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Oh, Baby.

Die ersten SMS kamen um 6 Uhr Londoner Zeit. Es waren alles Entschuldigungen, Angst, Schock. Außer mir hatte nur ein einziger meiner amerikanischen Freunde Trumps Sieg kommen sehen.

Der amerikanischen Küstenelite zu sagen, dass Trump gewinnen würde, war, als kotzte man auf einer Dinnerparty, zu der man nicht einmal eingeladen war. Und pinkelte anschließend im Wohnzimmer auf den Fußboden. Selbst im engsten Freundeskreis schien man damit alle Grenzen des guten Geschmacks zu sprengen.

Es war für mich ein merkwürdiges Jahr, in dem ich unter anderem alle sogenannten Battleground-Staaten bereist habe. Früher habe ich viel Zeit im Mittleren Westen verbracht, war aber seit mehr als zehn Jahren nicht mehr dort gewesen. Und vor ein paar Monaten sah ich dort eine Zerstörung und Leere, die sich in den Phrasen meiner Freunde und ihrer Nachrichtenquellen überhaupt nicht spiegelten. Es war völlig klar, dass sich die guten alten USA wirklich erheblich verändert hatten. Alles war möglich.

War doch klar, wer die Schuld trägt

Den Oktober verbrachte ich größtenteils in Europa, und jedes Mal, wenn ich einem großherzigen Europäer erzählte, dass Trump die Wahl gewinnen würde, stimmte er mir sofort zu. Ich fragte mich, ob sie alle wirklich dachten, dass er der nächste Präsident werden würde, oder einfach nur höflich waren. Wer weiß. Manche von ihnen waren Lektoren und Verleger und hatten auch finanziell ein Interesse daran, mich bei Laune zu halten.

Andererseits: Seit wie vielen Jahren erlebt Europa dasselbe Phänomen? In wie vielen Wahlprognosen hat man noch am Tag vor der Abstimmung einen Sieg der Linken oder der Mitte gesehen, der dann schließlich als rechtes Unwetter die kollektive Psyche erschüttert hatte? Seit dem Brexit wirkte Trump unausweichlich.

Man wird noch viele Jahre über diese Präsidentschaftswahl forschen und publizieren. Ein paar Wissenschaftler und Journalisten werden sogar das Richtige schreiben, aber hier mal kurz meine Interpretation: Wenn sich die ganze Welt, mit Ausnahme von etwa 15.000 Menschen, einig ist, der Neoliberalismus sei komplett gescheitert, ist es womöglich eine dumme Idee, als Parteikandidatin die Inkarnation des neoliberalen Establishments von Washington und der Universität Georgetown aufzustellen. Ganz besonders, wenn sie auch noch eine fürchterliche Wahlkämpferin ist. Und Wahlversprechen geerbt hat. Und der Partei angehört, die seit acht Jahren im Weißen Haus regiert.

Es schien, als sei vielen einflussreichen Leuten erst in der vergangenen Woche klar geworden, dass Hillary Clinton verlieren würde. Die Stimmen der Frühwähler waren eingetroffen, und es wurde berichtet, dass sie einen deutlichen Rückgang schwarzer Wähler zeigten. Die unausgesprochene Schlussfolgerung: Wenn Clinton tatsächlich verlieren würde, war klar, wer die Schuld trägt.

Daran zeigte sich die ganze Idiotie von Clintons Kampagne und ihren Medien-Apparatschiks. Die Leute glaubten doch tatsächlich, dass sie genauso viele schwarze Wähler mobilisieren könne wie Barack Obama. Er hat aber nicht nur eine besondere und tiefe Beziehung zur afroamerikanischen Bevölkerung, sondern ist auch der talentierteste Wahlkämpfer, den die Demokraten seit Roosevelt hatten.

Obama ist ein politischer Superstar. Ich glaube, wenn es keine Amtszeitbegrenzung für den Präsidenten gäbe, bliebe er an der Macht, bis er stirbt. Clinton gehen seine Begabungen völlig ab, schlimmer noch: Sie hat sich der gespielten Empörung der gemäßigten Linken bedient.

Man wird noch monatelang, wenn nicht jahrelang darüber reden, dass Trumps Wahl eine Zurückweisung der Political Correctness ist. Davon bin ich nicht ganz überzeugt, aber eines will ich doch feststellen: Wenn dein einziger politischer Kniff darin besteht, anderen zu sagen, dass sie sich schämen sollten, darfst du dich nicht darüber wundern, was passiert, wenn du auf einen Mann triffst, der sich für gar nichts schämt.

Die Republikaner sind jetzt die Klugen: Sie haben Massenmedien, Popkultur, das Internet und die postmoderne Avantgarde verstanden. Die Demokraten hingegen sind die Partei der Leute, die sich außerordentlich schockiert geben, sobald jemand, der nicht mit einem Doktortitel in Gender Studies von der Uni Berkeley geboren wurde, eine Meinung äußert.