Wie es sich vermutlich schon in ganz Europa herumgesprochen hat, hat Österreich beschlossen, die Bundespräsidentenwahl im Murmeltiermodus durchzuführen. Zum wiederholten Mal touren die erschöpften Kandidaten durchs Land, zum wiederholten Mal müssen sie um Aufmerksamkeit und Sympathien buhlen, und zum wiederholten Mal testet die freiheitliche Partei aus, was noch möglich ist.

Wie es derzeit aussieht, ist sogar möglich, dass Österreich Amerika den Rang des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten abläuft. Zaubertinte, Wahlbetrug, der schon vor dem ersten Wahlgang befürchtet worden war – ein rhetorischer Kniff, den Donald Trump bereits dankend übernommen hat, seit seine Werte dramatisch sinken – und ganz real fehlgeklebte Wahlkartenkuverts machten den Wahlkampf zum Nationaldrama mit beschränkter Haltung. Falls sich jemand über die angeblich eingesetzte Zaubertinte und die angeblichen Wahlbetrügereien gewundert hat: Es gibt eine Fortsetzung.

Die Magie, die dem Kontrahenten so mystisch in die Hände gespielt haben soll, kann nur ein Teufelswerk gewesen sein. Und was ruft man an, wenn Teufelswerk im Spiel ist? Natürlich die göttlichen Heerscharen. Norbert Hofer ist nicht nur Zaubertintenopfer, sondern auch österreichischer Bundespräsidentschaftskandidat sowie Ehrenmitglied der Burschenschaft Marko-Germania zu Pinkafeld, die Österreich nicht als eigenständige Nation betrachtet, sondern sich auf "das deutsche Vaterland, unabhängig von bestehenden staatlichen Grenzen" beruft. Seine letzte Wahlplakatserie spielt den ultimativen Trumpf aus, quasi den Jackpot aller Wahlkampfschlachten: den Allmächtigen ganz persönlich.

Julya Rabinowich wurde 1970 in St. Petersburg geboren und lebt seit 1977 in Wien. Sie ist Autorin, Bildende Künstlerin, Simultandolmetscherin und Kolumnistin. Ihr Jugendbuchdebüt "Dazwischen: Ich" erschien 2016 im Hanser Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Margit Marnul

Ein Plakat zeigt Norbert Hofer, konzentriert in die Zukunft Österreichs blickend, mit gut aufgezogenem Lächeln. Das Wahlvolk wird jovial geduzt. "In eurem Sinne entscheiden. So wahr mir Gott helfe", steht darunter. Auch der Parteichef Heinz Christian Strache sieht Hofer "mit Gottes Hilfe" schon auf dem Weg in die Hofburg. Dass ausgerechnet dessen irdische Vertretung immer wieder mit wüsten Attacken der freiheitlichen Partei zu kämpfen hatte, scheint weder Strache noch Hofer zu irritieren. Auf der Facebookseite des blauen Parteichefs, der sich wahlkampfrhetorisch ganz der Nächstenliebe verschrieben hat, zeigten sich nur kurze Zeit zuvor ganze Abgründe an verbalen Aggressionen, als ein suizidaler Asylbewerber im Ausnahmezustand, der gerade vom Tod seines Vaters erfahren hatte, versuchte, sich erst unter eine Straßenbahn zu werfen, um dann zu versuchen, die Starkstromleitung zu ergreifen.

Kritischen Stimmen, die den tobenden Mob zur Mäßigung aufriefen, wie etwa Klaus Schwertner, Pressesprecher der Caritas, wurden zügig von der Facebookseite gelöscht. Höflich formulierende Kritiker geblockt. Die zahlreichen rassistischen Entgleisungen, die Morddrohungen und Gewaltaufrufe blieben tagelang stehen. Die Folge dieser teilweise offenherzig mit Klarnamen gestalteten Ausnahmesituation am Schirm war jedenfalls, dass sich nun die Staatsanwaltschaft mit den Anhängern der blauen Nächstenliebe beschäftigen muss – und mit dem Inhaber der Seite: Heinz Christian Strache, der sich selbst "Bürgerkanzler" nennt, da es mit dem echten Titel immer noch nichts geworden ist. Die FPÖ und die kritischen Stimmen: eine lange, traurige Geschichte.

Auch während Norbert Hofers Wahlplakatpräsentation ließen kritische Stimmen nicht lange auf sich warten. Diese Stimmen kamen nicht unbedingt aus neutraler oder gar atheistischer Ecke. Bischof Bünker und andere kirchliche Vertreter zeigten sich vom Missbrauch religiöser Symbole verärgert. "Gott lässt sich nicht für eigene Absichten oder politische Zwecke instrumentalisieren", ließ Bünker quasi im Namen des Allmächtigen ausrichten.