Längst haben die Menschen in Syrien jede Hoffnung auf ein Ende des Krieges aufgegeben. Sie trauen nichts und niemandem mehr: weder dem Regime und seinen Verbündeten noch der Opposition und ihren Pseudoverbündeten noch der internationalen Gemeinschaft und den Menschenrechten. Selbst einstige göttliche Gewissheiten haben an Autorität eingebüßt. Da ist kein Licht am Ende des Tunnels, kein Platz mehr für Träume, außer für den einen letzten Wunsch: dass es kurz und schmerzlos enden möge und man nicht als Krüppel dahinsiechen oder den Verlust von Angehörigen verkraften muss. Gegen eine solche Vorstellung wirkt selbst der Tod wie eine Gnade.

Kefah Ali Deeb wurde 1982 in Latakia, Syrien, geboren und ist 2014 nach Berlin geflohen. Sie ist bildende Künstlerin, Aktivistin und Kinderbuchautorin, außerdem Mitglied des National Coordination Committee for Democratic Change in Syrien. Deeb ist Gastautorin von "10 nach 8". © Lena Kern

Und dennoch geht das Leben in Damaskus seinen gewohnten Gang, wie in einer surrealen Parallelwelt, wo das Sterben die einzige Schnittmenge mit der Außenwelt bildet.

Tatsächlich scheint in manchen Straßen, die noch innerhalb der vom Regime kontrollierten Zone liegen, normales Alltagsleben zu herrschen. Oft wuselt es regelrecht von Passanten, wobei die meisten offensichtlich gedankenverloren und ziellos umherschweifen. Auf den Märkten hat man von Weitem fast den Eindruck, als könnten sich die Verkäufer kaum des Ansturms der vielen Kunden erwehren.

In Wahrheit jedoch müssen sie sich die Stimmbänder heiser schreien, um ihre Ladenhüter loszuwerden. Galoppierende Inflation, mickrige Einkommen und grassierende Arbeitslosigkeit haben die Kaufkraft der leidenden Bevölkerung schwer dezimiert. Einzig und allein die Kriegsprofiteure machen gute Geschäfte mit dem Blut der Unschuldigen.

Das hindert die Menschen nicht daran, die Marktstraßen entlang zu bummeln. Zu Hause hätten sie doch nichts anderes zu tun, als auf den Tod warten; darauf, dass ihre Söhne in Särgen von der Front heimkehren oder dass irgendein Geschoss aus heiterem Himmel auf sie herniederprasselt und sie vom Warten auf jene Särge erlöst.

Der Tod eint sie alle

Nur ein paar Kilometer weiter, in den Gebieten, die schon außerhalb der Kontrolle des Regimes liegen, spielen sich Alltagsszenen ab, die denen in der Innenstadt teilweise gleichen – jedenfalls in den Phasen, in denen keine Bombenangriffe stattfinden. Die dortigen Bewohner bekommen noch drastischer zu spüren, was es heißt, wenn das Leben am seidenen Faden hängt. Denn dort werfen die Kampfflugzeuge des Regimes und seiner Verbündeten Tag für Tag Dutzende von Fassbomben ab, von denen jede einzelne eine Vielzahl von Opfern fordert.

Im Norden Syriens kann niemand mehr genau sagen, wer wo die Oberhand hat. Das einzige Bild, mit dem sich die Monstrosität der Lage dort beschreiben lässt, ist die Hölle.

So ist der Tod für die Menschen in Syrien – ob Regimetreue, Oppositionelle, Neutrale, Muslime, Christen oder Atheisten – zum letzten noch einigenden Band geworden. Geschosse scheren sich weder um politische und ethnische Zugehörigkeiten noch um religiöse Überzeugungen. Auch diejenigen von uns, die das Land verlassen haben, mussten dem Meer Blutzoll entrichten. Den Erlös aus all dem vergossenen Blut streichen derweil andere ein: skrupellose Menschenschmuggler, aber vor allem diejenigen, die das schmutzige Geschäft der Politik betreiben, und deren Helfershelfer.

Die Menschen in Syrien erwarten von niemandem mehr Hilfe oder Gnade. Sie haben längst eingesehen, dass die Welt sich blind und taub stellt gegenüber Forderungen, die ihren politischen und ökonomischen Interessen entgegenlaufen könnten. Da bleibt als letztes Mittel nur noch der Galgenhumor: Tut uns leid, liebe Menschheit, dass wir dich seit fünf Jahren um Hilfe anbetteln und dich mit unseren tragischen Geschichten belästigen.