikern. Eine davon bin ich.