Wenn ich zu einer Abendveranstaltung ins Museum gehe, etwa zu einer Vernissage, trage ich gerne schwarz und meistens einen Blazer: je steifer, desto besser, heißt hyperaffirmativer. In der Hosentasche steckt das Smartphone und genügend Geld – in freudiger Erwartung auf einige Gläser Sekt oder Wein. Diese werden dann geschickt durch die Ausstellung manövriert, während ich unter ihrer Wirkung, mit immer leichter werdender Zunge, und in bisweilen feierlicher Atmosphäre über die präsentierten Werke philosophiere. Ganz so, wie es sich eben gehört. Im Museum trifft man vorwiegend auf ein bildungsbürgerliches oder intellektuelles Publikum, daher wird es wohl noch immer von vielen als ein elitärer Ort wahrgenommen – wenngleich er für jeden zugänglich ist.

Annekathrin Kohout ist freie Kunstwissenschaftlerin, Autorin und Fotografin. Auf ihrem Blog "sofrischsogut.com" schreibt sie über Kunst, Popkultur und Internetphänomene. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Seit einiger Zeit wird immer häufiger eine ganz andere Abendveranstaltung im Museum annonciert: Yoga. In amerikanischen Museen ist das schon längst gang und gäbe, und auch hierzulande häufen sich die Angebote. Im Haus am Waldsee in Berlin kann man sogar jeden Mittwoch unter Kunstwerken Yoga praktizieren. Als ich die Werbung für einen "Yoga & Kunst"-Event im Dresdner Albertinum erhielt, entschied ich, daran teilzunehmen. Dem spontanen Entschluss folgte eine Vorbereitung voller Zweifel. In welcher Kleidung würden die Teilnehmer erscheinen? In einem Yogadress? In Jogginghose und T-Shirt? Aber so möchte ich nicht ins Museum gehen. Während ich mich über meine Eitelkeit und fehlende Coolness ärgere, entscheide ich mich für eine weite Leinenhose mit losem Sweatshirt.

Auf dem Weg ins Museum kommt mir eine weitere Frage in den Sinn: Ob die anderen Teilnehmer wohl direkt in Sportbekleidung ins Museum kommen würden oder sich erst auf den Toiletten umziehen? Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn alle Museen plötzlich Umkleidekabinen einbauen müssten, weil es längst selbstverständlich geworden ist, dass die Besucher vor den Kunstwerken Sport machen. Wie sie durch die Räume joggen oder in der Reiterstellung andächtig vor einzelnen Kunstwerken verharren. Wie die Präsentation der Werke an die jeweiligen Yoga-Stellungen angepasst wird: Für die Heuschreckenhaltung müssen sie nun knapp über den Boden gehängt werden und für die Kobrahaltung an die Decke. Das wäre die totale Herrschaft partizipativer Kunstvermittlung.

Yoga als Readymade

Schließlich handelt es sich dabei doch um Kunstvermittlung, oder nicht? Zur Kunst wird Yoga bei derartigen Veranstaltungen nicht geadelt. Aber auch diese Strategie hat eine Tradition. So macht etwa das Künstler-Yogi-Paar Benita-Immanuel Grosser – mit verschmolzenem Namen – seit den 1990er Jahren Yoga in Kunstausstellungen. Ihr ehemaliger Professor, Joseph Kosuth, hat ihnen angeblich seinerzeit kategorisch davon abgeraten. Denn zwischen Yoga und Kunst müsse man sich nun wirklich entscheiden. Und womöglich würde er das immer noch sagen. Zwar kann man aus Yoga im Sinne eines Readymades jederzeit Kunst machen, aber die bestehende Kunst selbst wird dann umgekehrt zur bloßen Kulisse. Besonders, wenn es sich dabei um großformatige Werke oder Rauminstallationen handelt, die ohnehin schon dem Vorwurf ausgesetzt sind, lediglich dekorativ zu sein. Doch gerade solche Kunst bevorzugen Benita-Immanuel Grosser in ihrem Y8 International Sivananda Yoga Vedanta Center in Hamburg – um darin Yoga zu praktizieren.

Eine andere Strategie kann man in der Gegenwartskunst beobachten. Dort wird mit Yoga-Übungen die Frage nach der Kunst an sich für hinfällig erklärt. Etwa als Nik Kosmas auf der diesjährigen Berlin Biennale Geräte ausstellte, an denen unter Anleitung Trainingsprogramme – nicht zuletzt Yoga – durchgeführt wurden. Im Begleittext heißt es, Kosmas sei ursprünglich "Vollzeitkünstler" gewesen. Aber wenn Kunst nur ein Beruf ist, den man Vollzeit oder Teilzeit ausüben kann, wie viel Sinn stiften ihre Produkte? Und ja, diese Frage hat auch dann eine Berechtigung, wenn es sich dabei um eine gezielte künstlerische Strategie handelt. Im Begleittext steht außerdem: "Nun widmet er sich seinem Fitness- und Ernährungsbusiness, das sich aus seiner künstlerischen Arbeit heraus entwickelt hat. Heute handelt es sich bei Kosmas' Position jedoch weniger um eine Verweigerungshaltung als vielmehr um eine Hinwendung zu konkreteren Aktivitäten und einer Sprache, die mehr Relevanz für das menschliche Leben besitzt und praxisbezogener ist." Hier wird Sport zur Sinnstiftung von Kunst. Ein ironischer Fingerzeig, der die fehlende "Relevanz" der Kunst nicht nur vorführt, sondern sogar feiert.

Und nichts anderes macht auch die Museumsdirektion mit Veranstaltungen wie "Yoga & Kunst". Fast schon provokativ wird in der Namensgebung Yoga vor Kunst gesetzt. Auch das darf als Geste von Coolness interpretiert werden. Man nimmt sich nicht mehr allzu ernst, und das ist doch eine Bereicherung, vielleicht sogar eine Erlösung, könnte man meinen. Aber trotzdem darf gefragt werden: Worin unterscheidet sich dann die Institution Museum von jedem anderen Raum, den man für Veranstaltungen jeglicher Art mieten kann, von einer Sporthalle oder einem Begegnungszentrum?