Begleitung

Gegen Ende des vergangenen Januars war ich in der sechsundzwanzigsten Schwangerschaftswoche. Für ein einmonatiges Praktikum war ich von Berlin nach Bonn gekommen, wurde aber nur einen Tag nach meiner Ankunft krank. Wegen der Grippe blieb ich eine Woche lang im Bett. Grippe, Fieber und Schwangerschaft sind nicht nur eine sehr ungünstige Kombination, sondern auch eine gefährliche.

Um mir etwas zu essen zu besorgen, musste ich mich buchstäblich aus dem Bett meines sehr kleinen Zimmers schleppen. Der einzige nah gelegene Supermarkt des Vorortes, in dem ich wohnte, war zehn Gehminuten entfernt, jetzt aber brauchte ich mehr als zwanzig Minuten, um dorthin zu kommen und weitere zwanzig Minuten zurück, mit vielen Pausen zwischendrin.

Einmal saß ich auf halber Strecke zwischen Zimmer und Supermarkt zum Verschnaufen auf der niedrigen Mauer eines luxuriösen Hauses. Es war sehr dunkel und kalt, ich fühlte, wie meine Stirn und meine Wangen vom Fieber brannten und ich war sehr einsam. Weder in die eine noch in die andere Richtung konnte ich einen Schritt setzen, ich war selbst zum Weinen zu erschöpft.

Da bemerkte ich sie zum ersten Mal: Freundlich, doch entschieden nahmen sie mich bei der Hand und bestärkten mich, die Reise fortzusetzen: "Wir konnten das und du kannst das auch. Steh auf für das Kind in deinem Bauch. Du kannst das schaffen!"

Dima Al-Bitar Kalaji ist eine freie syrische Journalistin, die seit 2013 in Berlin lebt. Sie arbeitet für Radio SouriaLi und schreibt ein Blog über Schwangerschaft für arabische Frauen in Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

All diese schwangeren syrischen Frauen zogen und ziehen noch immer in abgetragenen Schuhen, die ihre Füße halten, über lange, kalte und unwegsame Straßen, um ihre Kinder so weit wie möglich entfernt von dem Inferno, aus dem sie kommen, zur Welt zu bringen. Von meiner Ärztin, von Freiwilligen und Freunden habe ich Dutzende Geschichten über Frauen gehört, die, sobald sie die Grenzen ihrer Zielländer überquert hatten, ihre Kinder zur Welt brachten. Auf dem Weg in diese Länder lehnten sie es ab zu rasten und sich auszuruhen; sie waren die energischsten Personen in ihren Gruppen, verfügten über eine innere Kraft, mit der sie ihren Zielorten entgegendrängten.

Diese Frauen – die ich mit meiner wohl behüteten Schwangerschaft bedauerlicherweise nie getroffen habe  – erleichterten und erhellten mir meinen Weg für eine Woche in einer Stadt, in der ich niemanden kannte. Sie waren die einzigen, die in der Krankheit an meiner Seite waren.

Jetzt erst verstand ich die Motivation dieser Frauen, ihre Reise fortzusetzen, voranzukommen, weiterzugehen.

Zuhause

Fast drei Jahre sind vergangen, und noch immer durchwühle ich meine Schränke auf der Suche nach etwas, bis ich mich schließlich daran erinnere, dass sich das, was ich suche, in meinem Schrank in Damaskus befindet, nicht in Berlin.

Drei Jahre sind vergangen und noch immer haben wir keine gute Kartoffelreibe oder eine Zitronenquetsche, die mir zusagt. Bevor ich mein Kind zur Welt brachte ließ ich mir ein 45-Kilogramm-Paket aus Syrien schicken, zehn Kilogramm davon waren Sachen, die meine Familie für mein ungeborenes Mädchen bestimmt hatte, der Rest waren Gegenstände aus unserem Zuhause. Ich ließ mir Teller, Löffel und Tassen schicken! Als ob es nichts davon in Berlin gäbe.

Aber ich dachte, wenn ich diese Dinge vor meiner Nase hätte, würde ich aufhören nach ihnen zu suchen. Ich hoffte, dass sich, wenn ich nur genug aus meinem Zuhause bei mir hätte, die Wohnung in der wir jetzt leben, in ein Zuhause verwandeln würde. All meinen vorangegangenen Versuchen war kein Erfolg vergönnt gewesen, sie hatten meinen neuen Ort klar, überreich an spitzen Winkeln und aufdringlich weiß gelassen.

Als ich mich mit den geflüchteten Neuankömmlingen umgab, spürte ich, wie fremd ich mich selbst noch fühlte. Von jenem Moment an, da es die Gegenstände aus meinem Zuhause in Damaskus hierher zu mir geschafft hatten, waren sie genauso deplatziert und ihres eigentlichen Ortes entzogen wie ich. Hier ist nicht der Ort, an den sie gehören, so wie auch ich nicht hierher gehöre.

Kaum, dass ich die Gegenstände in die Schränke sortiert hatte, begann ich nach Dingen zu suchen, die sich noch in Damaskus befanden.

Und noch immer haben wir keine Kartoffelreibe oder eine Zitronenpresse.

Wenn ich den Schrank meiner Tochter nach einer Socke durchwühle und sie finde, fühlt sich die Wohnung ein bisschen wie ein Zuhause an.