Die Hiobsbotschaften des Jahres 2016 kommen wie die Ankündigung, dass dieser ganze Laden in Kürze schließen wird, so wie einst bei den Etruskern, Griechen, Römern, und dann auch unsere Kultur zusammenschnurrt auf eine Fußnote der Geschichte. Schon erscheinen uns all die soliden Bauwerke, die Reihenhäuser, die Kreissparkassen, die Schulzentren, nur noch wie Ausgrabungen, über die sich die Archäologen kommender Zivilisationen beugen werden. Und wir schäumen nun äußerst nachdenklich unsere Milch für den Chai Latte auf: Hat sich die Anschaffung der neuen Bulthaup-Küche überhaupt noch gelohnt?

Der Schatten einer seltsamen Verzagtheit legt sich über die Sattheit unserer Gesellschaft. Eine neue Moralität ist entstanden, die um sich selbst kreist: Darf es uns überhaupt so gut gehen, wie es uns geht? Müssten wir das Schnitzel nicht teilen? Und wenn ja, mit wem, bevor es kalt wird?

Es ist verständlich, dass wir irgendwem die Schuld geben möchten für all das, was 2016 geschah, und da die Schuldigen unsichtbar sind oder sich dem Zugriff auf andere Weise entziehen, muss dieses 2016 eben für sich selbst büßen und sich auf eilig einberufenen Tribunalen zum baldigen Silvester verurteilen lassen. Und doch bleibt es natürlich albern, Jahre bestrafen zu wollen, die irgendwo anfangen und irgendwo aufhören, weil es sich ein Papst Ende des 16. Jahrhunderts so ausgedacht hat. In der Spanne zwischen dem 1. Januar und heute ist eine globale Dynamik eskaliert, die schon vor langer Zeit in Gang gesetzt worden ist. Aber nehmen wir das nun kommende 2017 trotzdem einmal als einen gerade noch zu fassenden Zeitraum, als 365 Tage, die vor uns liegen, als Ansammlung von lauter Morgen und Übermorgen. Wie soll man dem jetzt entgegenblicken? Der sogenannten Zukunft? Ist Zuversicht noch angebracht oder schon ein Symptom mangelhafter Kenntnis?

Der adipöse Reiter auf dem Kitschpferd

Der Glaube, es gehe schon wieder bergauf, schlimmer könne es ja kaum kommen, gehört mehr denn je den Naiven, die auch meinen, man solle Donald Trump, den künftigen US-Präsidenten, doch einfach mal machen lassen, der werde sich schon wieder einkriegen: Gib dem Bösen eine Chance, sagen sie, sich als das missverstandene Gute zu entpuppen. Wie groß das Ausmaß dieser Fehleinschätzung ist, steht noch dahin. Das Tröstliche liegt derweil, weil es noch einigermaßen komisch ist, allein in der Vorstellung, dass dieser Trump auch nur eine Witzfigur seiner Zeit ist, ein adipöser apokalyptischer Reiter auf einem goldlackierten Kitschpferd, die Plastiksense schwingend, wie auf einem schlecht gefälschten Gemälde von Pieter Brueghel dem Älteren, das in der Lobby des Trump Towers hängt.

Die Vorzeichen sind durchaus schlecht. Hinzu kommt jedoch, dass wir es, weich wie wir sind, nicht gewohnt sind, im Antlitz der Zukunft etwas Feindseliges zu erblicken. Sie war doch immer so freundlich zu uns, wir waren die Kinder, die es besser haben sollten als unsere Eltern und es auch tatsächlich hatten. Was ist denn jetzt mit unseren eigenen Kindern? Warum hat uns niemand davor gewarnt, dass das Schicksal seine Geschäftsbedingungen ändern würde? Hat es uns etwa nicht mehr lieb?

Es muss ja irgendwie weitergehen. Die Kinder müssen zum Schwimmunterricht gebracht werden, ohne dass man ihnen die ganze Zeit predigt, dass es nicht selbstverständlich sei, dass es Hallenbäder gebe in unserem Land, woanders hätten die Leute nicht mal fließendes Wasser. Noch ist nichts zerbrochen, aber es ist zerbrechlich geworden, das Sicherheitsgefühl, die Selbstgewissheit, das private, kleine Glück. Die Schlagerstars hatten die ganze Zeit über Recht, wenn sie genau davon sangen, wir haben ihnen nur nicht richtig zugehört. Das darf doch alles nicht wahr sein.

"Wir sind im Krieg", stand im 23. März, am Tag nach den Attentaten in Brüssel, in der Bild-Zeitung. Als ich diese Schlagzeile las, war ich noch geneigt, sie für eine heillose Übertreibung zu halten, schließlich fallen hier bei "uns" keine Fassbomben, es herrscht keine umfassende Not, sondern das, was immer herrscht: der hektische Frieden. Pakete werden geliefert, Steuerbescheide erteilt, Termine vergeben, der Verkehrsminister weiht einen Krötentunnel ein, Menschen fahren von A nach B, sie sind am Anfang des Staus, sie sind am Ende, sie tanken, essen welke Baguettes in den Snackshops und einmal Pinkeln kostet 70 Cent, so schlimm kann es also gar nicht sein.