Gibt es ein Leben neben der Spur? – Seite 1

Algorithmen, intelligente Software und Roboter können immer mehr Dinge, zu denen noch vor Kurzem allein der Mensch fähig war. Über die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) und deren Folgen berichtet ZEIT ONLINE in der neuen Serie Maschinenraum.

Um fünf nach sieben ist Serienzeit. Dann stehen Heiko Kaschel und Norbert Lüdtke bereits. Meistens jedenfalls. Stehen bedeutet: Sie haben einen Autohof oder einen Parkplatz für ihren Lkw gefunden. Kaschel und Lüdtke schauen dann Alles was zählt und Gute Zeiten, schlechte Zeiten auf RTL. Ihr kleines Feierabendritual. Selten sitzen sie auf ihrem eigenen Sofa. Meistens irgendwo in Deutschland oder Europa, in ihrem Lastwagen eines Berliner Umzugsunternehmens. Bei gutem Wetter: draußen mit einem Bier. Wenn es dunkel und kalt wird, gehen sie rein, klettern über die Sitze durch die Luke in die Schlafkabine. 

Wenn die beiden Männer abends vor dem Fernseher sitzen, haben sie neun Stunden Fahrt hinter sich. Pausen, sogenannte Lenkzeitunterbrechungen, sind vorgeschrieben. Geräte im Wagen messen, ob sie eingehalten werden. Wer die Lenkzeiten überschreitet, zahlt Strafe. Deswegen piepen Geräte über dem Kopf des Fahrers regelmäßig. Er kann auch eine Karte ausdrucken, um zu beweisen, dass in der Umgebung kein Stehplatz verfügbar war und er deshalb die Lenkzeit überschritten hat. Das sei unangenehm, sagt Kaschel. Deswegen versuche er das zu vermeiden. Kurz bevor wir auf den Autohof rollen, piept es über seinem Kopf, die Warnung: Noch zwei Minuten bis Zwangspause. Wie eine Stechuhr.

Heiko Kaschel fährt immer, wenn er mit Norbert Lüdtke unterwegs ist. Lüdtke fährt nicht. Er trägt. Die Möbel und die Kisten der Kunden. Er packt ein und aus. Und er unterhält den Fahrer. Heute ist Herr Lüdtke in die Mitte gerutscht, hat die Schuhe ausgezogen und trägt stattdessen Latschen. Früher konnte jeder im Lastwagen anziehen, was er wollte. Jogginghose oder Latzhose, spielte keine Rolle. Seit einiger Zeit ist Dienstkleidung vorgeschrieben. "Das gab ein Theater", sagt Lüdtke, "der eine vertrug die Socken nicht, der andere kam nicht in die Hosen. Na ja, mich stört das nicht. Gibt Schlimmeres. Und sieht doch ganz schick aus." Die Arbeitskleidung bekommen sie gestellt, das finden sie gut, dass sie sich darum nicht kümmern müssen.

Die letzten ihrer Art

Früher musste Lüdtke auch noch Karte lesen, das ist seit der Erfindung von modernen Navigationsgeräten vorbei. Für Kraftfahrer gibt es spezielle Modelle, die wissen, wo sich Autohöfe befinden, wie hoch welche Brücken und welche Strecken für die großen Lastzüge geeignet sind. Neben Kaschels Lenkrad hängt noch ein iPad. Zum Surfen. Für die Staumeldungen. "Oder mal Wetter nachgucken." Es gibt noch elektronische Anfahrhilfen, den Tempomat, Notfallbremsen, eingebaute Mautsysteme und vieles mehr, das Kaschel beim Steuern und Rangieren hilft. Das Lenkrad will er nicht aus der Hand geben. Dabei ist genau das die Zukunft.

