Und was ist damit, dass Hillary Clinton die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten gewesen wäre? In seinem neuen Buch Versuch, die Jugend zu verderben warnt Alain Badiou vor den Gefahren der sich derzeit ausbreitenden postpatriarchalischen nihilistischen Ordnung, die sich als ein Reich neuer Freiheiten darstellt. Wir leben in einem außergewöhnlichen Zeitalter, in dem es keine Tradition gibt, auf die wir unsere Identität stützen können, keinen Rahmen eines sinnvollen Lebens, der es uns ermöglichen würde, ein Leben jenseits der hedonistischen Reproduktion zu führen. Diese neue Weltunordnung, diese sich allmählich herausschälende weltlose Zivilisation prägt exemplarisch die Jugend, die zerrissen ist zwischen der Intensität vollständiger Selbstverausgabung (durch sexuellen Genuss, Drogen, Alkohol bis hin zu Gewalt) und dem Streben nach Erfolg (Studium, Karriere, Geldverdienen – innerhalb der bestehenden kapitalistischen Ordnung). Ihre einzige Alternative besteht im gewaltsamen Rückzug in eine künstliche reanimierte Tradition.

Was Badiou hier unmissverständlich heraufziehen sieht, ist unsere reaktive, dekadente Version des von Marx angekündigten Absterbens des Staates: Der heutige Staat ist in wachsendem Maße ein administrativer Regulierer von Marktegoismen ohne symbolische Autorität, dem das abgeht, was Hegel als das Wesen des Staates ausmachte: die umfassende Gemeinschaft, für die wir uns zu opfern bereit sind. Diese Zersetzung der ethischen Substanz zeigt sich deutlich an der Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht in vielen Industrieländern: Die bloße Vorstellung, sein Leben für eine Armee der Staatsbürger zu riskieren, die für eine gemeinsame Sache ficht, erscheint zunehmend sinnlos, wenn nicht gar lächerlich. Heute verwandeln sich Armeen als Institutionen einer gleichen Beteiligung aller Bürger vielmehr zunehmend in Söldnertruppen.

Diese Auflösung einer geteilten ethischen Substanz wirkt sich auf beide Geschlechter unterschiedlich aus: Männer mutieren sukzessive zu ewigen Adoleszenten ohne klaren Initiationsritus, der ihren Eintritt ins Erwachsenendasein verkörpern würde, wie etwa der Wehrdienst oder das Erlernen eines Berufs – nicht einmal die Schule spielt noch diese Rolle. Es überrascht also nicht, wenn dieser Mangel durch die rasante Ausbreitung von postpaternalistischen Jugendgangs ausgeglichen wird, die eine Ersatzinitiation und soziale Identität anbieten.

Die Frauen hingegen sind im Unterschied zu den Männern heute frühreifer. Man behandelt sie wie kleine Erwachsene, die ihr Leben im Griff haben und ihre Karriere planen sollen. In dieser neuen Version des Geschlechterunterschieds sind die Männer die verspielten Halbwüchsigen und Gauner, während die Frauen hart, reif, ernsthaft, rechtskonform und bestrafend erscheinen. Die herrschende Ideologie fordert heute nicht mehr ihre Unterordnung, sie ruft sie dazu auf – wirbt darum, erwartet –, dass sie Richterinnen werden, Verwaltungsleiterinnen, Ministerinnen, Vorstandsvorsitzende, Lehrerinnen, sogar Polizistinnen und Soldatinnen.

Trump, der ewig Halbwüchsige

Eine paradigmatische Szene, die sich in unseren Sicherheitsapparaten täglich zuträgt, ist die einer Lehrerin/Richterin/Psychologin, die sich eines unreifen asozialen jungen männlichen Delinquenten annimmt. Hier kristallisiert sich eine neue Gestalt des Einen heraus: eine kalte, konkurrenzbetonte Agentin der Macht, verführerisch und attraktiv, der lebende Beweis für das Paradox, dass "Frauen nicht nur alles können, was Männer können, sondern dass sie unter kapitalistischen Bedingungen all dies noch viel besser können" (Badiou). Das macht Frauen natürlich keinesfalls als Büttel des Kapitals verdächtig; es zeigt lediglich, dass der zeitgenössische Kapitalismus sein eigenes Idealbild der Frau erschaffen hat.

Es gibt eine politische Trias, die die von Badiou beschriebene Misere perfekt widerspiegelt: Clinton – Duterte – Trump. Hillary Clinton und Donald Trump sind das ultimative politische Paar der Gegenwart: Trump ist der ewige Halbwüchsige, ein unverantwortlicher Hedonist, der zu irrationalen brutalen Ausbrüchen neigt, mit denen er seine Chancen schmälert, während Hillary das neue feminine Eine verkörpert, eine skrupellose Drahtzieherin, die ihre Weiblichkeit rücksichtslos ausbeutet und sich voller Anteilnahme für die Außenseiter und Opfer zeigt – ihre Femininität macht sie als Drahtzieherin nur noch effizienter.

Und was ist mit Rodrigo Duterte, dem philippinischen Präsidenten, der offen zur außergerichtlichen Ermordung von Drogenabhängigen und -dealern anstiftet und dabei auch nicht davor zurückschreckt, sich mit Hitler zu vergleichen? Er steht für den Niedergang der Rechtsstaatlichkeit, für die Verwandlung von Staatsmacht in die gesetzlose Herrschaft eines Mobs, der seine wilde Selbstjustiz verübt und damit das tut, was in unseren "zivilisierten" westlichen Ländern noch nicht offen erlaubt ist. Wenn wir diese drei Figuren zu einer verschmelzen, bekommen wir ein Idealbild der heutigen politischen Führungsgestalt: Hillary Duterte Trump – "Hillary Trump", der Hauptgegensatz, plus "Duterte", der peinliche Eindringling, der jene Gewalt erkennen lässt, die beide trägt.

Wir sollten uns also von falscher Panik befreien und Trumps Wahlsieg nicht als den ultimativen Horror fürchten, der uns dazu veranlasst, ungeachtet all ihrer offensichtlichen Schwachpunkte Hillary zu befürworten. Die Entscheidung für Trump hat eine völlig neue politische Situation geschaffen, in der sich einer radikaleren Linken Chancen eröffnen. Wenn man Amerika liebt (wie ich es tue), dann ist es jetzt Zeit für die harte Arbeit der Liebe, Zeit dafür, sich an dem langen Prozess der Bildung einer radikalen politischen Linken in den USA zu beteiligen – oder, um mit Maos Version der Hölderlin-Zeile zu schließen: "Es herrscht große Unordnung unter dem Himmel, die Lage ist ausgezeichnet."

Aus dem Englischen von Michael Adrian