Wie ein neugeborenes Baby, dessen Leben gerade begonnen hat, so komme ich mir vor. Und nicht nur ich. Andere um mich herum versuchen ebenfalls, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Andere, mit denen ich zusammen im "Lager" war und die wie ich inzwischen dort ausgezogen sind. Was nicht heißt, dass die Widrigkeiten damit ausgestanden wären – auch sie haben eigentlich erst so richtig begonnen.

Suha

Meine Wohnheimnachbarin Suha war die Erste, die mich mit meinem eigenen Schmerz konfrontiert hat, indem sie mir von ihren seelischen Wunden erzählte. Sobald sie am Anfang eines Gesprächs sagt, dass sie aus Syrien komme, richten sich alle Blicke auf sie, verengen sich leicht und erkalten. Dann beginnen die Fragen: Aus welcher Stadt sie komme und ob die zerstört worden sei; welche Familienangehörigen sie verloren habe und ob sie übers Meer gekommen sei.

Meist verstummt Suha schnell wieder, denn sie wird an dem Ort, an dem sie jetzt ist, immer nur auf diese Identität reduziert. Sie zittert, und mit ihr zittern die Sätze, die sie auswendig gelernt hat, in einem verzweifelten Versuch, sich verständlich zu machen. Die Schüchternheit ... Hätte sie die doch auch ins Meer geworfen.

Sie zieht sich dann immer in sich selbst zurück. In die wenigen Sätze hat sie fast alles hineingepackt, was sie auf Deutsch bisher gelernt hat. Die Blicke der Gutmeinenden lösen Beklemmung in ihr aus. Sie spürt ihr Herz gegen die Rippen schlagen. Die anderen schweigen, denn auch für sie ist das Gespräch beendet. Nach den Geschichten von Tod und Rettung erwarten sie nichts Interessantes mehr.

Wenn Suha auf die Liebe angesprochen wird, verkriecht sich ihr Lächeln in die hintersten Winkel ihres Gesichts. "Wie soll ich denn momentan lieben können? Und wer soll mich lieben, wo ich mich doch nicht einmal mehr selber liebe? Vor dem Krieg sah ich ganz anders aus, waren meine Gesichtszüge noch nicht von den Narben der Angst zerfurcht. Ich konnte lächeln und mit den Augen strahlen. Ich hatte Träume und Erinnerungen. Als ich das Meer überquerte, warf ich all das über Bord, um nicht zu versinken. Jetzt ist der Glanz in meinen Augen erloschen und meine Lider zucken nervös, wenn ich mich beobachtet fühle. Mitgebracht habe ich nur den Kummer aus 37 Lebensjahren."

Souad Abbas, geboren 1977, arbeitet als Journalistin für verschiedene arabische Zeitungen. Sie ist Redakteurin der Website "Abwab.eu" und Projektmanagerin für Asylprojekte des Dänischen Flüchtlingsrats. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Wie soll eine Frau lieben können, die gelernt hat, dass das Sprechen über die Liebe noch gefährlicher ist als der Liebesakt an sich? Die gelernt hat, stolz auf ihre Jungfräulichkeit zu sein, statt sich deswegen zu genieren?

"In meinem Land habe ich stumm geliebt, konnte meine Gefühle nicht ausleben. Wir haben uns gegenseitig Zettel geschrieben, kurze heimliche Liebesbriefe. Solche, die man zerknüllt, sobald man sie gelesen hat. Wir haben uns aus den Augen verloren, und so war unsere Liebesgeschichte vorbei, noch bevor sie richtig begonnen hatte.

In Deutschland kam ich der Liebe näher. Ich erlebte, wie es war, von einem Mann berührt zu werden, geküsst zu werden, das Gefühl vermittelt zu bekommen, die Wolken mit bloßen Händen greifen zu können. Dann verließ er mich, weil ich für ihn keine emanzipierte Frau war, sondern eine voller Komplexe, und weil ich Verbindlichkeit einforderte. Das Schockierendste für mich war, dass er, der vorgegeben hatte, meinen Hintergrund und mein 'Orientalisch-Sein' zu verstehen, meine Fremdartigkeit und mein Anderssein zu lieben, mich dann aus genau diesen Gründen verlassen hat."

Ayman

Niemand von uns allen war so einsam und gebrochen wie Ayman. Er war geflohen, nachdem er sein Labor, sein Haus und alles andere verloren hatte, was er sich in 40 Jahren in Aleppo aufgebaut hatte. Seine Mutter und seine Schwester blieben in der Türkei zurück, er kam allein nach Deutschland:

"Ich dachte wirklich, ich würde all die Spielarten der Angst, denen ich auf meiner Reise ausgesetzt war, hinter mir lassen, sobald ich in Deutschland wäre. Doch es sollte nur der Beginn einer weiteren Etappe werden: Zu den Verlusten, die ich erlitten hatte, gesellte sich nun die erniedrigende Erfahrung eines Lebens in der Flüchtlingsunterkunft. Ich verließ sie mit dem Stigma des Besiegten, vor mir Jahre der nebulösen Ungewissheit. Wie würde ich mich selbst wieder zusammenflicken können, nachdem alles, worauf ich einst stolz war im Leben, in die Brüche gegangen war? Ich hatte studiert, gearbeitet, geliebt, geflirtet. Nachbarinnen und Freundinnen hatten mich mit ihrem Lächeln reich beschenkt. Ich hatte eine Gegenwart und eine Vergangenheit, das ganze Leben lag vor mir. Nach all dem sehne ich mich zurück. Danach, dass die anderen in mir mehr sehen als einen Fremdling, der unablässig um Unterkunft und Geld bettelt.

"Ich fühle mich unsichtbar unter ihnen"

Ich will mein vertrautes Gesicht zurück, will mich wieder daran erinnern können, was Liebe ist, will lernen, in dieser fremden Sprache zu flirten, will einer Frau hier etwas ähnlich Schönes sagen können wie unser arabisches "wailah ma adschmaluki" ("Oh Weh, was bist du schön!"). Im Deutschen kann man das so nicht ausdrücken, aber dort, wo ich herkomme, sind Liebe und Schmerz Synonyme. Ob ich jemals werde flirten können? Meine Mutter hat immer zu mir gesagt: "Deine Stimme ist zärtlich wie der Klang der Nay." Hier kennen sie weder die Nay-Flöte noch unsere melancholischen Lieder.

Ich will, dass jene Frau mich hört, in deren Kopf allerlei Vorstellungen über mich herumschwirren, die nichts mit mir zu tun haben. Ich will ihr zeigen, dass ich die schönsten aller Liebesworte kenne, dass ich offenherzig bin und weit wie der Himmel."

Mohammed

Aus Mohammed spricht die Schwermut von jemandem, der 57 harte Lebensjahre hinter sich hat. Nachdem er gemeinsam mit seiner Frau und seinen Söhnen aus der Geflüchtetenunterkunft ausgezogen ist, hat er in dem Dorf, wo sie jetzt wohnen, ein paar nette Ehepaare kennen gelernt:

"Sie unterstützen mich. Ich bekomme von ihnen viele Informationen über das Dorf: Darüber, was man tun und lassen soll, was sie als Deutsche mögen und nicht mögen – viele kleine Dinge, die ich bereitwillig in mich aufsauge.

Aber ich sehne mich nach meinen Freunden, jenen, mit denen ich aufgewachsen bin. Hinter mir liegt ein Leben voller Erinnerungen. Ich kann mich nicht mehr verständlich machen, lebe erneut in der Furcht, nicht akzeptiert, sondern in eine Schublade gesteckt zu werden. Wie kann ich jenen, die mich mit überwältigender Sympathie aufgenommen haben, begreiflich machen, dass ich mehr bin als ein karitatives Projekt? Dass ich ein Hochschulstudium absolviert, dass ich unterrichtet habe? Heute kann ich nicht mal entziffern, was in meinem Deutschlehrbuch steht. Ich will von den mir nahestehenden Menschen berichten, wie sie gelebt haben, welche Verluste sie erlitten haben, wie sie in alle Winde verstreut wurden, wie sie gestorben sind. Ich will klagen, will weinen, ohne mich dafür entschuldigen zu müssen, ohne mich darum zu kümmern, ob ich jemandem mit meiner Trauer auf die Nerven falle."

Safa

Mit ihren 20 Jahren sprüht Safa vor Lebensenergie. Die Liebe bereitet ihr kein Kopfzerbrechen. Sie lebt mit einem deutschen Freund zusammen, dessen Herz ebenso feinfühlend ist wie ihres. Von den Deutschen erwartet sie mehr Empathie. Sie möchte, dass sie nicht nur die Nachrichten über den Krieg in Syrien verfolgen, sondern begreifen, auf welcher Seite sie steht. Sana ringt um deutsche und englische Wörter, mit denen sie ihren Revolutionsgeist untermauern kann. 

Leicht betrübt sagt sie: "Ich habe all jenes Sterben hinter mir gelassen, um hier ein neues Leben zu beginnen. Dann musste ich feststellen, dass ich stumm bin und erst wieder sprechen lernen muss. Ich werde das schaffen, ich habe noch viel Zeit."

Widad

Widad ist Anfang 30. Sie war Ingenieurin, hatte einen Ehemann und ein Haus. Das ganze Leben lag vor ihr, doch vor drei Jahren ging alles in Flammen auf. Sie spricht nur selten, doch das Glimmen in ihren Augen verrät, wie viel Liebe noch in ihrem Herzen steckt, und überspielt gleichzeitig, was sie an Schmerz darin vergraben hat.

"Die Menschen hier sind nett, ihre Blicke ausdrucksvoll. Ich fühle mich unsichtbar unter ihnen. Kein Mensch nimmt mich wahr, wenn ich durch die Straßen gehe. Ich traue mich nicht, den Mund aufzumachen. Keiner soll merken, dass ich fremd hier bin."

Die freiwilligen Helfer aus der Geflüchtetenunterkunft bezeichnet sie als ihre Freunde. Doch sie weiß von ihnen nicht viel mehr als ihre Vornamen; höchstens noch, wie viele Kinder sie haben oder mit wem sie verheiratet sind. Umgekehrt wissen die Helfer über sie auch nur das, was sie wissen wollen. Sie mögen das Essen, das sie kocht, und ihren Kaffee. Nicht mehr und nicht weniger.

Sie trägt in sich eine Sehnsucht, die sie nicht stillen kann, und eine Scheu vor allem, was sie nicht kennt im Leben. So vieles muss sie erst noch finden: die Sprache, ein Studium, eine Arbeit. Zur Liebe fehlt ihr noch der Wagemut. Sie weiß noch nicht, wie der erste Schritt sein wird. Ihre Augen wandern suchend umher und sagen: Es kommt, wie es kommt.