Der Traum einer ganzen Branche: gemeinsam mit Flottenbetreibern, Logistikunternehmen, Fahrzeug- und Aufbauherstellern und IT-Experten ein neues System zu schaffen, das Kraftfahrer überflüssig macht. Kraftfahrer wie Kaschel. In den USA sehen 3,5 Millionen Kraftfahrer ihre Arbeit durch künstliche Intelligenz bedroht, selbstfahrende Autos sollen die Effizienz von Logistikunternehmen steigern, die Kosten langfristig verringern. Auch mit E-Fahrzeugen wird experimentiert, um CO2-Emissionen zu verringern. Die Bergbaugesellschaft Rio Tinto setzt in Australien bereits mehr als 45 fahrerlose Lkws ein. Das sei sicherer und günstiger. Seit einem Jahr fahren auch in den USA einzelne Wagen ohne Fahrer. Im Mai 2015 wurde auf Europas Straßen geprobt, was Experten unter dem Begriff Platooning zusammenfassen. Einzelne Lastwagen werden über WLAN, verschiedene Sensoren und GPS miteinander gekoppelt. Der vordere Wagen führt die Kolonne, in ihm sitzt auch noch ein Kontrollfahrer, nach diesem Wagen richten sich alle nachfolgenden Fahrzeuge – selbständig.

Ted Scott von der American Trucking Associations sagte dem Guardian vor wenigen Monaten, es werde noch Jahre dauern, bis man größere Zahlen von Lastwagen ohne Fahrer auf den Straßen der ganzen Welt sehen werde. Die Industrie sieht das anders. Die Automatisierung klingt aus Unternehmensperspektive wie ein Glücksversprechen. Wenn man Managern und Visionären glaubt, gehören Kaschel und Lüdtke zu den letzten ihrer Art.

Ist das gute Arbeit?

Heiko Kaschel und Norbert Lüdtke machen kurz Pause © Elisabeth Rank für ZEIT ONLINE

Im Jahr 2020 wird ein Drittel der 800.000 deutschen Kraftfahrer vermutlich in Rente gehen. Der Nachwuchs fehlt. Lüdtke brachte vor 17 Jahren seinen Sohn mit. "Eigentlich hat er Konditor gelernt, aber auch da arbeiten nur noch Maschinen und du gibst dem Pfannkuchen dann den letzten Spritzer. Damit war mein Sohn nicht glücklich." Also begleitete er den Vater und blieb. So einfach scheint das heute nicht mehr zu sein. Nach Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) schafften von mehr als 15.000 Kraftfahr-Auszubildenden nur 84 Prozent die Prüfung. Viele brechen vorher ab.

"Dabei ist das wirklich gute Arbeit", sagt Norbert Lüdtke, "ich komme jeden Tag raus, sehe neue Wohnungen, neue Menschen, fremde Städte. Ich muss nicht die ganze Zeit drinnen sein." Aber schwer tragen. "Da gewöhnt man sich dran", sagt Lüdtke, "die Neuen haben ständig Wehwehchen." Der Nachwuchs sei nicht mehr das, was er mal war. "Von 18 Auszubildenden hast du vielleicht fünf, die den Job wirklich gern machen", sagt Kaschel, "das merkt man ihnen an. Weil sie sich die Arbeit anders vorgestellt haben, mit den Bedingungen nicht umgehen können." In selbstfahrenden Lkw säße niemand mehr, der sich beschwert. 

Es gibt das Draußen und es gibt das Drinnen. Wer einmal die Stufen hinauf in das Drinnen geklettert ist, kommt die nächsten Stunden nicht wieder hinaus. Die Autos sind kleiner als sonst, die Straßen weiter. Der Sitz wippt in jeder Kurve, bei jedem Schlagloch federt man selbst sanft nach. Das Draußen fliegt vorbei, das Drinnen ist gemütlich. Wie ein Wohnzimmer. Mit Hausschlappen und Kaffeetasse, Wimpeln in der Ablage, der Motor brummt. Das kann jetzt ewig so gehen, das muss eigentlich nicht aufhören. Vergessen sind die Container und der Anhänger, vergessen der Morgen, an dem noch eingeladen wurde, Papiere ausgefüllt, der Ladeplan für die nächsten Tage besprochen. Man fährt einfach. Fünf Stunden von Berlin nach Lübeck, vielleicht ein bisschen mehr. Heiko Kaschel hat seinen Traumjob. Er wollte immer etwas mit Autos machen, Kfz-Schlosser oder Kraftfahrer. Jeden Tag in einem Büro zu sitzen, könne er sich nicht vorstellen. "Natürlich würden mich selbstfahrende Lastwagen den Job kosten", sagt Kaschel, "aber ich sehe das noch nicht."

