ZEIT ONLINE: Jahr 2016, danke, dass Sie sich in Ihren letzten Amtstagen Zeit nehmen für dieses Gespräch.

2016: Für ZEIT ONLINE immer.

ZEIT ONLINE: Als vor wenigen Tagen George Michael starb, twitterte Madonna "kann sich 2016 jetzt verpissen?". Wie sehr hat Sie das geschmerzt?

2016: Das hat wehgetan, klar. Aber überrascht hat es mich nicht.

ZEIT ONLINE: Weshalb?

2016: Nun ja, die Beleidigungen gegen meine Person sind ja nichts Neues, das geht ja schon seit einigen Monaten so. Das reicht von Menschen, die auf Twitter schreiben "Fick dich 2016, du bist der Hitler unter den Jahren" bis zu John Oliver, den ich ansonsten sehr schätze.

ZEIT ONLINE: Der amerikanische Late-Night-Talker sprengte im November eine Statue von Ihnen in die Luft.

2016: Ich schätze gut gemachte Satire. Aber das ging unter die Gürtellinie. Das war ein offener Aufruf zur Gewalt. Hinzu kommt: Es war Mitte November. Da hatte ich noch sechs Wochen vor mir.

ZEIT ONLINE: Mit Verlaub, es wurde nicht gerade besser.

2016: Und das wollen Sie mir anlasten?

ZEIT ONLINE: Nein. Wir stellen nur Fragen.

2016: Neulich habe ich bei einem Ehemaligen-Kongress das Jahr 746 getroffen. Inzwischen sehr alt – aber ein ausgesprochen kluges, ein höfliches Jahr. Nun frage ich Sie: Würden Sie jemals auf den Gedanken kommen, das Jahr 746 zu beleidigen?

ZEIT ONLINE: Würde es denn einen Grund geben?

2016: Ausbruch der Beulenpest in Konstantinopel! Zehntausende Tote! Wenn man so will: ein furchtbares, ein grausames Jahr. Kein Mensch kam auf den Gedanken, das Jahr zu beleidigen. Wissen Sie, was die Menschen damals gemacht haben? Sie gingen auf die Knie und beteten zu Gott.

ZEIT ONLINE: Vom Jahr 1968 stammt der Ausspruch "Wenn ihr schon übersehen wollt, wie ich wirklich bin, dann tut mir wenigstens einen letzten Gefallen: vergesst mich!" Erkennen Sie sich, nach zwölf Monaten Amtszeit, in diesen Worten wieder?

2016: Absolut. Ich will und wollte niemals in die Geschichte eingehen. Das Jahr 1968 ist ein gutes Beispiel: ein korrekter, fast schüchterner Kollege. Hat den Jahreslehrgang damals mit einer glatten Eins abgeschlossen. Trotzdem denken neun von zehn Menschen an mangelnde Körperpflege und Marihuana, wenn sie 1968 hören.

ZEIT ONLINE: Nun wissen wohl die wenigsten Menschen, was so ein Jahr überhaupt macht. Schildern Sie doch mal, wie die Amtszeit eines Jahres im Normalfall abläuft.

2016: Das ist nicht weiter spektakulär. Man kann sich das erst mal vorstellen wie den Wartesaal auf einem beliebigen Amt. Man sitzt da, bis man aufgerufen wird. Schläft ein bisschen, blättert in Zeitschriften. Wenn das Vorjahr auf dem Display steht, macht man sich langsam fertig. Und dann: Ab!

ZEIT ONLINE: Und dann müssen Sie 365 Tage lang arbeiten, ohne Auszeit.

2016: In meinem Fall sogar 366 Tage! Ich bin ein Schaltjahr. Da muss man höllisch aufpassen, sonst gibt es ein Riesenchaos. Hat sich dafür jemand bedankt? Natürlich nicht.

ZEIT ONLINE: Ihr Ruhestand wird Ihnen mit einem stattlichen Ehrensold versüßt. Sie haben kostenlosen Zugang zum "Golfclub vergangener Jahre". Klingt nach einer angemessenen Entschädigung. Haben Sie schon Pläne für das nächste Jahr?

2016: In erster Linie stehe ich meinem Nachfolger beratend zur Seite. 2017 hat es nicht leicht. Die Erwartungen an das neue Jahr sind immens, die Stimmung ist schwierig.

ZEIT ONLINE: Machen Sie gar keinen Urlaub?

2016: Vielleicht ein paar Tage Langlauf im Engadin. An Pfingsten fahre ich mit 1945 und 2001 in eine Bio-Wellness-Herberge nach Scharbeutz. Ansonsten, das verstehen Sie vielleicht, gehe ich im Moment ungern unter Menschen.

ZEIT ONLINE: Weshalb denn?

2016: Wollen Sie, überall wo Sie auftauchen, bespuckt und beschimpft werden? Die Beleidigungen gegen meine Person haben eine neue Qualität erreicht. Das ist blanker Hass.

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Vermutung, woher dieser Hass kommt?

2016: Die Menschen brauchen einen Sündenbock. Sie spüren, um mit Heidegger zu sprechen, die "Hineingehaltenheit ins Nichts": Es geht vor und zurück, nach rechts, nach links. Um mit diesem Chaos fertig zu werden, unterstellen sie dem Jahr einen bösartigen Willen. Das ist Aberglaube. Wie in der Steinzeit.

ZEIT ONLINE: Da gab es noch keine Zeitrechnung.

2016: Richtig. Da haben die Menschen, wenn es mal schlecht lief, die Blitze und die Regenwolken verflucht. Später verbreitete sich das Christentum, monotheistischer Glauben. Der wiederum wurde von der Aufklärung zurückgedrängt. Aber ganz ohne Glauben können die Menschen nicht. Sie glauben immer. Im Moment glauben sie offenbar daran, dass ich an allem Schuld bin.

ZEIT ONLINE: Sie klingen bitter.

2016: Kein Mensch weiß, wie ich geweint habe, als David Bowie starb. Jetzt wissen Sie es: Ich habe geweint wie ein Kind.