José Saramagos Roman Die Stadt der Sehenden erzählt die Geschichte der merkwürdigen Ereignisse in der namenlosen Hauptstadt einer nicht näher bestimmten Demokratie. Am Morgen ist der Wahltag noch durch sintflutartige Regenfälle getrübt und die Wahlbeteiligung niedrig, am Nachmittag aber klart es auf und die Menschen strömen in Massen an die Wahlurnen. Die Erleichterung der Regierung währt allerdings nicht lange, stellt sich doch bei der Auszählung heraus, dass mehr als 70 Prozent der in der Kapitale abgegebenen Stimmzettel nicht ausgefüllt sind. In ihrer Verblüffung über dieses klare staatsbürgerliche Versäumnis räumt die Regierung den Bürgern die Gelegenheit ein, ihre Scharte nur eine Woche später an einem zusätzlichen Wahltag auszuwetzen. Die Ergebnisse fallen noch schlechter aus: Diesmal wurden 83 Prozent der Stimmzettel leer gelassen. Ist dies eine organisierte Verschwörung zum Umsturz nicht nur der bestehenden Regierung, sondern des gesamten demokratischen Systems? Wenn ja, wer steckt dahinter und wie konnten die Verschwörer Hunderttausende von Menschen zu einer solchen Subversion veranlassen, ohne aufzufallen?

Slavoj Žižek, geboren 1949, stammt aus Slowenien und schreibt als Philosoph und Kulturkritiker. © Ulf Andersen/​Getty Images

In der Stadt läuft die ganze Zeit über praktisch alles normal, nur parieren die Menschen jeden Vorstoß der Regierung in unerklärlichem Einklang und mit einem wahrhaft Gandhi'schen Maß an gewaltlosem Widerstand. Die Lehre aus diesem Gedankenexperiment ist klar: Gefährlich ist heute nicht mehr Passivität, sondern Pseudoaktivität, der Drang, "aktiv zu werden", zu "partizipieren", um die Leere des alltäglichen Betriebs zu verdecken. Die Leute schalten sich unentwegt ein, "tun etwas", Akademiker beteiligen sich an bedeutungslosen Diskussionen und so weiter.

Die echte Herausforderung besteht darin, einen Schritt zurückzutreten, sich herauszunehmen. Den Machthabern ist oft sogar eine "kritische" Beteiligung, ein Dialog lieber als Funkstille – nur um uns in ein "Gespräch" zu verwickeln und sicherzustellen, dass unsere unheimliche Passivität durchbrochen wird. Die Stimmenthaltung der Wähler ist somit ein wahrhaft politischer Akt: Sie konfrontiert uns eindringlich mit der Leere der heutigen Demokratien.

Genau so hätten sich die Bürgerinnen und Bürger angesichts der Alternative Clinton versus Trump verhalten sollen. Als Stalin in den späten 1920er Jahren gefragt wurde, welche Abweichler schlimmer seien, die rechten oder die linken, blaffte er zurück: "Beide sind schlimmer!" Verhält es sich mit der Entscheidung, vor der die amerikanische Wählerschaft bei der Präsidentenwahl stand, nicht genauso? Donald Trump ist offensichtlich "schlimmer", da er einen Rechtsruck verspricht und einen Verfall der öffentlichen Moral verkörpert, aber wenigstens stellt er einen Wandel in Aussicht, während Hillary Clinton "schlimmer" ist, da sie es als wünschenswert erscheinen lässt, alles so zu lassen, wie es ist. Angesichts einer solchen Wahl sollte man die Nerven behalten und sich für das "Schlimmere" entscheiden, das für einen Wandel steht – selbst wenn es ein gefährlicher Wandel ist, eröffnet er den Raum für ein anderes, authentischeres Regime.

Finstere Kreise weißer Suprematisten

Es geht mithin nicht darum, Trump zu wählen – nicht nur sollte man einen solchen Halunken nicht wählen, man sollte an solchen Wahlen gar nicht erst teilnehmen. Es geht vielmehr darum, kühlen Sinnes zu erwägen, wessen Sieg besser für das Geschick des radikalen emanzipatorischen Projekts ist, der von Clinton oder der von Trump?

Trump möchte Amerika wieder groß machen, worauf Obama entgegnete, Amerika sei bereits groß. Aber ist es das? Kann man ein Land, in dem jemand wie Trump Präsident werden kann, wirklich für groß halten? Die Gefahren von Trumps Präsidentschaft sind offensichtlich: Nicht nur verspricht er, konservative Richter für den Obersten Gerichtshof zu nominieren, nicht nur mobilisiert er die finstersten Kreise weißer Suprematisten und flirtet offen mit dem Rassismus der Einwanderungsfeinde; nicht nur verhöhnt er grundlegende Anstandsregeln und verkörpert die Auflösung sämtlicher ethischen Standards; sondern er betreibt in Wirklichkeit, trotz all seiner vorgeschützten Anteilnahme an den Nöten der einfachen Leute, ein brutales neoliberales Programm inklusive Steuervergünstigungen für die Reichen, weiterer Deregulierung und so weiter, und so weiter.

Trump ist ein vulgärer Opportunist, aber er ist immer noch ein vulgärer Vertreter der menschlichen Spezies (im Unterschied zu Erscheinungen wie Ted Cruz oder Rick Santorum, die ich unter Alien-Verdacht habe). Trump ist allerdings definitiv kein erfolgreicher produktiver und innovativer Kapitalist – er brilliert lediglich darin, Bankrott zu machen und es dann hinzubekommen, dass die Steuerzahler seine Schulden decken.

Die von Trump in Panik versetzten Liberalen weisen den Gedanken weit von sich, Trumps Wahlsieg könnte einen Prozess einleiten, aus dem eine authentische Linke hervorgeht. Als Gegenargument verweisen sie auf Hitler. Viele deutsche Kommunisten begrüßten die Machtübernahme der Nazis als neue Chance für die radikale Linke – der einzigen Macht, die sie hätte besiegen können. Wir wissen heute, wie katastrophal diese Fehleinschätzung war. Ist der Fall Trump damit aber wirklich vergleichbar? Stellt Trump eine Gefahr dar, gegen die sich eine breite Front schmieden müsste wie gegen Hitler, eine Front, in der "anständige" konservative und Libertäre Seite an Seite mit liberalen fortschrittlichen Kräften der Mitte und (den Überresten der) radikalen Linken kämpfen?