Drei Tage nach der Wahl soll also klar sein, wer wirklich die Verantwortung dafür trägt, dass Donald Trump der nächste Präsident der USA wird: Arrogante liberale Intellektuelle und links-ökologische Akademiker, die in ihrer hermetischen Filter-Blase pausenlos über die Rechte schwarzer Transsexueller debattieren und dabei die Sorgen der weißen Arbeiterklasse aus dem Blick verloren haben. Mehr noch: Eben jenes Milieu offenbare sich als zutiefst heuchlerisch, weil es in Sonntagsreden zwar gern Differenz und Toleranz predige, gegenüber dem white trash tatsächlich aber nur Verachtung hege. So lautet, grob gesagt, jener Erklärungsversuch, der sich derzeit wachsender Beliebtheit erfreut. Er bestätigt sowohl das, was Konservative ja immer geahnt haben, und liefert Linken die Vorlage zur rituellen Selbstgeißelung. Ohne die geht es bekanntlich nicht.

Wenn es also, um nur ein Beispiel zu nennen, nun in der Welt heißt, dass die Intellektuellen ein "Monster erschaffen" haben, weil sie "die Differenz fetischisieren", sich aber für das wirklich andere, nämlich die Trump-Wähler, gar nicht interessieren, dann erscheint das zunächst als ein etwas eigentümlicher Gedanke. Man kann sich ja schon fragen, ob ein, sagen wir, weißer Fabrikarbeiter aus Kansas tatsächlich so lange von Yale-Studenten mit Judith-Butler-Texten traktiert wurde, dass ihm aus Notwehr praktisch nichts anderes übrig blieb, als einen rassistischen Milliardär zu wählen. Oder, ob es nicht vielmehr so ist, dass das, was Judith Butler und Yale-Studenten sagen, in dessen Leben einfach überhaupt keine Rolle spielt. Dennoch – oder gerade deswegen – muss man das Argument, dass die vermeintliche Arroganz der linksliberalen Eliten der Grund für Trumps Wahlsieg sei, auf die Probe stellen.

Zunächst kommt man zu dem Ergebnis, dass an diesem Argument tatsächlich etwas dran sein könnte. Besonders deutlich zeigt das etwa der französische Soziologe Didier Eribon in seiner autobiografisch inspirierten Studie Rückkehr nach Reims, die diesen Sommer auch auf Deutsch erschienen ist.

Das Einkommen spielte gar keine Rolle

Als linker Intellektueller liefert Eribon hier gewissermaßen eine Selbstkritik, indem er eindrücklich beschreibt, wie Arbeiter, nämlich seine eigene Familie, sukzessiv zu Anhängern des Front National wurden, weil sich in anderen Parteien keiner mehr um ihre Belange kümmerte. Sowohl ökonomisch, als auch in der Hinsicht, dass niemand mehr ihre Sprache gesprochen hat, habe kein anderer ihnen ein Identitätsangebot gemacht. Nicht die Parti Communiste, nicht die Sozialdemokraten und erst recht nicht die New Left.

Doch so sehr Eribon mit seiner Analyse und dem damit verbundenen Appell, endlich wieder in Begriffen sozialer Klassen zu denken, recht hat, so wenig kann das jedoch allein den aktuellen Aufstieg der Rechtspopulisten, Donald Trump vorne weg, erklären. Mehr noch: Wenn auch ungewollt, kann es sogar den Blick darauf verstellen, wo die tatsächliche Verachtung der Armen stattfindet.

Das beginnt mit der nüchternen Einsicht, dass Trump die Wahl keineswegs nur aufgrund der white working class gewonnen hat. Es stimmt zwar, dass sie für ihn eine durchaus wichtige Rolle spielte, insbesondere in umkämpften Staaten des sogenannten Rust Belts wie Michigan oder Pennsylvania. Ebenso stimmt, dass Clinton in den unteren Einkommensschichten viele Stimmen verloren hat, die Obama vor vier Jahren noch gewinnen konnte. Aber insgesamt lag Clinton bei den Geringverdienern vorn. Dementsprechend berichtete etwa auch CBS, dass das Einkommen selbst bei weißen Trump-Wählern keine erkennbare Rolle spielte.

Wer ist denn die Arbeiterklasse?

Aber auch wenn man davon ausgeht, dass die Unterstützung der white working class für Trump zumindest mitentscheidend war, müsste man zunächst einmal klären, was unter Arbeiterklasse genau zu verstehen ist. Das konkrete Arbeitsverhältnis – oder, wenn man so will, die Stellung im Produktionsprozess – kann es ja nicht sein. Unter dem Begriff werden heute auch untere Angestellte, etwa die Verkäuferin bei Walmart oder der Lagerist bei Lidl, verbucht, ebenso sind Arbeitslose in der Regel mitgemeint. Bemisst man sie hingegen an einer bestimmten Einkommensschwelle, würde auch eine Reihe jener Freiberufler oder prekär Beschäftigten, etwa im Medien-, PR- oder Dienstleistungsbereich, darunter fallen, die politisch tendenziell eher zu jenem links-ökologischen Milieu zählen, das man der Arbeiterklasse gern gegenüberstellt.

Im ruralen Arkansas oder dem ländlichen Brandenburg ist die Arbeiterklasse, was auch immer man nun genau darunter versteht, tatsächlich nicht links-grün. In New York oder Berlin sieht das schon anders aus. Einerseits gibt es also jenen Teil der ökonomisch Marginalisierten, die mit postmoderner Identitätspolitik herzlich wenig anfangen können, weshalb die akademisch getunte Linke sie auch tatsächlich nicht mehr erreicht. Es gibt andererseits auch jene, nämlich den jüngeren, urbanen Teil der ökonomisch Marginalisierten, für die diese Identitätspolitik wichtig ist. Die Arbeiterklasse lässt sich also schon deshalb nicht jenem links-grünen Milieu gegenüberstellen, weil das, zumindest in ökonomischer Hinsicht, paradoxerweise bisweilen das gleiche ist. Oder anders gesagt: Spricht man heute von "Arbeiterklasse", müsste man schon dazu sagen, welchen Teil man genau meint.

Falsche Kritik der Trump-Kritik

Ebenso funktioniert auch die strikte Gegenüberstellung von vermeintlich postmaterieller Identitäts- und harter Wirtschaftspolitik nicht. Man kann kritisieren, dass letztere im linken Diskurs bisweilen unterrepräsentiert ist, aber am Ende hängen beide zusammen. Natürlich haben Antirassismus und Antisexismus auch etwas mit Ökonomie zu tun. Frauen werden auch und vor allem schlechter bezahlt, weil sie Frauen sind, Migranten bekommen im Zweifelsfall die Wohnung auch deshalb nicht, weil sie Migranten sind.

Aber interessiert sich das linksliberale juste milieu eben schlichtweg nicht für die Abgehängten, nicht zuletzt weil es sich auf Twitter und Facebook in seiner algorithmisch gestützten Wohlfühlblase bewegt? Diese Frage lässt sich zumindest nicht so pauschal beantworten, wie es momentan gern getan wird. 

Kein einfaches "weiter so"

Abgesehen davon, dass es ein wenig eigentümlich erscheint, dass soziale Netzwerke nun schnurrende Meinungskonvertierer sein sollen, obwohl sie gestern noch als lärmende Hassmaschinen galten, fungieren Twitter und Facebook trotz ihrer Filterfunktionen in den allermeisten Fällen ja immer noch als soziopolitische Spektrumserweiterungen. Die Blase, in der man sich ohne soziale Netzwerke bewegt, heißt Freundeskreis und ist im Zweifelsfall politisch noch homogener. Und kann man wirklich von Ignoranz gegenüber den Trump- oder AfD-Wählern sprechen, wenn man besieht, wie viele Berichte, Reportagen und Analysen über eben diese erschienen sind, wenn man bedenkt, dass bei jedem politischen Großereignis der vergangenen Monate, von der Brexit-Abstimmung über hiesige Landtagswahlen bis zum Urnengang der Amerikaner, stets die Rechtspopulisten im Fokus der Aufmerksamkeit standen?

Um das klar zu sagen: Natürlich kann es im Angesicht der fortlaufenden Erfolge von Trump, AfD und Co. nicht um ein einfaches "weiter so" gehen, selbstverständlich muss die offene Gesellschaft nun ihre Lehren ziehen. Doch dafür braucht es zum einen Zeit und zum anderen vor allem kein Narrativ, das in weiten Teilen schlichtweg zu simpel ist. Zumal, da das entscheidende Problem der Kritik an der Trump-Kritik gar nicht darin besteht, dass sie ungenau ist, sondern darin, dass sie dem Milliardär abermals auf den Leim geht: Wenn es heißt, dass Trump zwar ein rassistischer Grobian sei, doch immerhin die Interessen der Arbeiterklasse artikuliere, dann ist das einfach falsch. Das Gegenteil ist der Fall: Trump steht für einen Klassenkampf von oben. Nur verhält es sich damit offensichtlich so wie mit dem entwendeten Brief in Edgar Allan Poes gleichnamiger Erzählung: Gerade weil er so offen daliegt, erkennt ihn keiner mehr.

Am Ende sind wieder die Migranten verantwortlich

Es ist ja nicht nur so, dass Trump seinen Reichtum zeitlebens so vulgär ausgestellt hat wie kaum ein zweiter, dass er jahrelang keine Steuern zahlte und vielfach bewiesen hat, wie er mit Untergebenen umgeht; sondern auch sein politisches Programm besteht etwa darin, dass er beabsichtigt, den Spitzensteuersatz von 40 auf 25 Prozent zu senken und das Gesundheitswesen wieder vollständig zu privatisieren. Trumps finanzpolitischer Berater ist Steven Mnuchin, der 17 Jahre bei Goldman Sachs arbeitete.

Abgesehen von der protektionistischen Leerformel, dass er die Jobs aus China wiederholen werde, besteht Trumps Erfolg somit nicht aus ökonomischen Versprechen an die Abgehängten. Er hat vielmehr das betrieben, was die Republikaner seit Jahrzehnten tun: die kulturkämpferische Überdeterminierung ökonomischer Konflikte. Am Ende sind es eben wieder die Immigranten, die Schwarzen, die Hispanics, Lesben oder Schwule, die für das Unglück der Arbeiterklasse verantwortlich sind. Trumps Erfolg besteht nicht in der Aussicht auf Aufstieg, sondern in seiner Autorisierung der Aggression, im kompensatorischen Hassen lassen. Er will den Konflikt des Konflikts wegen, weil die Abgehängten für ihn die nützlichen Idioten einer egomanischen One-Man-Show sind.

Man kann das linksliberale juste milieu also dafür kritisieren, dass es Teile der Arbeiterklasse zunehmend vergessen hat. Wirklich verachtet wird diese aber rechtsaußen.