Im 19. Jahrhundert beobachtete der englische Premier und Schriftsteller Benjamin Disraeli, wie die industrielle Revolution sein Land spaltete, wirtschaftlich, sozial, kulturell. Er prägte daraufhin die bekannte Metapher der "zwei Nationen", die im England seiner Zeit gleichzeitig existierten.

Jetzt läutet die Wahl von Donald J. Trump zum nächsten Präsidenten der USA eine neue populistische Ära in der transatlantischen Gemeinschaft ein. Es ist ein demokratisches Erdbeben, das große Risse in der amerikanischen Gesellschaft offenbart, eine gähnende Kluft innerhalb des Landes. Benjamin Disraelis "zwei Nationen" sind zurück.

Die liberale Nation ist geprägt von ihrem Streben nach Weltoffenheit, wirtschaftlichem Wohlstand und sozialem Ausgleich. Die nationalpopulistische Nation ist gekennzeichnet von kultureller Unsicherheit, wirtschaftlicher Instabilität und sozialer Abstiegsangst. Die liberale, transatlantische Ära regierte im Westen seit dem Zweiten Weltkrieg und sie triumphierte mit dem Ende des Kalten Krieges. Diese Periode ist vorbei. Wir stehen vor einer Ära der Nationalpopulisten und ihrer Agenda für eine neue Ordnungspolitik.

Ausnahme Kanada

Crister S. Garrett ist US-Amerikaner und seit 2008 Professor für Amerikanistik an der Universität Leipzig. Seine Mutter stammt aus Schweden, sein Vater aus Colorado, er wuchs in Kalifornien auf. Seit 17 Jahren ist er mit einer Leipzigerin verheiratet. Sie haben zwei Töchter, die den deutschen und den amerikanischen Pass besitzen. © privat

In Europa kam die nationalpopulistische Nation zuerst in Ungarn und Polen und schließlich – im Sog des Brexit-Referendums – in Großbritannien an die Macht. Mit der Abwahl von Barack Obama und Hillary Clinton wurde die liberale Nation jetzt auch in den USA an die Seite gedrängt. Die anglo-amerikanische Welt steht – mit Ausnahme Kanadas – unter neuem Regime. Der europäische Kontinent hat diesen Weg vielerorts längst beschritten.

Außer in Ungarn und Polen, wo sie die Regierung stellen, prägen die Nationalpopulisten die Politik auch in Österreich, in der Schweiz, in Dänemark, Schweden und den Niederlanden maßgeblich mit. In Frankreich gewinnt der Front National ständig an Einfluss. Die AfD ist die neue politische Macht im Bund.

Eine Generationenaufgabe

Stehen wir also vor der Rückkehr der dreißiger Jahre, vor dem Verfall einer offenen demokratisch-liberalen Ordnung? Entwickelt sich das Schicksal der Weimarer Republik zum Vorbild für die transatlantischen Demokratien, zu einer Metapher für das Versagen einer politischen Klasse, eine fortschrittliche, aufgeklärte Gesellschaftsordnung aufrecht zu erhalten?

Bis vor kurzem hätten diese Fragen nur Apokalyptiker gestellt. Jetzt sind sie angemessen. Sie stellen den Bürgern und den Politikern auf beiden Seiten des Atlantiks eine Generationenaufgabe, deren Antworten offen sind. Die Aufgabe besteht darin, die beiden konkurrierenden Auslegungen der Nation in eine sozial-liberale Ordnung zu integrieren, die es nicht in erster Linie als Aufgabe der Politik versteht, für Schutz und Verteidigung zu sorgen, sondern zu gründen und zu gestalten. Gelingt das nicht, wird sich der politische Prozess auf beiden Seiten des Atlantiks weiter radikalisieren.

Die Kernklientel der Populisten

US-Populismus und Europa-Populismus sind eng verwandt, sie kommen aus derselben politischen, ökonomischen und kulturellen Familie. Sei es in Großbritannien, Ungarn, Polen, den USA, oder Sachsen und Deutschland – überall sehen wir Regionen, denen die industrielle Grundlage ihrer Wirtschaft weggebrochen ist, wodurch vielen Menschen ihre Identitätsmuster abhanden gekommen sind.

