So sehen präsidiale Ehepaare aus: Die Clintons treffen die Chiracs 1996 in Frankreich. © Reuters

Vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen finde ich es umso unglaublicher, dass Clinton so für die Bemerkung gescholten wurde, die Haltung in einem öffentlichen Amt müsse zwangsläufig oft von der privaten Meinung abweichen. Ein Beweis ihrer Falschheit? Wie bitte? Wenn wir alle pausenlos öffentlich ausdrückten, was wir im Privaten denken, hätten wir sehr schnell nur noch sehr wenige Freunde und Mitstreiter. Und die Dinge, die uns etwas bedeuten, kämen nicht voran. Clinton verwies in diesem Zusammenhang darauf, wie bedacht Abraham Lincoln die Unterzeichnung des 13. Zusatzartikels der Verfassung vorbereitet hatte. Wir alle – auch wenn wir aus einer weniger mächtigen Position heraus argumentieren – kennen diese Momente, in denen wir alles, wofür wir kämpfen, aufs Spiel setzen würden, wenn wir aussprächen, was wir denken. Ich bin davon überzeugt, dass wir all ihre Wall-Street-schmeichelnden Bemerkungen in ihren Reden so zu verstehen haben. Wenn es nach mir ginge, wäre diese "Kontroverse" damit beigelegt. Warum hat kein Kommentator diesen Punkt vorgebracht?

Der Unmut, den Levy, Wilentz und Roiphe 2008 äußerten, legt nahe, dass es Hillary-Gegnern nicht um "Politik" geht. Und ich habe festgestellt, dass viele jüngere Feministinnen gar nicht dieselbe Hillary sehen wie ich. Es machte Klick bei mir, als ich eine meiner Studentinnen fragte, wie die sogenannten Millenial-Feministinnen Hillary sähen. Sie sagte: "eine weiße Lady". Sie bezog sich dabei nicht auf Hillarys Hautfarbe oder ihre rassenpolitische Einstellung (die übrigens oft missverstanden wurde, zumeist von Weißen – ältere Afroamerikaner sind Hillarys stärkste Verbündete). Sie bezog sich vielmehr auf Hillarys Zugehörigkeit zu einer dominierenden Klasse, sauber, normiert, auf einer Linie mit den mächtigen Institutionen anstatt mit den widerständigen Kräften. Und auf ihren Kleidungsstil (das ordentlich frisierte Haar, ihre akkuraten, langweiligen Hosenanzüge), der ihre Zugehörigkeit zu dieser Klasse symbolisierte.

Die Generation der jüngeren Feministinnen teilt zwar kaum die Ansichten der Rechtskonservativen, die Hillary als Hexe, Teufelin oder Satanistin bezeichnet haben, die man ins Gefängnis werfen oder verbrennen muss. Aber man sollte wie Savannah Barker darauf hinweisen, dass ihr Bild von Hillary Clinton überschattet wird durch 20 Jahre unablässiger persönlicher und politischer Angriffe.

Die rechte Verschwörung

Obwohl sie jeden Tag mit den Konsequenzen dieser Angriffe bombardiert werden, begreifen leider nur wenige von ihnen, welche historischen Bedingungen zu diesen Anfeindungen geführt haben. "Wenn wir Millenials Hillary Clinton betrachten", schreibt Barker, "ignorieren wir all die Jahre, in denen sie niedergemacht wurde von unlauteren Medien im Dienst einer frauenfeindlichen Gesellschaft. Stattdessen sehen wir nur eine hochglanzpolierte Politikerin, der das volksfreundliche Charisma und die Leidenschaft eines Bernie Sanders abgehen".

Diese jungen Frauen haben nicht erlebt, wie die Republikaner, entsetzt davon, dass "Liberale" wie die Clintons es an die Macht geschafft hatten, eine Hexenjagd begannen, die bis heute andauert. Hillary hatte recht, es war eine "große rechte Verschwörung": angefangen bei Ken Starr, der unablässig im Privatleben der Clintons wühlte, über Mitch McConnell, der sich mit anderen Republikanern in der Nacht von Obamas Wahl zusammenrottete, um jedes Vorhaben des Präsidenten zu blockieren, bis zu Donald Trumps "Birtherism"-Theorie. Die Jungen haben das Jahrzehnt des "Kulturkampfes" nicht miterlebt, in dem man Feministinnen und anderen "politisch Korrekten" unterstellte, den amerikanischen Geist zu verbrämen (Alan Bloom) und höhere Bildung zu untergraben (siehe Dinesh D’Souza, der seine Schlammschlacht in dem herbeifantasierten Film Hillary’s America fortsetzte). Sie alle übersehen die Geschichte des Violent Crime Control and Law Enforcement Act von 1994 (von Reagan initiiert) oder die Herkunft der Formulierung "super-predator" (die gar nicht von Hillary stammte und auch nicht die schwarze Jugend meinte, sondern einflussreiche, ältere Drogendealer).   

Zum Geschichtsverständnis der jüngeren Leute gehört eben auch nicht die "radikale Feministin" Hillary, die Frauen meiner Generation jubeln ließ. Oder all die Gründe, warum sie ihr widerspenstiges Haar und ihre unverstellte Sprache bändigte und immer vorsichtiger wurde. Das Geschichtsverständnis der Jüngeren ist geprägt von der erfundenen Hillary. Diese Hillary ist uns, die wir ihre Erfindung miterlebt haben, völlig fremd. Aber wer nur die Schlagzeilen kennt, mag sie für die wahre Hillary halten.