"Die Macht hat einen Penis. Und gestern Nacht war zweifellos eine Nacht der 'Männlichkeit'", diese Zeilen schrieb mein Freund Tan Morgül am Tag nach dem Putschversuch vom 15. Juli. Der Kampf zweier furchtbarer Gegner, denen Machtverlust unerträglich ist, um die Vergrößerung von Macht und Penis. In diesem Land wird von jenen, die nicht in den Kampf involviert sind, erwartet, dass sie sich auf eine der beiden Seiten schlagen, dem Mächtigen hat man zu gehorchen, tut man das nicht, wird man vernichtet, Erinnerungen, Leben und Sehnsüchte anderer werden okkupiert, Leben werden neu angelegt. Das ist hier eine Art Irrenhaus.

Eylem Özdemir-Rinke wurde 1978 in Antalya geboren, ist Tänzerin und Mitgründerin der Performance-Company Zeitgetroffen Kollektiv sowie des Workshop-Laboratoriums a.c.t für Visual Art & Movement. Sie unterrichtet zudem an der International School in Berlin. © privat

Aus dem Nahen/Mittleren Osten zu stammen, heißt, sich irgendwo zugehörig fühlen zu können. Entweder gehörst du zu diesen oder zu jenen. Hast du aber ein wenig Grips im Kopf, ist es dir schier unmöglich, dich einer der angebotenen Alternativen zuzuordnen. Ich drehe mich im Kreis und kehre in das Irrenhaus zurück. Bin ich verrückt?

Was mich außer diesem Irrenhaus zu dem macht, was ich bin, sind meine Eltern, meine Freunde, meine Schwester, mein Neffe, meine Familie, die, die ich liebe und die ich vermisse. Ich habe einen Sohn von 22 Monaten, der jeden Tag sagt, fahren wir doch zu Oma und Opa, ich vermisse sie, ich will meinen Cousin sehen. Da bekommen und verschenken wir Liebe. Es gibt Menschen, nach denen wir uns sehnen, an denen unser Herz hängt. Es gibt Herzen, die mich lieben, mich unterstützen, in schweren Momenten mit mir weinen und sich mit mir freuen.

Zerrissenes Herz

Schieben wir doch Fahnen, Grenzen und Pässe beiseite; wo die leben, die man liebt, wo man spürt, dass man geliebt wird, da ist Heimat. Das kann auch nur ein Dorf sein oder ein Stadtviertel. Deshalb zerspringt mir vor lauter Enttäuschung, Trostlosigkeit und den immer gleichen Diskussionen mein von Sehnsucht zerrissenes Herz bei jeder Heimkehr aufs Neue. Jedes Mal schwirrt mir der Kopf mehr.

Wie alle anderen habe auch ich viele Fragen. Ich bin besorgt. Ich empfinde es als Verantwortung, Zeuge historischer Entwicklungen zu sein. Teil eines Landes zu sein, das zu einem Ort geworden ist, an dem man nicht weiß, in was für einem Land man morgen aufwacht. Sowohl drinnen, wie auch draußen zu sein. Ich kann überhaupt nicht absehen, wohin die Dinge sich entwickeln werden. Ich hoffe, Unrecht, Ungerechtigkeit, Veruntreuungen, kurz: alle Übel finden bald ein Ende. Und ich bin mir sicher, dass es nur eine Handvoll Leute auf der Welt gibt, die wissen, was aus den Ereignissen vom 15. Juli wird und was genau der Zweck dieser Sache ist. Wer auch immer das geplant haben mag – halten wir auf jeden Fall fest, dass es sich um einen Putsch handelt. Ob Fiktion oder Realität, es war ein Umsturzversuch. Akzeptieren wir das einmal und stellen dann unsere Fragen, denn im Augenblick brauchen wir Solidarität, Vernunft und Empathie mehr denn je.

Über 100 Journalisten sind in Gewahrsam oder in Haft, Tausende, Hunderttausende Angestellte im öffentlichen Dienst, Lehrer, Ärzte, Richter, Staatsanwälte, Akademiker, wurden entlassen. Viele Menschen wurden gefoltert, andere, Leute ohne Gewissen, verbreiten das skrupellos in der Öffentlichkeit. Einheit wird beschworen, aber die dritte Oppositionspartei an allen Ecken und Kanten ausgeschlossen. Es wird vom Willen der Nation gesprochen, aber zahlreiche gewählte Bürgermeister wurden abgesetzt. Wer war denn mit der Gülen-Bewegung befreundet, hat sie zu einer großen Macht im Staat werden lassen und sich dann abgewandt und ist jetzt mit ihr verfeindet? Wer regiert denn dieses Land seit 14 Jahren? Es ist unfassbar. Versöhnen: mit wem denn? Worüber versöhnen? Wo ist die Demokratie? Wo die Freiheit? Warum gilt Demokratie nur für eine Seite?

All diese Fragen wirbeln mir durch den Kopf und dazu meine Vergangenheit, meine Erinnerungen, meine Räume, die gespalten sind und in tausend Stücke zersprungen. Alle sind ohne Hoffnung, alle haben es satt, alle haben irgendwie Angst. Alle wollen weg und immer, wenn ich da bin, hat wieder ein Freund das Land verlassen. Meine Heimat, die mich zu mir macht, bröckelt, verschwindet. Der ganze Mist lässt mir keinen Ort, an den ich zurückkehren kann. 

Was Gezi ausmachte

Ja, der Gedanke wegzugehen, ist erleichternd. Doch lassen Sie es mich als Frau, die im Ausland lebt, so sagen: Solange es Menschen, Räume, Erinnerungen gibt, nach denen man sich sehnt, ist auch hier nicht WIR. Gezi zum Beispiel könnte hier nicht passieren. Eine solche seelenverwandte Solidarität ist in Europa undenkbar. Klar, jetzt brauchen wir Vernunft, aber jetzt ist die Zeit, nicht zu vergessen, was Gezi ausmachte, unsere wunderbaren herzlichen Gefühle, die uns sagten, ich kann einfach auf einen Kaffee zur Nachbarin gehen, die solidarische Gemeinschaft, in der man dem Nachbarn so sehr vertraut, dass man von jetzt auf gleich sein Kind anvertrauen kann.

Es ist an der Zeit, zusammenzustehen und das, woran wir uns nicht gewöhnen wollen, nicht nur in den sozialen Netzwerken zu teilen, sondern es darüber hinaus zu verinnerlichen und Empathie zu entwickeln. Es ist jetzt wirklich an der Zeit, uns an die guten Dinge zu erinnern, die wir gemeinsam zustande gebracht haben!

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe