Kurt Tucholsky trendet 2016 endlich wieder. Seine Aussage "Was darf Satire? Alles" wurde im Zusammenhang mit Jan Böhmermann und Recep Tayyip Erdoğan so oft zitiert wie wohl nie zuvor. Doch leider wird diese Aussage nicht dadurch wahrer, dass man sie aus dem Zusammenhang reißt – einem Artikel über Aufgaben und Grenzen der Satire, den Tucholsky 1919 für das Berliner Tageblatt schrieb. Satire darf zwar alles, aber nicht alles darf sich Satire nennen. Das war es, was Tucholsky klarstellen wollte.

Die Mainzer Staatsanwaltschaft hat entschieden, dass Jan Böhmermanns Schmähkritik Satire ist. Böhmermann bedankte sich dafür am Mittwoch in einer Stellungnahme. Das Gericht stellt das Verfahren gegen ihn wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes ein. Aber nicht etwa, weil das Zotensperrfeuer im Neo Magazin Royale so unglaublich lustig gewesen wäre oder es in Wahrheit niemanden beleidigt hätte, sondern weil man dem Moderator den Vorsatz der Beleidigung nicht nachweisen konnte.

Jan Böhmermann hat während der strittigen Sendung mehrmals auf den Kontext seines ZDF-Satireformats hingewiesen, und diesen Kontext erkennt die Staatsanwaltschaft an. "Unter den Schutz der Meinungsfreiheit nach Artikel 5 Abs. 1 des Grundgesetzes fallen (...) Werturteile und Tatsachenbehauptungen, wenn und soweit sie zur Bildung von Meinungen beitragen", heißt es in der Begründung.

Was ist ein guter politischer Witz?

Zur Meinungsbildung hat Böhmermann mit seinen frei erfundenen Behauptungen ganz sicherlich beigetragen. Was uns wieder zu Tucholsky und einem wirklich passenden Zitat aus besagtem Zeitungsartikel bringt: "Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel." Die andere Hälfte applaudiert vom Sofa aus, weil sie ohnehin regelmäßig Jan Böhmermanns gewandten Fernsehfrechheiten zuschaut.

Wenn dann noch von draußen ein Verächter der Meinungsfreiheit wie Erdoğan hinzukommt und juristisch infrage stellen lässt, ob es sich hier überhaupt um einen "guten politischen Witz" handelt; wenn die Bundeskanzlerin in aller Hektik die Gewaltenteilung vergisst und es einen schlechten Witz nennt; wenn dann die beiden deutschen Sofahälften über Flüchtlingspolitik, den EU-Beitritt der Türkei, niveauvollen Humor und absackende Gürtellinien streiten; wenn gar der Eindruck entsteht, Böhmermann könne das alles so beabsichtigt haben – dann hat man eine politisch aufgeladene Gesellschaftsdebatte, deren Geschrei sogar bis auf die andere Seite des Atlantiks hinüberhallt. Irgendeine Meinung hatte doch jeder zu der Angelegenheit.

"Wenn ein Witz eine Staatskrise auslöst, ist das nicht das Problem des Witzes, sondern das des Staates", fasste Jan Böhmermann die Debatte jetzt zusammen. Allerdings sei die ganze Aufregung doch lachhaft im Vergleich zu den aktuellen politischen Entwicklungen in der Türkei, wo nach dem gescheiterten Putsch die Meinungsfreiheit überhaupt nichts mehr gilt und Menschen in Angst leben. Offenbar war dieser überdimensionierte Witz nötig, um das hohe Gut der Meinungsfreiheit und die Grenzen der Satirefreiheit in Deutschland einmal unter größtmöglicher Anteilnahme zu diskutieren und sich darüber klar zu werden, wie wichtig die demokratische Gewaltenteilung ist.

Seinen öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag hat ZDFneo damit auf 13,68 Jahre im Voraus erfüllt. Böhmermanns Lektion haben jetzt alle gelernt. Die Staatsanwaltschaft Mainz hat sein "Proseminar Schmähkritik" bestanden und auch das Landgericht Hamburg, das im November über Erdoğans Zivilklage gegen Böhmermann verhandelt, wird sich kaum die Blöße geben.

"Ich bin gespannt, wer zuletzt lacht", hatte Jan Böhmermann der ZEIT im Mai gesagt. Als guter Komödiant weiß er um die Bedeutung des richtigen Timings: Wer lacht wann und warum? Nicht das Z-Wort war der Witz, sondern die Reaktion, die darauf folgte.