Heiko Kaschel und Norbert Lüdtke machen kurz Pause © Elisabeth Rank für ZEIT ONLINE

Im Jahr 2020 wird ein Drittel der 800.000 deutschen Kraftfahrer vermutlich in Rente gehen. Der Nachwuchs fehlt. Lüdtke brachte vor 17 Jahren seinen Sohn mit. "Eigentlich hat er Konditor gelernt, aber auch da arbeiten nur noch Maschinen und du gibst dem Pfannkuchen dann den letzten Spritzer. Damit war mein Sohn nicht glücklich." Also begleitete er den Vater und blieb. So einfach scheint das heute nicht mehr zu sein. Nach Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) schafften von mehr als 15.000 Kraftfahr-Auszubildenden nur 84 Prozent die Prüfung. Viele brechen vorher ab.

"Dabei ist das wirklich gute Arbeit", sagt Norbert Lüdtke, "ich komme jeden Tag raus, sehe neue Wohnungen, neue Menschen, fremde Städte. Ich muss nicht die ganze Zeit drinnen sein." Aber schwer tragen. "Da gewöhnt man sich dran", sagt Lüdtke, "die Neuen haben ständig Wehwehchen." Der Nachwuchs sei nicht mehr das, was er mal war. "Von 18 Auszubildenden hast du vielleicht fünf, die den Job wirklich gern machen", sagt Kaschel, "das merkt man ihnen an. Weil sie sich die Arbeit anders vorgestellt haben, mit den Bedingungen nicht umgehen können." In selbstfahrenden Lkw säße niemand mehr, der sich beschwert. 

Es gibt das Draußen und es gibt das Drinnen. Wer einmal die Stufen hinauf in das Drinnen geklettert ist, kommt die nächsten Stunden nicht wieder hinaus. Die Autos sind kleiner als sonst, die Straßen weiter. Der Sitz wippt in jeder Kurve, bei jedem Schlagloch federt man selbst sanft nach. Das Draußen fliegt vorbei, das Drinnen ist gemütlich. Wie ein Wohnzimmer. Mit Hausschlappen und Kaffeetasse, Wimpeln in der Ablage, der Motor brummt. Das kann jetzt ewig so gehen, das muss eigentlich nicht aufhören. Vergessen sind die Container und der Anhänger, vergessen der Morgen, an dem noch eingeladen wurde, Papiere ausgefüllt, der Ladeplan für die nächsten Tage besprochen. Man fährt einfach. Fünf Stunden von Berlin nach Lübeck, vielleicht ein bisschen mehr. Heiko Kaschel hat seinen Traumjob. Er wollte immer etwas mit Autos machen, Kfz-Schlosser oder Kraftfahrer. Jeden Tag in einem Büro zu sitzen, könne er sich nicht vorstellen. "Natürlich würden mich selbstfahrende Lastwagen den Job kosten", sagt Kaschel, "aber ich sehe das noch nicht."

Nichts besseres als Möbel

Auch Norbert Lüdtke ist der Wagen lieber als ein Bürostuhl. "Da reden die doch nicht mehr miteinander, die schreiben sich E-Mails", sagt er. Er hat Schweinezucht gelernt. In der Umzugsfirma arbeitet er seit 23 Jahren: "Biste einmal bei den Möbeln, kommst du nicht mehr davon weg, also, wenn es dir gefällt." Und ihm gefällt es immer noch. Trotz der vielen Veränderungen in den vergangenen Jahren. "Früher fuhr man immer mit einer festen Mannschaft. Jetzt bekommt man ständig Neue aus Polen, deren Namen kann ich mir nie merken, manchmal nenne ich die einfach Nummer 1 bis 4. Da muss man sich beim Laden dann die ganze Zeit im Kreis drehen und schauen, dass alles läuft. Man kommt zu nix", sagt Lüdtke. Viele der Arbeiter kommen aus Osteuropa, weil in Deutschland die Löhne besser sind. Seit 2015 gilt der Mindestlohn. Gute Arbeit zu einem guten Preis.

Ist das gute Arbeit? Viele können sich nicht vorstellen, den ganzen Tag in einem Lastwagen zu verbringen, unterwegs zu sein, auf Pritschen zu schlafen, an Raststätten zu essen, schwer zu tragen. Kaschel und Lüdtke machen das gern. Es ist ihr Job, sie kennen sich aus, haben Tricks und Rituale, sie sind die Experten in ihrem Beruf. Doch auch ihre Ansprüche haben sich im Laufe der Zeit verändert: "Mit einem Klavier trage ich mir für 3,50 Euro doch keinen Bruch", sagt Lüdtke. Der Transport von Instrumenten wurde an spezielle Firmen ausgelagert, die nur noch das machen. "Ich bin nicht gegen Technologie", sagt Kaschel, "die moderne Ausstattung der Wagen finde ich gut. Das hilft sehr. Und einen Auspackroboter würde ich sofort mitnehmen." Das Auspacken mag er nicht. Jedes Stück in die Hand nehmen und dort platzieren, wo es mal gestanden haben soll. Manchmal macht er Fotos mit dem Handy von ganzen Regalen, um nachprüfen zu können, ob er die Keramikfiguren wieder richtig in die Vitrine sortiert hat. Aber er will nicht so sein wie die Figuren im Glaskasten, nur noch zuschauen als Dekoration.

"Die kündigen uns nicht"

Flugzeuge werden die meiste Zeit von Autopiloten geflogen. Den menschlichen Piloten macht das nichts aus. Technologische Entwicklungen kratzen nicht am Image ihres Jobs, sie erhöhen die Sicherheit der Passagiere. Der Pilot im Anzug ist ein angesehener Beifahrer. Kraftfahrer stehen häufig am hinteren Ende der Freundlichkeitskette, das spüren Kaschel und Lüdtke. Und dennoch: "Die Firma braucht uns, die kündigen uns nicht." Vertrauen in ihren Arbeitgeber ist ihnen wichtig. Schriftliche Verträge haben sie nicht, ihre Anstellung wurde damals per Handschlag besiegelt.

Mit dem Lohn kommt Kaschel zurecht, die großen Touren macht er dennoch gern des Geldes wegen, da gibt es Spesen. "Natürlich mache ich diesen Job, um zu leben", sagt Kaschel, "aber ich will auch eine Aufgabe haben." Lüdtke sieht das auch so: "Man will ja zu was nütze sein." Was mache ich morgen, die Frage will Lüdtke sich nicht stellen müssen. Er will einfach machen, nicht jeden Tag zu Hause rumsitzen. Sondern die Wohnungen anderer Leute sehen, die Natur, fremde Länder. Ihre längste Tour ging von London nach Barcelona. Zum Baden hätten sie da auch kurz Zeit gehabt, der Kunde gab ihnen sogar sein Auto, damit sie den Strand sehen. London finden sie schön, obwohl es so eng ist, ansonsten haben sie keine Lieblingsorte, sie bleiben neugierig. Die Frage ist, ob das reicht.