Amerikaner tun gerne ihre politische Meinung kund, gerne im Vorgarten, damit Vorbeifahrende aus dem Auto heraus sehen, wen man wählen wird. Sogenannte lawn signs, Schilder mit den Namen der Kandidaten und ihres Vizes, sind ein verlässlicher Indikator für die politische Verfasstheit einer Gegend. Seit drei Monaten bin ich Writer in Residence an einem als sehr liberal geltenden College, dem Oberlin College, in Ohio, einem wiederum eher wenig liberalen Bundesstaat. Ich bin nicht zum ersten Mal in der Region. Ich war hier schon in den achtziger Jahren als Austauschschülerin, habe hier den 11. September erlebt und an verschiedenen Colleges und Universitäten gelehrt. Nun also Oberlin.

Tanja Dückers, geboren 1968 in West-Berlin, Schriftstellerin, Publizistin, Kunsthistorikerin. Zu ihren Werken zählen die Romane "Himmelskörper", "Der längste Tag des Jahres", "Spielzone", "Hausers Zimmer", der Essayband "Morgen nach Utopia" sowie mehrere Lyrikbände und Kinderbücher. Sie schreibt regelmäßig für ZEIT ONLINE, DeutschlandRadio und den RBB. Leitung von Schreibwerkstätten im In- und Ausland. Sie ist Gastautorin bei "10nach8". © Anton Landgraf

Das Oberlin College ist berühmt: Hier durften landesweit die ersten Schwarzen studieren, ab 1835, Jahrzehnte vor dem civil war. Frauen durften hier ab 1834 studieren – es gibt nicht wenige Colleges in den USA, die erst in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Frauen aufgenommen haben. Oberlin ist aber auch für seine – manchmal schrille – Gegenwart bekannt: Hier werden LGBT-Rechte großgeschrieben, Transen laufen mit der gleichen Selbstverständlichkeit und in großer Zahl über den Campus, mit der wenige Meilen entfernt die Trucks über die Maisfelder ruckeln. Hier wird das Publikum bei Theateraufführungen mit "Ladies and Gentleman and everybody in between" begrüßt, selbst die Kirchen sind mit Regenbogenflaggen behängt. 

In dem 8.000-Seelen-Städtchen gibt es vegane Läden, Boutiquen mit gebatikten Klamotten, Yogastudios, erstaunlich viele kleine Theater und andere Bühnen – als kleines Portland wurde Oberlin auch schon beschrieben. Folglich sieht man hier kein einziges Trump-Pence-Schild in den Vorgärten. "Es würde sicher über Nacht abgerissen werden", vermutet Avery, eine Germanistik-Studentin. Aber so viele Clinton-Kaine-Schilder, wie man vielleicht erwarten könnte, sieht man auch nicht. "Die Leute haben hier mehrheitlich Bernie Sanders gewollt", erfahre ich. Der eine ist narzisstisch gestört und gefährlich, die andere steht für big business und eine missglückte Außenpolitik unter Obama, so die vorherrschende Meinung. Nicht wenige tendieren daher zu den Sozialisten, Kommunisten oder den Grünen. Meine Studenten wiederholen schon beinahe mantrahaft: "Wir schämen uns so für Trump!"

Hautfarbe ist kein Thema

Kaum ist man außerhalb von Oberlin, der PC-Insel mitten im Corn Belt, tauchen neben all den Maisfeldern die ersten lawn signs mit rotem Rand auf, gern auch noch eine Nummer größer als die eher zurückhaltenden Clinton-Schilder. Freunde, ein Komponist und eine Malerin, sagen uns, hier, außerhalb von Oberlin, "trauen wir uns als mixed couple – weiße Frau, schwarzer Mann – eigentlich gar nicht mehr richtig aus dem Auto. Wir überlegen uns, wo wir hinfahren, wo wir aussteigen." In der Oberliner Grundschule hingegen, die unser Sohn besucht, ist ungefähr die Hälfte der Kinder schwarz, die andere weiß – die Hautfarbe ist kein Thema. Die Kinder benutzen die Kategorie "schwarz" oder "weiß" nicht einmal. Wenn sie übereinander erzählen, tauchen alle möglichen Adjektive auf, nur nicht die Hautfarbe. Die Klassenlehrerin ist polnischer Abstammung, wie so viele hier, der Spanischlehrer Asiate. Eine bulgarische Community gibt es auch, nicht zu vergessen die bolivianische. Das alles lässt Hoffnung aufkommen.

Dennoch: Ohio ist auch in den deutschen Medien als schwieriger Swing State beschrieben worden. Es gibt hier zwar nicht nur das etwas konfettihafte Oberlin, sondern auch noch das seit den Tagen von Roosevelts Sozialreformen (New Deal) altliberale Cleveland, die Landeshauptstadt Columbus und das sich dynamisch entwickelnde Cincinnati im Süden mit wichtigen Universitäten. Aber dann gibt es, kaum ist man raus aus Oberlin, Städte wie Elyria, die einfach nur trist und elend wirken. Dicke Menschen sitzen mitten am Tag, wohl arbeitslos, in zerlöcherten Jogginghosen auf Bänken herum, gucken grimmig – und wählen Trump. Und dann gibt es natürlich die große weite countryside. Ohio grenzt im Norden an die Großen Seen, an Kanada, im Süden an Kentucky – was für ein Kontrast.

Jenseits der liberalen Inseln

Ohio nimmt innerhalb der Swing States eine Sonderrolle ein: In allen Swing States hat Trump nach den drei TV-Debatten an Zustimmung verloren, nur nicht in Ohio. Gegen die ungleich kompetenter wirkende Hillary Clinton schnitt er schlecht ab, die Arena voller jubelnder Fans ist seine bevorzugte Bühne, nicht das vergleichsweise seriöse Gespräch mit renommierten Journalisten. Doch in Ohio gewann Trump dennoch jedes Mal nach den TV-Debatten an Zustimmung. Derzeit führt er mit vier Prozentpunkten.

Bislang ist es noch keinem republikanischen Kandidaten gelungen, Präsident zu werden, ohne Ohio für sich zu gewinnen. Der Bundesstaat galt lange Zeit als repräsentativ für die USA. Große Unternehmen testeten hier gern ihre neuen Produkte, weil die demografische Zusammensetzung als idealtypisch für die gesamten USA galt. Aber das war einmal. Ohio ist jenseits seiner liberalen Inseln, die nicht mehr auf die alten Industrien setzen und multikultureller geworden sind, auf dem Stand von vor 30 Jahren stehengeblieben. In Ohio haben sich die USA konserviert.