Berührung wird immer an ein anderes Element geknüpft. An Zeit. An eine familiäre, romantische oder rein sexuelle Beziehung. Manchmal an Freundschaft. An einen Zweck. An eine Forderung. Rein für sich stehend kommt sie in unserem Alltag selten vor. Dass da vielleicht etwas vermisst wird, mag einer der Gründe sein, warum sich jeden Mittwochabend so viele mit mir zur Tanzstunde einfinden.

Es sind sechzig Minuten, in denen meine Hand von einem Schulterblatt zum anderen wechselt. Ich lege sie vorsichtig dort ab. Auch die meisten meiner Partner greifen mich erst mal an der Hüfte, als sei ich aus Glas. Wenn die Schritte angezählt werden, rast mein Puls nach oben. Jeder Tanz ist wie ein kleines Date: Wird das gut mit uns beiden?

Yael Inokai, 28, arbeitet neben ihrem Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin als Fremdenführerin und freie Autorin in den Bereichen Prosa, Drehbuch und Hörspiel. Ihr Debütroman "Storchenbiss" erschien im Rotpunktverlag. © Claudia Brieske

Dann stolpert man los, stößt sich, tritt sich gegenseitig auf die Füße. Man versucht, zwei Körper zu synchronisieren. Man verliert sich und holt den jeweils anderen wieder zurück. Die Berührung verliert ihre Steifheit: Bleib hier und tanz weiter mit mir!

Menschen kommen blind und taub zur Welt, aber ohne Tastsinn wird keiner geboren. Millionen feiner Nerven und Rezeptoren sind auf den knapp zwei Quadratmetern Haut verflochten, in der ein Erwachsener lebt. Unschwer vorstellbar also, was der Körper für ein Konzert veranstaltet, wenn er berührt wird. Ich verlasse das Lokal so mucksmäuschenstill wie das Publikum nach einem letzten Trommelwirbel auf seinen Plätzen reglos verweilt. Sechzig Minuten Berühren, dann ist es einfach wieder vorbei. Von den Menschen, die mir auf meinem Heimweg begegnen, werden mich die wenigsten anschauen. Kein Lächeln, keine Worte, kein Tanzen mehr.

Als Kind wurde ich oft berührt. Wenn ich ehrlich bin, war es mir nicht immer recht. Andauernd irgendwelche Hände in den Haaren, an den Wangen, und schon wieder begraben unter einer Umarmung. Das taten sich die Erwachsenen untereinander nicht an. Der einzige Tanzunterricht, den ich damals genoss, war Ballett. Und die einzigen Berührungen dabei waren die meiner Lehrerin, die mir mit ihrer kräftigen Hand an meiner damals noch zu beweglichen Hüfte beibrachte, dass Schweben eben Schmerz bedeutet.

Ich war erleichtert, als das viele ungefragte Anfassen mit dem Großwerden weniger wurde. Allerdings verschwand das Berühren fast ersatzlos aus meinem Alltag. Hatte man mich gerade noch ganz selbstverständlich auf dem Zweiersitz eingequetscht, entschuldigte man sich nun, wenn man mich in der Straßenbahn versehentlich streifte.

Während ich durch das winterliche Berlin gehe, diese ohnehin so wenig sinnliche Stadt, stellt sich mir immer wieder die Frage: Wie oft berühren wir einander im Alltag? Ein Händedruck, ein paar Küsschen, Begrüßungsrituale unter Freunden. Unseren Besuch bringen wir in Gästebetten unter. Das Stehen in vollgestopften öffentlichen Verkehrsmitteln empfinden wir als Zumutung. Die Enthemmung, die am anderen Ende dieses Spektrums steht, findet meist unter Alkoholeinfluss statt. Umarmen, anfassen, festhalten; in der Nacht werden der Hunger und die Versuche, ihn zu stillen.

Wenn man diese beiden Pole betrachtet, scheint es dazwischen nur eine leere Mitte zu geben.

"Geh doch nach Köln"

Kürzlich traf ich eine alte Schulfreundin von mir, die gerade in der Stadt war. Wir spazierten in der blauen Stunde durch den Kiez und tauschten uns über die vergangenen Jahre aus. Ich gestand ihr, dass ich mich zuweilen so fühle, als wäre ich gar kein Mensch aus Fleisch und Blut. "Wie eine Unberührbare unter lauter Unberührbaren", sagte ich. Woraufhin sie laut lachen musste. "Geh doch nach Köln", war ihr Rat an mich, "da wirst du bestimmt angefasst."

Ihr hässlicher Sarkasmus zeigte mir nicht nur die Hilflosigkeit, die viele empfinden, wenn es um das Thema geht. Er machte auch wieder deutlich, wer die Monopolstellung hält, wenn es im öffentlichen Diskurs darum geht, wie und ob wir uns berühren: der Übergriff. Gegen unseren Willen, unsere körperliche Integrität, gegen das weibliche Geschlecht. Dabei wird impliziert: Die Frau ist die, die angefasst wird und der Mann ist der, der anfasst. Das Passive und das Aktive. Das Schwache und das Starke.

Wir bewegen uns in einem Raum ohne Sinnlichkeit

Dabei liegt eine ganze Welt zwischen dem Anfassen, das ungefragt und ungebeten besitzen will, und dem Berühren, das auf Augenhöhe um des Berührens willen geschieht. Ersteres entschieden abzulehnen, darf Letzteres nicht verschwinden lassen. Trotzdem tun wir es. Sicher und verängstigt bewegen wir uns in einem Raum ohne Sinnlichkeit. Die Instrumente, die uns neben der Sprache für den zwischenmenschlichen Kontakt im Alltag zur Verfügung stehen – das Anschauen, das Lachen und das Berühren – benutzen wir kaum.

Ich wurde als Kind häufig als störrisch bezeichnet. "Fass sie nicht an, sie mag das nicht", sagte man in meiner Gegenwart über mich. Es war alles andere als wahr. Was ich wollte, war, dass man auf mich eingeht und schaut, ob mir nach einer Umarmung ist oder nicht. Ich wollte nicht immer berührt werden. Aber ich wollte bestimmt nicht nie berührt werden.

Berührung verlangt Instinkt und Empathie. Das Annehmen des anderen auf Augenhöhe. Grenzen kennen lernen und Grenzen akzeptieren. Vielleicht fällt es uns auch deshalb so schwer: Weil wir unseren Panzer verlassen müssten. Die Sicherheit, die wir uns von Ironie und Kälte versprechen. Dann könnten wir uns umarmen. Oder tanzen. Nicht nur, wenn wir betrunken sind und uns sicher sind, keine Zeugen zu haben. Nicht nur für eine Stunde, um danach wieder alleine in die Nacht hinauszugehen.

Wir könnten uns verletzlich machen und merken, dass wir dadurch nicht schwächer werden: ein kostbares, seltenes Gefühl.