Nichts besseres als Möbel

Auch Norbert Lüdtke ist der Wagen lieber als ein Bürostuhl. "Da reden die doch nicht mehr miteinander, die schreiben sich E-Mails", sagt er. Er hat Schweinezucht gelernt. In der Umzugsfirma arbeitet er seit 23 Jahren: "Biste einmal bei den Möbeln, kommst du nicht mehr davon weg, also, wenn es dir gefällt." Und ihm gefällt es immer noch. Trotz der vielen Veränderungen in den vergangenen Jahren. "Früher fuhr man immer mit einer festen Mannschaft. Jetzt bekommt man ständig Neue aus Polen, deren Namen kann ich mir nie merken, manchmal nenne ich die einfach Nummer 1 bis 4. Da muss man sich beim Laden dann die ganze Zeit im Kreis drehen und schauen, dass alles läuft. Man kommt zu nix", sagt Lüdtke. Viele der Arbeiter kommen aus Osteuropa, weil in Deutschland die Löhne besser sind. Seit 2015 gilt der Mindestlohn. Gute Arbeit zu einem guten Preis.

Ist das gute Arbeit? Viele können sich nicht vorstellen, den ganzen Tag in einem Lastwagen zu verbringen, unterwegs zu sein, auf Pritschen zu schlafen, an Raststätten zu essen, schwer zu tragen. Kaschel und Lüdtke machen das gern. Es ist ihr Job, sie kennen sich aus, haben Tricks und Rituale, sie sind die Experten in ihrem Beruf. Doch auch ihre Ansprüche haben sich im Laufe der Zeit verändert: "Mit einem Klavier trage ich mir für 3,50 Euro doch keinen Bruch", sagt Lüdtke. Der Transport von Instrumenten wurde an spezielle Firmen ausgelagert, die nur noch das machen. "Ich bin nicht gegen Technologie", sagt Kaschel, "die moderne Ausstattung der Wagen finde ich gut. Das hilft sehr. Und einen Auspackroboter würde ich sofort mitnehmen." Das Auspacken mag er nicht. Jedes Stück in die Hand nehmen und dort platzieren, wo es mal gestanden haben soll. Manchmal macht er Fotos mit dem Handy von ganzen Regalen, um nachprüfen zu können, ob er die Keramikfiguren wieder richtig in die Vitrine sortiert hat. Aber er will nicht so sein wie die Figuren im Glaskasten, nur noch zuschauen als Dekoration.

"Die kündigen uns nicht"

Flugzeuge werden die meiste Zeit von Autopiloten geflogen. Den menschlichen Piloten macht das nichts aus. Technologische Entwicklungen kratzen nicht am Image ihres Jobs, sie erhöhen die Sicherheit der Passagiere. Der Pilot im Anzug ist ein angesehener Beifahrer. Kraftfahrer stehen häufig am hinteren Ende der Freundlichkeitskette, das spüren Kaschel und Lüdtke. Und dennoch: "Die Firma braucht uns, die kündigen uns nicht." Vertrauen in ihren Arbeitgeber ist ihnen wichtig. Schriftliche Verträge haben sie nicht, ihre Anstellung wurde damals per Handschlag besiegelt.

Mit dem Lohn kommt Kaschel zurecht, die großen Touren macht er dennoch gern des Geldes wegen, da gibt es Spesen. "Natürlich mache ich diesen Job, um zu leben", sagt Kaschel, "aber ich will auch eine Aufgabe haben." Lüdtke sieht das auch so: "Man will ja zu was nütze sein." Was mache ich morgen, die Frage will Lüdtke sich nicht stellen müssen. Er will einfach machen, nicht jeden Tag zu Hause rumsitzen. Sondern die Wohnungen anderer Leute sehen, die Natur, fremde Länder. Ihre längste Tour ging von London nach Barcelona. Zum Baden hätten sie da auch kurz Zeit gehabt, der Kunde gab ihnen sogar sein Auto, damit sie den Strand sehen. London finden sie schön, obwohl es so eng ist, ansonsten haben sie keine Lieblingsorte, sie bleiben neugierig. Die Frage ist, ob das reicht.

