Flip-Flops zur Arbeit? Nie wieder. Es war ihre dritte Woche im neuen One World Trade Center, dem mit 541 Metern heute höchsten Turm der westlichen Hemisphäre. Und Jacqui Rossi, 26, weiß selbst nicht, wie ihr so ein Anfängerfehler passieren konnte. "Wenn man an diesem Ort arbeitet, gibt es zwei einfache Regeln: Trag immer Schuhe, in denen du rennen kannst, und merk dir, wo die Notausgänge sind."

Fünfzehn Jahre ist es her, dass Al-Kaida-Terroristen zwei Passagierflugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme des World Trade Centers steuerten und sie zum Einsturz brachten. 2.996 Menschen starben. Mehr als 6.000 wurden verletzt.

Jacqui Rossis Tante Cathy ist eine von ihnen. Sie hat überlebt. Mit Verletzungen, die sie täglich an diesen Dienstagmorgen im September erinnern. Rossi war damals elf Jahre alt, ihre Tante hatte kurz vorher einen neuen Job im 83. Stockwerk des Südturms angenommen. "Sie war so aufgeregt", sagt Rossi, eine Puppe von Frau, blaue Augen, rund getuschte Wimpern, porzellanfarbener Teint, lange blonde Haare, eine dieser quietschigen Amerikanerinnen, die man leicht unterschätzt. "2001 verbrachte ich ein paar Wochen meiner Ferien in New York, um einen Schauspielkurs zu machen. Cathy war meine coole Großstadttante. An ihrem ersten Arbeitstag im World Trade Center rief sie mich an und erzählte voller Begeisterung: 'Jacqui, mein Büro ist so hoch, ich kann die Hubschrauber von oben sehen.'" 

Wenige Wochen später, Jacqui war bereits zurück bei ihren Eltern in Florida, raste am 11. September 2001 um 8.46 Uhr das erste Flugzeug mit 748 Stundenkilometern in den Nordturm, zwischen die 93. und 99. Etage. Cathy hatte einen Termin im 78. Stockwerk des Südturms. Sie hatte genug Zeit, um zum Treppenhaus und um ihr Leben zu rennen. Um 9.02 Uhr schlug das zweite Flugzeug mit einer Geschwindigkeit von 950 Stundenkilometern zwischen dem 77. und 85. Stockwerk ein.

Fünfzehn Jahre später stehen nun Rossis Kollegen vor den bodentiefen Fenstern im 83. Stockwerk des One World Trade Center und sagen: "Guck mal, wir sind höher als die Hubschrauber!" Rossi arbeitet im Videoteam von Mic, einem Onlinemedium für Millennials, das am 1. August ins neue One World Trade Center gezogen ist. Als Rossi sich auf den Job bewarb, befand sich die Redaktion von Mic noch im zehnten Stock eines grauen Bürogebäudes an der Hudson Street, zwischen Greenwich Village und Lower Manhattan. Hätte sie gewusst, dass sie eines Tages im World Trade Center arbeiten würde, hätte sie es sich vielleicht noch mal anders überlegt. 

Eine seltsame Fallsucht

Die Geschichte ihrer Tante ist auch ihre eigene Geschichte geworden. "9/11 ist nun Teil unseres Familiennarrativs", sagt Jacqui Rossi. Wenige Wochen nach ihrem ersten Arbeitstag verkündeten ihre Chefs stolz: Wir ziehen ins 1WTC! Wie früher ist das World Trade Center für junge Unternehmer heute wieder eine Adresse zum Angeben. Nun sitzt Mic im 83. Stock eines der symbolträchtigsten Bauwerke der jüngeren Geschichte. Und im World Trade Center wird nicht mehr mit Geld, sondern mit Gedanken gehandelt. Mic ist nicht das einzige Medienunternehmen im Turm. Condé Nast belegt 24 Stockwerke, wobei es vor allem den Redakteurinnen der Vogue nicht besonders zu gefallen scheint. Die Klimaanlage sei so kalt, dass man das ganze Jahr über Pelz tragen müsse; die Limousinen der leitenden Mitarbeiterinnen sind zu lang für die Sicherheitszone; die Drehtüren behindern die Kuriere; es gibt kein Starbucks in Stöckelschuh-Laufweite, bei der Vogue gilt an den Füßen das Wechselprinzip: nie ohne Highheels, wenn Anna Wintour guckt, aber auf dem Hin- und Heimweg bequem.

Auch die Fernsehkanäle 2, 4, 13 und 47 sitzen dort, ebenso das China Center New York und einige Immobilienunternehmen. Ein Großteil der Flächen steht immer noch leer. Und Jacqui Rossi muss jeden Tag aufs Neue in ihr Büro im Himmel, um einen Job zu machen, der wahrscheinlich ihr nächster wichtiger Karriereschritt sein wird – genau so, wie es damals für ihre Tante war. "Irgendwie fühlt es sich so an, als würde ich nun zu Ende bringen, was sie begonnen hat", sagt Rossi. Bis sie sich das erste Mal zum Fenster vorgewagt hat, um die Stadt von oben sehen, vergehen zwei Wochen.

2,3 Millionen Besucher bezahlten für diesen Blick im vergangenen Jahr 32 Dollar pro Person. Eine Million weniger als erwartet. Aber immerhin. Nachdem die ersten Mieter ins One World Center eingezogen waren, kamen im Mai 2015 die Touristen. Im 100. und 101. Stock befindet sich das Observatory, eine Aussichtsplattform mit Restaurant, Ausstellung und dem Sky Portal, einem Glasboden. Von dort kann man nicht nur raus-, sondern auch runtergucken. Mit den Bildern im Kopf von den Menschen, die 2001 aus den oberen brennenden Stockwerken in den Tod sprangen, beschwört dieser Blick eine seltsame Fallsucht herauf. 

Aber die Observatory-Experience wischt alle störenden Erinnerungsblitze schnell wieder weg. Zu viele Menschen, zu viel los, zu viel zu sehen, zu essen, zu trinken. Fragt man die New Yorker nach der Kommerzialisierung dieses hochtraumatisierten Ortes, sagen sie nur: "This is America. This is what we do." Wer hier kein Geld macht, hat selbst Schuld. Das Observatory ist der einzige Ort, der den Turm noch als "Freedom Tower" bewirbt. Die New Yorker nennen den neuen Turm einfach World Trade Center.