Karlsruhe, im Herbst 2031. Schon zwei Mal hat Hannah ihre linke Hand unter der Bettdecke hervorgestreckt und mit einem angedeuteten Wischen für Ruhe gesorgt. Beim dritten Mal lässt Aurora sich davon nicht mehr beeindrucken. Aurora ist ein "Ambient Butler", hergestellt von Amasoft, die Digitalversion des allzeit dienstbaren Geists. Und Aurora ist darauf programmiert, Hannah pünktlich aufzuwecken, vor allem heute, am Präsenztag. Zwei Mal hat sie es mit leiser Musik versucht, im dritten Anlauf spielt sie – lauter – eine auf Hannah zugeschnittene Nachrichtenauswahl:

"In Peking beraten die führenden Klimaschutzmächte über eine Verschärfung der Delhi-Konvention von 2028." … "Disney kündigt in Los Angeles an, dass Episode XIV der "Star-Wars"-Saga ausschließlich in Neuro-VR-Kinos gezeigt wird." … "Die hyperlokale Wettervorhersage: Auf Ihrem Südbalkon wird es heute Abend trocken bei leichtem Wind und 18 Grad Celsius sein." … "Eine neue Datenanalyse von Wirtschaftshistorikern der Universität Mannheim zeigt den räumlichen und zeitlichen Verlauf der Wirtschaftskrise, die vor einem Jahrhundert, in den Jahren 1931/1932 ihren Höhepunkt erreichte und sechs Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos machte." – Hannah reckt sich und wundert sich mal wieder über Aurora: Woher weiß sie bloß, dass diese abwegige Meldung irgendwie zu Hannahs Tagesablauf passt? Aber wissen sie nicht immer alles, diese Maschinen? Beflissene Diener und allgegenwärtige Konkurrenten…

Was hatten die Experten nicht alles erwartet! Mit welchen Prognosen hatten sie um sich geworfen! "Dieses Mal werden nicht nur körperliche Jobs durch geistige ersetzt", hatte Andrew McAfee vom Massachussetts Institute of Technology (MIT) gesagt. "Dieses Mal übernehmen Maschinen auch immer anspruchsvollere Denkaufgaben." Das war 2016. Zwei Jahre zuvor hatte McAfee mit Erik Brynjolfsson ein Buch geschrieben, das fortan als eine Art Blaupause für die nähere Zukunft gehandelt wurde: "The Second Machine Age: Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird". Der Philosoph Calum Chace hatte den Begriff der "ökonomischen Singularität" geprägt – für den Moment, in dem die Maschinen ihren menschlichen Erschaffern wirtschaftlich überlegen sind…

Zu den Vermutungen hatten sich rasch Hochrechnungen gesellt: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2016 sorgte eine Studie für Aufsehen, die den führenden Industrienationen binnen fünf Jahren einen Verlust von fünf Millionen Jobs voraussagte. Robotik und künstliche Intelligenz waren damals, vor 15 Jahren, schon als wesentliche Faktoren benannt worden. Bald bekamen die beiden Begriffe auch ihr eigenes Kürzel, das zum Kunstwort und dann zum Schlagwort wurde: "KIR" stand für die Kombination aus künstlicher Intelligenz (KI) und autonomer Robotik. Anfang der zwanziger Jahre berief die Bundesregierung den ersten nationalen KIR-Gipfel ein, Wirtschaftsverbände veranstalteten KIR-Symposien, die Zahl der ökonomischen Fachartikel mit dem Akronym schoss in die Höhe – und auch jene der soziologischen. Längst malten Gewerkschaftler Plakate mit ihrer Version: "KIlleR", wie Jobkiller. Sie sollten damit zugleich Recht und Unrecht behalten.

Künstliche Intelligenz - Die Nachrichten des Jahres 2030 – als Utopie Wie könnte künstliche Intelligenz unsere Zukunft beeinflussen? Hier die optimistische Sichtweise in Form einer fiktiven Nachrichtensendung. © Foto: Zeit Online

Aus Autofabriken werden Softwareschmieden

Als Hannah die Wohnungstür hinter sich schließt, regelt Aurora alle Geräte im Haushalt auf Stand-by herunter. Ein AI-Klasse Mercedes fährt vor. Aurora hat ihn just im richtigen Moment bestellt. "Gemüsechipskrümel, schon wieder!" schimpft Hannah. Die Snackspuren anderer Leute sind für sie das größte Ärgernis am Chauffeursharing. Aber seit die Autopiloten sich durchgesetzt haben, liest praktisch jeder bei der Fahrt oder schaut Videoclips – und futtert nebenbei. Noch schlimmer sieht es in den Taxen aus, seit sie fahrerlos sind.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet das Autoland Deutschland zum Marktführer würde, als ein paar Jahre nach dem US-Pionier Tesla alle großen Fahrzeugproduzenten digitale Chauffeure in ihre neuen Modelle integrierten. KIR machte nicht nur aus Autofabriken Softwareschmieden, es katapultierte die urdeutsche Branche mittelständischer Automobilzulieferer an den Spitzenplatz für Komponenten autonomer Geräte aller Art. Bis heute war der Arbeitsmarkt in diesem Segment wie leer gefegt. Ach ja, Auto plus KIR, das zwang die Werber dazu, ihre Slogans anzupassen: "Aus Freude am Gefahrenwerden" und "Das Autoauto".