Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten, um ein erschreckendes Ereignis wie Donald Trumps Wahlsieg zu erklären; man kann auf der Suche nach den Ursachen über die Macht einer einzelnen Person reden oder aber über das System. Als der Sozialpsychologe Philip Zimbardo, ein anerkannter Experte für die Entstehungsbedingungen von Folter, einmal gebeten wurde, die Grausamkeiten im irakischen Gefängnis von Abu Ghraib zu ergründen, geriet er in Rage. Er reagierte voller Zorn auf die Behauptung von George W. Bush, man habe es hier einfach mit ein paar "faulen Äpfeln" ("some bad apples") zu tun. Man müsse, so Bush, nur die schrecklichen Charaktere loswerden und die paar folternden Soldaten bestrafen, dann werde alles besser. Nein, erwiderte Zimbardo, nicht die Äpfel seien faul, sondern das gesamte Feld. Es sei eine toxische Situation entstanden, die den Schrecken erst ermöglicht habe. Es ginge nicht um Personen, sondern um das System selbst.

Bernhard Pörksen, 47, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Zuletzt schrieb er mit Friedemann Schulz von Thun das Buch "Kommunikation als Lebenskunst". © privat

Heute, in den Tagen nach Trumps Wahl zum Präsidenten der mächtigsten Demokratie der Welt, stehen sich die Vertreter der Theorie der faulen Äpfel und die Vertreter der Theorie des faulen Feldes wieder gegenüber. Und man fragt sich schockiert: Wer ist schuld? Ein einzelner Narziss, eine gestörte Persönlichkeit? Oder sind es situative und systemische Bedingungen der Medienbranche, die Donald Trump erst groß gemacht haben?

Wahrscheinlich findet sich die Wahrheit in der Kombination beider Perspektiven: die Betrachtung fauler Äpfel und die des faulen Feldes. Nötig ist in jedem Fall der Abschied von der einen Ursache, die scheinbar linear die eine Wirkung erzeugt; nötig ist der doppelte Blick, der auf den Einzelnen und auf das System schaut. Denn natürlich, die Person ist wichtig. Und es stimmt ja: Trump ist als Mischwesen aus alter und neuer Mediensphäre, als Zwitter aus Realitystar und Internettroll, in seiner Selbstsicherheit und seiner Skrupellosigkeit auf bizarre Weise einzigartig. Aber die Tatsache, dass sich ein derart betrügerischer, verlogener Unternehmer, ein Mann, der Behinderte verspottet und seine Frauenverachtung offen auslebt, in dieser Weise durchzusetzen vermag, zwingt zum Blick auf das Mediensystem und die aktuelle Situation des Journalismus. 

Das Informations-Desinformations-Paradox

Trump konnte nur so weit kommen, weil es situative und systemische Bedingungen gegeben hat, die ihm den Durchmarsch ermöglichten. Er ist der Profiteur eines Medienumbruchs, der Gewinner eines Dramas, das sich in Gestalt sehr unterschiedlicher, miteinander verwobener Entwicklungen zeigt. Zum einen: Dies war der erste amerikanische Wahlkampf, der sich in dieser Deutlichkeit unter den Bedingungen eines medialen Kontrollverlustes vollzog. Schmutzkampagnen gab es auch früher schon. Aber digitale und soziale Medien des heutigen Ausmaßes sind neu. So regierten Plötzlichkeit, Geschwindigkeit und Heftigkeit der Attacke, die den ausgeruhten, erörternden Diskurs letztlich implodieren ließen. Der etablierte Journalismus konnte die Grenzen des Sagbaren nicht mehr definieren.

Es gab verstörende Falschmeldungen in endloser Folge, die tausendfach auf Facebook kursierten. Es gab das jeweils aktuelle Twitter-Gewitter, das Donald Trump auf seine 13 Millionen Follower niederfahren ließ. Es gab den von einem Hobbyfotografen mit dem Handyvideo dokumentierten Schwächeanfall der Präsidentschaftskandidatin, der plötzlich weltweit Aufsehen erregte. Mal tauchten längst vergessen geglaubte E-Mails auf, die Hillary Clinton in Bedrängnis brachten; dann lieferte Julian Assange – eine Art Wahlkampfhelfer der Trump-Familie – neue Enthüllungen von der Hinterbühne, die den Pauschalbefund des Verlogenen und Korrupten verstärkten. Schließlich kursierte das Video sexistischer Ausfälle, das Donald Trump kurzfristig tatsächlich in Bedrängnis brachte.

Deutlich wurde in diesem Wahlkampf und im Vergleich der beiden so unterschiedlichen Kandidaten: Geschwindigkeit in Kombination mit Erregung und Verunsicherung wirkt als ein Gleichmacher, der den falschen Eindruck der Ähnlichkeit des eigentlich Verschiedenen erzeugt. Im Stakkato der Breaking News und im Strudel der Dauererregung in den alten und neuen Medien entstand das Gesamtbild, dass hier einfach zwei in der Summe ziemlich fehlerhafte Kandidaten um das höchste Amt ringen. Deutlich wurde auch: Je mehr – womöglich widersprüchliche, in der Summe jedoch beunruhigende – Informationen auf Menschen einprasseln, desto größer ist die Chance effektiver Desinformation, weil man sich irgendwann unvermeidlich nach der Ruhebank fester Wahrheiten und klarer Orientierungen sehnt. Wem soll man noch glauben? Welche Rolle spielen Social Bots, russische Hacker, bezahlte Trolle? Welche Quelle lässt sich überhaupt identifizieren, wenn die neuesten Horrorstorys durch die eigene Timeline spülen? Das ist das Informations-Desinformations-Paradox der digitalen Zeit: Immer mehr Information erlaubt die immer effektivere Desinformation.

Hillary Clinton wollte in dieser Situation mit Inhalten und Konzepten punkten, aber es geht in solchen Momenten nicht mehr um Inhalte, sondern um die Inszenierung von Führungsstärke und das Signal totaler Sicherheit. Trump hatte für die allgemeine informationelle Verunsicherung die passende rhetorische Strategie: kurze, knappe, endlos wiederholte Botschaften, einfache Formeln, anschauliche Symbole ("die Mauer"), die sich zu einer einzigen metakommunikativen Botschaft verdichten ließen: Alles wird besser, sicherer, großartiger werden, wenn er erst einmal Präsident ist! Dieses Ausweichen auf die Ebene der metakommunikativen, oft widersprüchlichen, aggressiv und diffus schillernden Formeln ("Ich werde ziemlich hartes Zeug machen.") hat die politischen Gegner in ein Dilemma manövriert. Soll man überhaupt inhaltlich argumentieren? Wie kritisiert man Inhalte, wenn sie doch nur als beliebig variierbares Material für das große, globale Veränderungsversprechen für Verzweifelte gedacht sind? Wie kann man jemanden im Prozess der Debatte stellen, der gar nicht debattiert?