Hillary Diane Rodham 1969 am Wellesley College © Lee Balterman/The LIFE Picture Collection/Getty Images

Hillary Clintons Karriere und die Erfindung von "Hillary Clinton" sind nicht zu begreifen ohne ein Verständnis für die Mechanismen des Sexismus. Anders als grob gestrickte Medienexperten meinen, ist das nicht dasselbe wie Frauenhass. Nicht das Frausein wurde Hillary Clinton zum Verhängnis, sondern dass sie eine Frau ist, die die ihr zugeschriebene Rolle und Aufgabe nicht ausfüllen wollte.

Sie war eine überaus erfolgreiche Studentin am Wellesley College, einer Privathochschule für Frauen. Kommilitonen erinnern sich an sie als Studentenaktivistin und "raffinierte Koalitionsschmiedin, die extrem stark und sehr vernünftig zu führen vermochte". Als erste aus der Studentinnenschaft durfte sie bei der Abschlussfeier eine Rede halten. Spontan kritisierte sie darin den offiziellen Redner, den republikanischen Senator Edward Brooke. Die Rede wurde im Life-Magazin veröffentlicht und Hillary gab der New York Times ein Interview. Ihre Freundinnen wunderten sich sehr, als Hillary nach dem Jurastudium Bill Clinton heiratete, anstatt sich auf ein öffentliches Amt vorzubereiten. "Viele von uns dachten, Hillary würde die erste Frau im Weißen Haus werden", sagt Karen Williamson, eine Wellesley-Kommilitonin. "Ich dachte, wenn es überhaupt jemals eine Frau zur Präsidentin bringen könnte, wäre sie es."

Aber trotz all der Unabhängigkeit, die Hillary erreicht hatte, spürte sie offenbar einen starken Druck, zu heiraten. "Ring by spring!" war das Motto der Wellesley-Abschlussklassen. Wie viele Frauen unserer Generation – ich bin nur ein paar Monate älter als Hillary – fühlte sie sich wohl angezogen von einem Leben, das sich den Ambitionen eines Ehemann unterordnete, und konnte es doch nicht aushalten. Schließlich vertrat sie ihre Unabhängigkeit und Persönlichkeit als Rechtsanwältin mit Stolz und musste zwangsläufig mit den gesellschaftlichen Erwartungen kollidieren.

Gay White, die Witwe des Republikaners Frank D. White, der 1980 bei der Gouverneurswahl in Arkansas gegen den amtierenden Bill Clinton antrat, erinnert sich an Hillarys Worte: "Ich weiß gar nicht mehr, wie oft potenzielle Wähler zu mir kamen und mich fragten: ‘Behalten Sie Ihren Mädchennamen, wenn Ihr Mann gewinnt?’. Ich musste es mir immer wieder anhören." Hillary Diane Rodham hat ihren Namen damals nicht geändert, und die Menschen in Arkansas verstanden es als Ablehnung ihrer Rolle, in die sie sich als First Lady und nicht zuletzt als Ehefrau des Präsidenten zu fügen hatte. Bill galt damals schon als jung und arrogant, und viele halten seine als radikal feministisch bezeichnete Ehefrau für einen der Gründe, warum er es damals nicht geschafft hat. "Wie Hillary wahrgenommen wurde", sagt Gay White, "spielte eine große Rolle".

"Du musst dich schützen"

Es war nicht das erste und letzte Mal, dass Hillary das Ressentiment begegnete, sie würde ihren "rechten Platz" als Frau ablehnen. "Als ich zur Jura-Aufnahmeprüfung ging", erzählte sie Henry Louis Gates, "mussten wir alle nach Harvard für den Test, und wir waren in einem großen Saal, nur ganz wenige Frauen unter uns, und wir saßen an den Tischen und warteten auf die Aufsicht und all die jungen Männer um uns herum fingen an, uns zu schikanieren. Sie sagten: ‘Was glaubt ihr, was ihr hier macht? Wenn ihr angenommen werdet, nehmt ihr mir meinen Platz weg. Ihr habt gar kein Recht dazu. Warum geht ihr nicht nach Hause und heiratet.’" Später in einem Interview mit Humans of New York erzählte Hillary mehr über ihre Reaktion: "Ich konnte mir gar keine Ablenkung erlauben, weil ich ja den Test nicht verhunzen wollte. Also blickte ich weiter zu Boden in der Hoffnung, die Aufsicht würde bald kommen. Ich weiß, dass man mich als distanziert, kalt oder gefühllos wahrnehmen kann. Aber ich musste schon als junge Frau lernen, meine Gefühle zu kontrollieren. Und das ist ein schwieriger Weg. Denn du musst dich schützen, die Dinge am Laufen halten, aber gleichzeitig möchtest du nicht wirken, als würdest du dich abschotten." 

In diesem für Frauen klassischen Zwiespalt befand sich Hillary Clinton während ihrer gesamten politischen Karriere. Eine Frau, die zu emotional und verletzlich wirkt, hält man mit hoher Wahrscheinlichkeit für zu schwach oder labil für eine Führungsposition. Wenn sie hingegen zu kontrolliert und selbstständig wirkt, wird sie wahrscheinlich als kalt und männlich und deshalb abstoßend empfunden. Man nannte Golda Meir "den einzigen Mann im Kabinett", Angela Merkel gilt als "die Eisenfrau". Elizabeth I. von England verbrachte ihre gesamte Herrschaft mit dem gefährlichen Balanceakt, ihren Untertanen zu beweisen, dass sie "Herz und Magen eines Königs" habe und zugleich als sorgende Mutter Englands Liebe verdiene. Als regierende Monarchin konnte Elizabeth zumindest ein wenig ihr Bild in der Öffentlichkeit beeinflussen. Hillary hingegen ist auf die Gnade der Medien angewiesen.