Den einen guten Job gibt es nicht

Noch hat Heiko Kaschel das Steuer selbst in der Hand. © Elisabeth Rank für ZEIT ONLINE

Objects in mirror are closer than they appear, steht an amerikanischen Autospiegeln häufig. Die Zukunft ist nah, die selbstfahrenden Lastwagen rollen bereits. Nun könnte man meinen, das sei nicht schlimm. Den ganzen Tag in so einem Auto, wer will das schon. Wenn der Autopilot das übernimmt, kann man sich zurücklehnen, das ist doch schön. Eine Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zeigte bereits, dass sich die Ansprüche der Deutschen an ihre Jobs stark unterscheiden. Die Zufriedenheit mit dem eigenen Job hängt für jeden mit anderen Faktoren zusammen: Wie verbunden bin ich mit meinem Arbeitsplatz? Welche Karriere kann ich machen? Fühle ich mich akzeptiert und respektiert? Kann ich meinem Chef vertrauen? Geht es gerecht zu? Kann ich Familie und Privatleben mit dem Job vereinbaren und wenn nicht, wie wird dieses Defizit ausgeglichen? Den einen guten Job gibt es nicht.

Auch Kaschel denkt in letzter Zeit häufiger darüber nach, wie es wäre, mehr zu Hause zu sein, abends noch was unternehmen zu können mit Freunden. Seine Beziehung ging nach zehn Jahren in die Brüche. Auch für seine Tochter, die alle 14 Tage bei ihm ist, wäre er gern häufiger da. Oder abends mal Sport. Busfahren könnte er sich vorstellen, da würden sie auch händeringend suchen. Noch.

Er will sich gebraucht fühlen

Computer brauchen kein Glück. Computer sind trotz schlechter Löhne günstiger, schlafen nicht, werden selten krank. Vielleicht klingelt jetzt das bedingungslose Grundeinkommen beim Rest der Welt? Finnland testet dieses Modell als erstes Land auf nationaler Ebene. Schön und gut, findet Kaschel, "dann kann man sich auch mal eine größere Auszeit gönnen". Arbeiten würde er trotzdem weiter, wenn er jeden Monat einen Festbetrag bekäme. Er will sich gebraucht fühlen. An seinen Eltern habe er gesehen, wie sehr man nach der Rente abbaut, wenn man sich nicht beschäftigt hält. Sein Vater arbeitete immer weiter, wenn auch nur ein paar Stunden am Tag, kleine Botenjobs habe er gemacht trotz Krankheit. "Ein guter Job hält dich am Leben", sagt Lüdtke.

Drinnen ist alles wie immer. Ein paar Geräte wurden erneuert, ein paar sind dazugekommen. Satellitenschüsseln gab es irgendwann, Fernseher. Die Veränderungen im Inneren vollziehen sich langsamer. Auch beim Menschen. Man gewöhnt sich nicht gerne um. Doch genau daran werden wir uns gewöhnen müssen. Das Draußen fliegt so schnell vorbei, man muss die ganze Zeit aufpassen, weil man es nicht spürt. Kein Wind, kein Lärm. Wer fragt, was eine gute Arbeit ist, fragt gleichzeitig noch immer: Was ist ein gutes Leben?

In einem guten Leben weiß man, was man wert ist. Selbstwert definieren viele Menschen heutzutage noch immer über ihren Beruf, eine Aufgabe. Welche Jobs es aber wert sind zu bleiben, darüber richtet gerade vor allem Wirtschaftlichkeit. Effizienz und Produktivität sind die Gewinner, Umweltschutz und Sicherheit kommen kurz danach. Nein sagen kann dazu niemand. Doch es fehlt an Antworten auf die Frage, was mit den Menschen passiert, die rausfallen aus der Hitliste. Wer erzählt, dass er im hohen Alter noch einmal die Branche gewechselt hat, gar wechseln musste, wird nicht als neugieriger, mutiger Held gefeiert, sondern mit Mitleid bedacht, nicht ernstgenommen und schon gar nicht eingestellt. Die wenigsten schaffen gerade in höherem Alter und ohne akademischen Abschluss noch eine saubere Wende, auch wenn sie gern würden. Späte Neuanfänge sind schwer. Ohne Anschluss kommt der Sinn des Lebens schnell abhanden.

Wie es sein soll ohne Job, können sich Kaschel und Lüdtke nicht vorstellen. "Zur Not fahre ich als Beifahrer mit", sagt Kaschel, "aber nur, wenn es sein muss." Aufhören und sich zurücklehnen geht nicht. Er isst jetzt abends auch häufiger Salat: "Man wird ja nicht jünger."