Das stiftet eine eigentümliche Nähe zwischen abgebildeter Person und Betrachter, die innige Nähe der Fantasie. Man sieht ein Gesicht und versucht, ein Leben zu lesen. Man versteht, dass die eigenen Annahmen richtig sein können – oder komplett falsch. Man versteht, wie unendlich schwer es ist, sich selbst aus dem Bild herauszuhalten, den eigenen geistigen Rahmen zu verlassen – ein Rahmen, der sich durch all die tagtäglichen Bilder geformt hat, die bewusst und unbewusst unsere Wahrnehmung prägen, ein Rahmen, dessen man sich vergewissern muss, will man nicht im medialen Alarmtheater gefangen bleiben.

Doha aus der Fotoserie "Ich habe mich nicht verabschiedet" © Heike Steinweg

Vermutlich dürften nur wenige Erfahrungen schlimmer sein als die, eine ganze Existenz zurückzulassen, noch dazu ohne Abschied zu nehmen. Und doch ist momentan genau dies das Schicksal vieler Menschen auf der Welt. Es erscheint daher passend, dass es sich bei dem Titelbild der Ausstellung Ich habe mich nicht verabschiedet um ein anonymes Porträt handelt: das Foto einer Frau, die uns den Rücken zuwendet. Dennoch gehört ihr eines jener fünfzehn Augenpaare, die Ruhe im Sturm signalisieren, weil man spürt, dass ihr Blick wichtig ist, selbst wenn er in eine andere Richtung geht.

"Es kommt nicht auf mein Gesicht an, nicht auf meine Nationalität, nicht auf meine Religion und nicht auf meine Hautfarbe."

Indem sie sich nicht zu erkennen gibt, steht diese Frau für die vielen, die unfreiwillig ins Exil gegangen sind. Ihre Haltung bewahrheitet zudem die Vermutung, dass man nicht unbedingt ein Gesicht sehen muss, um ein Schicksal zu begreifen. So überzeugend diese Rückenansicht ist, die übrigen Bilder wirken zwingender, weil sie die absolute politische Notwendigkeit bestätigen, sein Gesicht zu zeigen.

"Jegliche Fotografie ist eine Beglaubigung von Präsenz", schrieb Roland Barthes. Das gilt für manche Fotos mehr als für andere, und es gilt ganz besonders für die Porträts in Ich habe mich nicht verabschiedet. Indem die Frauen für diese Bilder posieren, nehmen sie für sich in Anspruch, hier zu sein. Ein solches Foto mag auch ein Beispiel für "Natalität" darstellen, die Hannah Arendt als die Fähigkeit zum Neuanfang beschreibt, die Möglichkeit, das Unerwartete zu tun. In ihrem Buch Vita activa schreibt Arendt: "Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, [...] und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt." Die Idee, dass wir unendlich oft neu anfangen können, ist eine befreiende, elektrisierende Aussicht. 

Fadwa aus der Fotoserie "Ich habe mich nicht verabschiedet" © Heike Steinweg

"Auf der Überfahrt von Libyen hatten wir vier Tage lang nichts zu essen. Aber es war nicht schlimm, ich habe keinen Hunger gespürt, weil ich Europa vor Augen hatte."

Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass etwas neu Begonnenes gut wird oder glückt. Und doch steckt in jedem Anfang der Schauer eines Versprechens. Wir alle brauchen dieses Versprechen, um weitermachen zu können.

"Als erstes ist mir in Deutschland aufgefallen, wie stark die deutschen Frauen sind. Das gibt mir Kraft und spornt mich an, genauso zu werden."

Ein Klick, und es entsteht eine neue Sichtweise. Es ist so einfach und gleichzeitig so viel komplexer.

Ich habe mich nicht verabschiedet zeigt nur eine Person, die lächelt. Steinweg hat die Frauen nicht dazu ermuntert, weil Lächeln ein Mittel sein kann, andere für sich zu gewinnen oder zu beschwichtigen. Häufig schlüpfen Frauen in die Rolle derjenigen – oder werden in sie gesteckt –, die die Wogen glätten und alles hübsch machen. Die Fotos wirken solchen Erwartungen entgegen. Steinwegs Ziel war ganz einfach, die Frauen in ihrer eigenen Stärke zu zeigen. "Sei einfach die, die du bist", sagte sie ihnen.