Identitäten und Industrien wurden von einer Informationswirtschaft ersetzt, an die diese Arbeiterklasse keinen Anschluss findet. Oft strandet sie in einem Dienstleistungssektor, in dem es keine Aufstiegsperspektive gibt. Hier finden die Populisten auf beiden Seiten des Atlantiks ihre Kernklientel. Diese Wähler wollen schnelle und klare Antworten auf ihre Misere, sie vermuten sie in nationalistischen Modellen und sie wünschen sich weniger Konkurrenz von der globalen Wirtschaft und ihrer Arbeitsmigration. We want our old identities back.

Verlorene Identitäten

Wir sehen aber auch, dass die populistische Nation ebenso von einer relativ soliden Mittelschicht wachsenden Zulauf genießt, von Leuten mit Universitätsabschluss, sicheren Arbeitsplätzen und einen soliden sozialen Status in der Gesellschaft. Wenn der Monty-Python-Schauspieler John Cleese die positiven Aspekte der Brexit-Bewegung hervorhebt, sollte das ein Warnsignal für die transatlantische Gemeinschaft sein. Front National und AfD sind auch wachsende Mittelschichtsbewegungen. Für diese Mittelschicht in Europa und in den USA, geht es nicht so sehr um wirtschaftliche Belange, sondern vielmehr darum, eine nostalgische Idee der Nation zu bewahren. We want our old identities back.

Trumpism ist zwar eine amerikanische Erscheinung, aber ein transatlantisches Phänomen. Der Anwärter auf das Weiße Haus wird den Kontinent mit seiner Rhetorik nicht infizieren. Europa trägt den nationalpopulistischen Keim längst in sich.

Anpassung ist Schwäche

Benjamin Disraeli plädierte dafür, eine neue populistische, demokratisch-konservative Politik zu gestalten, um radikaleren Lösungen vorzubeugen und der Politik ihre Mitte zu bewahren. Bismarck hatte das verstanden. Barack Obama hat das auch verstanden. Er hat auch deshalb so für seine Krankenversicherung gekämpft, um den sozialen Abstieg der politischen Mitte in den USA zu verlangsamen. Gereicht hat es nicht. Und Obamas Versuch, außenpolitisch eine zurückhaltende, bescheidende Rolle einzunehmen, signalisierte vielen Wählern, unter ihnen Demokraten, eher Schwäche und Unsicherheit als Anpassung an eine neue Realität.

Kurzum: Die beiden Nationen befinden sich in vollem demokratischen Wettbewerb. Eine nationalistisch-populistische Nation, die Wählern aus allen Schichten und Gesellschaften anzieht, und die verspricht, eine klare sozial-wirtschaftliche und kulturelle Gestaltungsmacht auszuüben. Und eine liberale Nation, die Orientierung und Sicherheit durch Mobilität, Offenheit und Zusammenarbeit als Stabilitätsrezept anbietet.

Gegen das Establishment

Der Frust und die Wut vieler Wähler in den USA und in Europa zeigt, dass die offene Gesellschaft als Gestaltungsmodell für viele ausgedient hat. Aus dieser Erschöpfung  stammen die starken Empfindungen gegen das "Establishment", die "Mainstream Press" und die "Eliten".

Doch obwohl sich eine liberale Ära ihrem Ende entgegen neigt, heißt das noch lange nicht, dass das liberale Modell am Ende ist. In Großbritannien und den USA waren die Wahlergebnisse sehr knapp. Das liberale Modell ist nicht überrollt worden, doch es steht zu seinem populistisches Gegenmodell in einer neuen Beziehung: Sie sind jetzt auf Augenhöhe. Das Volk will es so. Amerika und Deutschland müssen sich nun fragen, wie sie eine neue Ära für liberale Politik lancieren und gestalten können.