Bienvenue, Charlie!

Angela Merkel auf dem Klo. Wie witzig ist das denn? Nun, Werbung soll ja potenzielle Kunden zunächst bei deren Erwartungen abholen. Und aus ihrer unglücklichen Position heraus vermittelt die Kanzlerin eine klare Botschaft: "Charlie Hebdo erscheint jetzt auch auf Deutsch. Das wirkt befreiend." Das französische Satiremagazin ist mit seinem Werbeplakat für die erste deutsche Ausgabe seinem Stil treu geblieben: derb, respektlos, ein bisschen pennälerhaft und gerne fäkal. Doch kann das Produkt auch positiv überraschen? Denn sonst, das besagen die gleichen Marktgesetze, kauft es bald kein Mensch mehr.

Die Macher in Paris denken offensichtlich sehr positiv: 200.000 Stück haben sie für die erste Auflage im deutschsprachigen Raum drucken lassen. Vom französischen Original wurden bisher 1.000 Exemplare pro Woche verkauft. Eine optimistische Sicht also. Großkotzig könnte man auch sagen. Wobei schon wieder dieses Staunen mitschwingt über so viel Maßlosigkeit. Und Bewunderung.

Charlie Hebdo war in Frankreich lange eine mediale Nischeninstitution mit 10.000 Abonnenten, bis am 7. Januar 2015 zwei Islamisten in die Pariser Verlagsräume eindrangen und acht Redaktionsmitglieder und vier weitere Menschen erschossen. Frankreich war erschüttert. Eine riesige Solidaritätswelle breitete sich aus, in den Medien, in den sozialen Netzwerken, und brachte wenige Tage später anderthalb Millionen Menschen in Paris zu einem Trauer- und Solidaritätszug zusammen. #JeSuisCharlie waren auch viele Menschen im Ausland.

"Die Deutschen sollten das echte 'Charlie' bekommen"

Vor allem in Deutschland. "Dort war die Anteilnahme am größten", sagt die Sprecherin von Charlie Hebdo, die ihren Namen nicht genannt wissen möchte. Von der ersten Ausgabe nach dem Anschlag, der "Ausgabe der Überlebenden", wurden in Deutschland 70.000 Stück verkauft – so viele wie in keinem anderen Land außerhalb Frankreichs.

In der kleinen französischen Redaktion, die inzwischen in neuen Räumen an einem streng geheimen Ort arbeitet, reifte der Plan zur Expansion. Er sollte weit darüber hinausführen, als ein paar Texte für die Website zu übersetzen, wie das bereits bei der englischen Ausgabe geschieht. "Die Deutschen sollen das echte Charlie bekommen", sagt die Sprecherin. 

Ein Hamburger Straßenverkäufer und Gesine Schwan

Der Chefzeichner und Herausgeber Laurent Sourisseau, bekannt als Riss, begab sich auf eine ausgiebige Reportagereise ins Nachbarland. Sie führte ihn an so unterschiedliche Orte wie den Hamburger Hafen, die Berliner Gedächtniskirche, einen Ökobauernhof bei Dresden. Gemein ist diesen Plätzen lediglich, dass sie als typisch deutsch angesehen werden können – in Frankreich, aber auch bei uns.  

"Wer hat den Kaugummi in die Tonne für Papier geworfen?" Szene aus der "grünen Stadt", die ein Interview mit dem liberal-konservativen Bürgermeister von Växjö begleitet. © Charly Hebdo / Repro ZEIT ONLINE

Riss und seine Kollegin Angélique Kourounis führten zahllose Gespräche mit Menschen, die hier leben: mit einem Reeder und einem Straßenverkäufer in Hamburg, mit einem schwulen Gelegenheitsjobber aus Berlin, einem Ökobauern und seinem Team, einem jüdischen Erzieher, einem Biolehrer, mit Gesine Schwan. Was die französischen Journalisten gesehen und gehört haben, ist auf vier Seiten in der Mitte der deutschen Ausgabe, nun, tatsächlich zu bewundern. Unter dem Titel Rabenmutti und Vaterstaat: Wer lebt glücklich in Deutschland? breiten sie ein deutsches Panorama aus, das ihnen im besten Wortsinne und auch ganz übertragen feinstrichig und detailreich gelungen ist.

Die 20 Protagonisten, die zu Wort kommen, sprechen ausführlich über ihr Leben in Deutschland, ihre Wünsche und Ängste, Flüchtlinge und Integration, Gewalt, den Umgang mit Homosexualität und die Gründe für den erstarkenden Populismus. Und während in den groben Karikaturen zur vierten Kanzlerkandidatur Merkels seltsam ältlich wirkende Deutschland-Klischees und -Bilder bemüht werden wie unrasierte Achseln, der Trabbi und die Merkel-Anrede "Mutti", liest man diese zentrale Reportage auch als Deutscher mit Gewinn.

Deutschland: der ewig zweifelnde Musterschüler Europas

Das denkt Udo, 58, über Deutschland. Abbildung der großen Deutschland-Reportage in "Charlie Hebdo" © Riss / Repro ZEIT ONLINE

Er wünsche sich einen sozialeren Staat, dass die Armen nicht immer ärmer werden, sagt der Tankwagenfahrer Udo. "Wir alle brauchen Einwanderung, überall in Europa", der Reeder. Dazwischen gibt es kleine Textblöcke wie diese: "In einem Museum in Dresden erklärt eine Mutter ihrem Sohn, wie ein Hubkolbenmotor funktioniert" oder: "Im Mai 1945 gab es 40 Millionen Vertriebene. 13 Millionen Deutsche flüchteten vor der Roten Armee. Zwei Jahre später wurde die Internationale Flüchtlingsorganisation gegründet, Vorgängerin des UNHCR, um den Vertriebenen zu helfen."

