Fredric Jameson hat zu Recht vor der übereilten Einstufung der Trump-Bewegung als eines neuen Faschismus gewarnt: "Manche Leute sagen, dies sei ein neuer Faschismus, und meine Antwort ist – noch nicht!" (Im Übrigen wird der Begriff "Faschismus" heute oft nur als leere Worthülse gebraucht, wenn eine offensichtliche Gefahr auf der politischen Bühne auftaucht, die wir nicht wirklich verstehen – nein, die heutigen Populisten sind nicht einfach Faschisten!) Warum noch nicht?

Erstens ist die Befürchtung, Trumps Sieg werde die USA in einen faschistischen Staat verwandeln, lächerlich übertrieben. Die Vereinigten Staaten verfügen über ein so dichtes Netz an divergierenden zivilgesellschaftlichen und politischen Institutionen, dass ihre direkte Gleichschaltung ein Ding der Unmöglichkeit ist. Woher also stammt diese Furcht? Ihre Funktion besteht klarerweise darin, uns alle gegen Trump zu vereinen und so die wahren politischen Fronten zu vernebeln. Sie verlaufen zwischen einer von Bernie Sanders wiederbelebten Linken und Hillary Clinton, der Kandidatin des Establishments, die von einer breiten Regenbogenkoalition unter anderem aus alten kalten Kriegern der Regierung George W. Bush wie Paul Wolfowitz und einem Land wie Saudi-Arabien getragen wurde. Zweitens bleibt es eine Tatsache, dass sich Trumps Erfolg aus derselben Wut speist, aus der heraus auch Sanders seine Anhänger mobilisierte – der Mehrheit seiner Unterstützer galt Trump als Anti-Establishment-Kandidat, und man sollte nie vergessen, dass Volkszorn definitionsgemäß kein festes Ziel hat und umgelenkt werden kann.

Die Liberalen fürchten in ihrer Angst angesichts von Trumps Sieg nicht wirklich eine radikale Rechtswende. Wovor sie in Wirklichkeit Angst haben, ist einfach ein tatsächlicher radikaler sozialer Wandel. Um es mit Robespierre zu sagen, räumen sie die Ungerechtigkeiten unseres sozialen Lebens ein (und sind ernsthaft besorgt darüber), suchen aber das Heilmittel dagegen in einer "Revolution ohne Revolution" – in genauer Parallele zur heutigen Konsumkultur mit ihrem Angebot von Kaffee ohne Koffein, Schokolade ohne Zucker, Bier ohne Alkohol, Multikulturalismus ohne gewaltsame Zusammenstöße. Dies ist eine Vision des sozialen Wandels ohne eigentlichen Wandel, ein Wandel, der niemandem wirklich wehtut und bei dem sich die wohlmeinenden Liberalen weiterhin in ihren geschützten Enklaven einigeln dürfen.

Die Revolution als Abwehrzauber der Radikalen

Wir können uns die Seufzer der Erleichterung gut vorstellen, die wir im Falle eines Siegs von Hillary aus der liberalen Elite zu hören bekommen hätten: "Gott sei Dank, der Albtraum ist vorbei, wir sind knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt …" – aber eine solche Erleichterung wäre das Anzeichen einer echten Katastrophe gewesen, da es nichts anderes bedeutet hätte als: "Gott sei Dank, die kalte Kriegerin des politischen Establishments, die die Interessen der Großbanken vertritt, ist gewählt worden, die Gefahr ist ausgestanden!"

Im Jahr 1937 schrieb George Orwell: "Wir alle wettern gegen die Klassenunterschiede, aber nur sehr wenige Leute wollen sie im Ernst abschaffen. Hier stößt man auf die bedeutsame Tatsache, dass jede revolutionäre Ansicht einen Teil ihrer Kraft aus der insgeheimen Überzeugung gewinnt, dass nichts verändert werden kann."

Wie Orwell meint, beschwören Radikale die Notwendigkeit eines revolutionären Wandels als eine Art Abwehrzauber, der in Wirklichkeit das Gegenteil erreichen und den einzigen Wandel, der wirklich zählt, verhindern soll: dass nämlich verändert werden soll, wer uns beherrscht. Und wer herrscht wirklich in den Vereinigten Staaten? Haben wir das Murmeln in den Geheimtreffen, in denen die Angehörigen der Finanz- und sonstigen "Eliten" über die Aufteilung der Schlüsselressorts in einer Regierung Clinton aushandeln, denn nicht im Ohr?

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie solche Schattenverhandlungen ablaufen, genügt es, die E-Mails von Hillary Clintons Wahlkampfleiter John Podesta oder ihr selbst zu lesen. (Im Januar 2017 erscheint The Goldman Sachs Speeches bei OR Books in New York, mit einem Vorwort von Julian Assange.) Clintons Sieg wäre der Sieg eines Status quo gewesen, der von der Aussicht auf einen neuen Weltkrieg überschattet wird (und Hillary Clinton ist definitiv eine typische kalte Kriegerin der Demokraten), der Sieg eines Status quo, bei dem wir allmählich, aber unweigerlich auf ökologische, ökonomische, humanitäre und andere Katastrophen zusteuern. Ja, Trumps Sieg bringt eine große Gefahr mit sich, aber die Linke lässt sich nur durch eine solche drohende Katastrophe mobilisieren. Wenn wir uns weiterhin der Trägheit des gegenwärtigen Status quo ergeben, wird es keine linke Mobilisierung geben. Ich bin versucht, an dieser Stelle Hölderlin zu zitieren: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch."