Du mochtest japanisches Kino schon immer, obwohl du es schon in der Filmhochschule nicht ganz verstanden hast: die Tatamiposition bei Ozu, die Erzählperspektiven Kurosawas. Die verklemmte Männlichkeit in japanischen Yakuza-Filmen, in denen Natural Born Buchhalter den Leinwandtod starben. Bei deinem ersten Besuch in Tokio lief gerade der umstrittene Spielfilm Battle Royale an und ganz Tokio trug T-Shirts, auf die stilisierte Einschusswunden wie Blüten gedruckt waren.

Neulich in Bangkok schlägt deine halb-japanische Freundin Yasuko vor, sich mit dir eine aktuelle Neuinterpretation des Monsterklassikers Godzilla: Resurgence anzusehen. Sie sagt, dass die Japaner den Film lieben. Es geht um das Atomtrauma von Fukushima und wie die Regierung im Umgang damit versagt hat. Es soll eine totale Bürokratieorgie sein.

Du siehst dir auf YouTube den Trailer an, in dem Japaner in grauen Anzügen durch graue U-Bahn-Tunnel und zwischen grauen Hochhäusern rennen und ein ungelenker Godzilla durch eine Modelllandschaft rollt. Seit 1954 wütet das echsenartige Monster nun in seiner 31. Inkarnation als Allegorie auf die Atombomben-Abwürfe über Hiroshima und Nagasaki über die Leinwand. In Japan brachte die neue Variation Godzillas unter der Co-Regie von Hideaki Anno und Shinji Higuchi Rekordbesucherzahlen.

Eva Munz ist freie Autorin und Filmemacherin. Zur Zeit schreibt sie unter anderem eine Sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel "Uber-Du". Sie lebt in New York City. © Hadley Hudson

Auf dem Weg ins Kino erzählt Yasuko, dass der erste Godzilla von 1954 den Nerv des verwundeten und gedemütigten Japan der Nachkriegszeit so präzise getroffen habe, dass er als Klassiker in die japanische Filmgeschichte eingegangen sei. Du solltest dich deshalb auf seltsam verstaubte Techniken gefasst machen. In der Kunst des Inselstaates gelte es, sich tief vor dem Meister und seinem Werk zu verneigen. So verstünden auch die Filmemacher heute ihre Variation als einen ästhetischen Kniefall vor dem Original.

Das ist dir nicht ganz neu. Du erzählst Yasuko von deinem japanischen Freund Akihiko, mit dem du während des Studiums viel Zeit verbracht hast. Auch er war von der Verknüpfung von Tradition und Moderne, Gewalt und Ästhetik besessen. Er kleidete sich wie ein Gangster aus den dreißiger Jahren. Manchmal traft ihr euch bei ihm in der Wohnung und schosst mit dem Luftgewehr auf eine Zielscheibe. Beim Nachladen sagte er Dinge wie "Death is beauty" oder "Love is word only, no meaning". Du warst dir nie ganz sicher, wie ernst das gemeint war. Vielleicht brauchen Japaner keine Ironie.

Die erste Mutationsstufe

Im eiskalten leeren Kino setzt ihr euch in Reihe G und seht schon bald auf der Leinwand, wie der Aqua Bay Tunnel in Tokio überflutet. Die Regierung vermutet, es handele sich um einen Tsunami oder eine vulkanische Bewegung. Eine Wasserfontäne wird gesichtet und kurz darauf der monumentale Schweif der Echse (Freud!).

Sondersitzungen mit Politikern, Polizei und einem überforderten Premierminister werden einberufen. Später wird das Geschöpf auf seinem Zerstörungszug gezeigt. Es sieht aus wie ein niedliches Steiff-Tierchen mit großen Knopfaugen, das sich bewegt wie ein chinesischer Neujahrsdrachen. Du glaubst, du sitzt im falschen Film. "Es ist die erste Mutationsstufe", flüstert Yasuko aus dem Dunkel. Trotzdem bricht totale Panik aus. Wo das Tier hintritt, wächst kein Bürogebäude mehr. Geigerzähler knattern, Autos stapeln sich, Strommasten knicken, Brücken kollabieren und Japaner rennen um ihr Leben.

Die kurzen Ausbrüche von Aktion werden durch lange, zähe Sequenzen passiv-aggressiver In-Aktion unterbrochen. Sondersitzung. Regierung. Kabinett. Pressekonferenzen. Es wird getagt, was das Zeug hält. Zu jedem talking head wird Name und gesamtes Berufsbild und Rang sowohl auf Englisch als auch auf Japanisch angegeben, auch wenn der jeweilige Darsteller nur einen Halbsatz beizutragen hat: Deputy Chief Cabinet Secretary Rando Yaguchi. Dazu muss man noch die Untertitel lesen, und für eine Weile ist alles so überladen wie die Postwurfsendungen von Billig-Supermärkten. So wird das Fehlen von Aktion zunächst maskiert und dann zum genialen Kommentar über verkrustete Hierarchien und mediale Desinformation. Selbst die Kamera bewegt sich keinen Zentimeter.

Militär tagt. Polizei tagt. Evakuierungspläne werden entworfen. Evakuierungspläne werden verworfen. Paragraphen zitiert. Sprachregelungen gebildet. Premierminister konsultiert. Auf Antworten gewartet. Dossiers aufgeschlagen. Eine Orgie der Bürokratie auf dem Schlachtfeld der geblümten Teppichböden und mit Häkeldeckchen belegten Polstermöbel, von den Filmemachern auf einen einfachen Titel gebracht: "Abbreviated Action". Wollt ihr die totale Realpolitik?

Jetzt gründet der vorher erwähnte Chief Cabinet Secretary Rando Yaguchi seine Einsatzgruppe. Fotokopierer werden durch Bürogebäude geschoben. Faxgeräte angeordnet. Im Neonlicht werden ein paar in Ungnade gefallene Wissenschaftler und exzentrische Meeresbiologen dazu berufen, das Tier zu studieren. Die Männer und Frauen unter Yaguchi beweisen Disziplin, Teamgeist und Opferbereitschaft für ihr Heimatland. Die Gruppe findet heraus, dass sich Godzilla von Atommüll ernährt und dass sein Verdauungssystem höchst anpassungsfähig ist und blitzschnell mutieren kann. Und vor allem kann sich das Ding ohne Sex, also ohne Partner, fortpflanzen. 

Du musst an die fallenden Geburtenraten in Japan denken und dass eine neue Studie dort gezeigt hat, dass inzwischen mehr als 40 Prozent aller japanischen Männer und Frauen zwischen 18 und 34 noch nie Sex hatten. Du musst natürlich auch an Akihiko denken, der dich manchmal ganz unvermittelt fragte, ob ihr nicht ganz spontan Sex haben könntet, jetzt gleich, im Kino zum Beispiel. Das erste Mal verschlucktest du dich vor lachen. Er verneigte sich kurz, spitzte resigniert die Lippen und machte dabei ein komisches Geräusch, halb Quietschen, halb Grollen. Obwohl du nie auf das Angebot eingegangen bist, fragte er immer wieder.