Es entfaltet sich ein Bild von Deutschland, über das Charlie Hebdo sagt, es gelte in Europa als Musterschüler; doch mehr als anderswo auf dem Kontinent gebe es unter Deutschen Zweifel an der eigenen Identität. Grob und respektlos klingt definitiv anders. Und sieht ganz anders aus.

Gruppenrammelnde Bremer Stadtmusikanten

Wobei in dem Heft auch jene derben Karikaturen vorkommen, für die das Blatt bekannt ist und in regelmäßigen Abständen verunglimpft, beklagt, gehasst wird. Wir sehen die gruppenrammelnden Bremer Stadtmusikanten (sie kündigen eine Rubrik über Tierschutz an), den verstorbenen David Hamilton als Leiche mit Plastiksack über dem Kopf (womit er als Fotograf für eine Anti-Aids-Kampagne nicht mehr infrage kommt), eine nackte Merkel mit schwarz-rot-goldenen Nippelquasten als "letzte Bastion der freien Welt". Und es gibt Witze wie diesen: "Durch die Flüchtlinge sind die Mitgliederzahlen in deutschen Fußballvereinen angestiegen. Zahlreiche Bälle sollen sich bereits über Grabscher beklagt haben."

Nach dem Attentat hatte die aus dem Libanon stammende Zeichnerin Zeina Abirached über Charlie Hebdo gesagt: "Man muss mit den Karikaturen von Charlie Hebdo nicht einverstanden sein. Aber dass eine solche Redaktion in einer Gesellschaft existiert, damit müsste jeder einverstanden sein."

Die erste deutsche Ausgabe macht es indes leicht, sie gerne zu lesen. Denn neben der großen Deutschland-Reportage lohnen etliche weitere Texte, die aus dem französischen Original übernommen wurden. Nur rund ein Viertel der Inhalte soll künftig exklusiv deutsch sein und hin und wieder das Titelblatt. Noch ist nicht abzusehen, ob die Redaktion irgendwann auch mit deutschen Karikaturisten und Satirikern zusammenarbeiten können wird. Das wird von der Auflage abhängen.

Lesenswert ist vor allem der Leitartikel von Riss, in dem er den konservativen französischen Präsidentschaftskandidaten François Fillon als rückwärtsgewandten Revolutionär Fidel Castro an die Seite stellt. Oder der Politikaufmacher von Guillaume Erner, der eine Analogie entdeckt zwischen Fillon und dem Hipster-Revival des Stan-Smith-Adidas-Sneakers. Oder ein Text zum Thema Sexismus und Gewalt gegen Frauen. All das ist klug, spöttisch, kein bisschen grob.

Und es gibt die Kolumne von Philippe Lançon. Der Journalist wurde bei dem Attentat 2015 lebensgefährlich verletzt und muss seitdem mit etlichen Implantaten leben. Wie er in einem sehr persönlichen Text seine Schmerzen, das Trauma und die aktuelle französische und US-amerikanische Politik miteinander verknüpft, geht einem als Leser unter die Haut.

Bitte mehr Provokation!

In der ersten deutschen Ausgabe findet sich nichts, was annähernd die Meinungen so spalten könnte, wie es Karikaturen von Charlie Hebdo immer wieder taten: Karikaturen von Mohammed. Oder jene Zeichnung nach der Fotografie eines ertrunkenen Flüchtlingskindes an der türkischen Küste, auf der man im Hintergrund ein großes McDonald-Zeichen sah und die Schrift "So knapp vor dem Ziel". Oder die Karikatur nach dem Erdbeben im italienischen Amatrice im August 2016, die ein Opfer als Lasagne präsentierte. Oder das Titelblatt nach den Anschlägen von Brüssel. Dann loderte der Redaktion #JeNeSuisPasCharlie entgegen. Und blanker Hass.

Doch Auseinandersetzung und, bitte ja, auch Provokation, ist wichtig und wünschenswert. Wir brauchen mehr Reibung, um unsere Vorstellungen von der Gesellschaft, in der wir leben wollen, zu polieren. Denn so schmerzhaft manches auch sein mag, Hinterfragen ist wichtig. Und – so geht ein Therapieprinzip von Satire – wenn es schmerzt, wurde ein wunder Punkt getroffen.

Die ewige Kanzlerin: Angela Merkel als weiblicher Fidel Castro © Foolz für Charly Hebdo / Repro ZEIT ONLINE

Wird das auch in Deutschland funktionieren? In Frankreich hat politische Satire mit Künstlern wie Honoré Daumier eine andere politische Tradition. Sie war immer auch ein Mittel, die scharfe Trennung von Staat und Kirche zu verteidigen. Mit Katholiken ist Charlie Hebdo weiß Gott nie zimperlich umgesprungen, und die katholische Kirche hat sich in zahlreichen Prozessen gegen das Magazin und dessen Antiklerikalismus zu wehren versucht.

In Deutschland, dem Land der großen Solidarität, haben sich hingegen sogar nach den Pariser Anschlägen noch viele Menschen gefragt, ob es in Ordnung sei, wenn man so sehr in Wunden bohrt, so verletzend ist? Ob wir so viel Provokation aushalten müssen?

Charlie Hebdo wird wohl auch in Deutschland nicht so leicht verdaulich bleiben wie in dieser ersten Ausgabe. Hoffentlich nicht. Denn Meinungsfreiheit bedeutet schließlich nicht, dass Inhalte verbreitet werden dürfen, die uns passen, sondern eben auch und vor allem, dass Meinungen verbreitet werden können, die uns gewaltig gegen den Strich gehen. Bienvenue, Charlie!