27. November: Peter Hintze

Es gibt nicht viele Politiker, die immer in der zweiten Reihe bleiben und dennoch viel bedeuten. Peter Hintze war so einer. Der frühere evangelische Pfarrer war unter Helmut Kohl CDU-Generalsekretär und erfand für ihn die "Rote-Socken"-Kampagne, mit der der Pfälzer 1994 die SPD besiegte. Nach der Wahlniederlage 1998 war Hintze einer der wenigen Kohl-Getreuen, der Einfluss behielt. Als Staatssekretär im Familienministerium weihte er Anfang der neunziger Jahre Angela Merkel in die Bonner Welt ein und brachte sie mit den "Jungen Wilden" aus der Unionsfraktion zusammen: Peter Altmeier, Norbert Röttgen, Roland Pofalla und Hermann Gröhe. Hintze wurde einer der engsten Berater der Kanzlerin, Merkel hätte ihn 2005 gern ins Kanzleramt geholt, doch Hintze wurde lieber Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und Koordinator für die Luft- und Raumfahrt.

Mit seinem hellen Intellekt und seiner rheinischen Fröhlichkeit war er über die Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg beliebt und anerkannt. In den letzten Jahren setzte sich der Theologe vor allem für biomedizinische und -ethische Fragen ein – gegen die Linie der eigenen Partei und der Kirchen. So focht er als Vater eines behinderten Sohnes erfolgreich für eine begrenzte Freigabe der Präimplantationsdiagnostik (PID). Und er kämpfte für eine liberale Linie bei der Sterbehilfe. Hintze starb mit 66 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Lesen Sie hier unseren Nachruf

Fidel Castro in Havanna im Jahr 2006 © Adalberto Roque/AFP/Getty Images

25. November: Fidel Castro

Seine Lebenleistungen? Die Vertreibung des Diktators Batista, eine große Landreform, garantierte Bildung und Gesundheitsversorgung für alle. Das klingt nach viel – auf die Dauer reichte es aber nicht, was der legendäre Fidel Castro seinem Volk zu bieten hatte. Kaum war Castro in Havanna an der Macht, begann er damit, eine stramme Parteidiktatur aufzubauen. Als selbsternannter Antiimperialist traf er mit seinem smarten Auftreten besonders im Westen den linken Zeitgeist der sechziger Jahre.

Weniger beliebt war er beim großen Nachbarn USA, was natürlich viel mit seiner Sowjet-Verbrüderung zu tun hatte. Als die UdSSR jedoch 1989 die Wirtschaftshilfen einstellte, ging es mit den Lebensumständen in Kuba endgültig bergab: während der von der Regierung euphemistisch "Sonderperiode" genannten Zeit in den Neunzigern litten viele Menschen unter der Nahrungsmittelknappheit. Aus gesundheitlichen Gründen übergab Castro ab 2006 die Regierungsgeschäfte sukzessive seinem jüngeren Bruder Raúl, der dann umsetzte, was Fidel nie wollte: ein wenig Markt und Kommerz sowie Kontakte zu den USA. Fidel Castro starb im Alter von – offiziell – 90 Jahren in Havanna. Lesen Sie hier unseren Nachruf

Sharon Jones 2014 auf dem Jazz Fest Vienna © Georg Hochmuth/DPA

18. November: Sharon Jones

Zu klein, zu dunkelhäutig, zu dick fürs Showgeschäft? Als Sharon Jones in den achtziger Jahren mit ihrer großartigen Soulstimme Geld verdienen wollte, lehnte man sie ab. Dass sie im Alter von 45 Jahren zum Publikumsliebling wurde, mit allem, was sie ausmacht, gibt Anlass zur Hoffnung, dass gute Musik immer Gehör finden wird und dass Rassismus und Sizeismus überwunden werden können.  

Jones' Erfolg ist eng verbunden mit der Gründung des Labels Daptone Records und dem Ruhm ihrer Backing Band, den fabelhaften Dap-Kings, die sich Amy Winehouse kurzerhand auslieh. Es war dieser raue Old-School-R'n'B, der Anfang der Nuller Jahre seinen zweiten Frühling erlebte. Sharon Jones brachte dem Showgeschäft eine bodenständige Ehrlichkeit zurück, die sich zwischen Kotelettkleidern und Lack-Catsuits längst verflüchtigt hatte. Sie starb im Alter von 60 Jahren an Krebs.



11. November: Ilse Aichinger

Ihr Lächeln rühre daher, hat Ilse Aichinger einmal gesagt, dass sie einen solchen Zorn auf die Welt habe. Es war Teil nicht nur ihres Lebens-, sondern auch ihres poetologischen Programms, diesem Zorn nicht mit großer Geste, sondern durch die Kunst der sukzessiven Verknappung, der Aussparung, eine Stimme zu verleihen. 

Die Schriftstellerin, die 1942 in Wien die Deportation von Angehörigen miterleben musste, erzählt in ihrem 1948 erschienenen Roman Die größere Hoffnung in verfremdeten, bis heute faszinierenden Bildern von der Bedrohung durch das NS-Regime und dem kindlichen Widerstand dagegen. Wenige Tage nach ihrem 95. Geburtstag ist Ilse Aichinger in ihrer Geburtsstadt Wien gestorben. Lesen Sie hier unseren Nachruf

7. November: Leonard Cohen

Die Familie, in die Leonard Cohen 1934 hineingeboren wurde, gehörte in der kanadischen Stadt Westmount einer Art jüdischem Adel an, sie stellte stadtbekannte Rabbis und Fabrikanten. Die Shoah spielte sich zwar auf der anderen Seite des Atlantiks ab, trotzdem traf sie den jungen Leonard tief. Die bange theologische Vorhaltung, dass der Gott der Juden so etwas zugelassen hatte, prägte sein Werk bis zum Schluss.   

Noch bevor er seine erste Songzeile schrieb, hatte es Leonard Cohen als Dichter und Romanautor schon zu einiger Bekanntheit gebracht. Zu Weltruhm gelangte er allerdings erst als Musiker. Er hat Hymnen wie So long, Marianne, Suzanne oder Hallelujah geschrieben, eine Hitmaschine war er aber nie. Cohen war ein stiller Künstler, seine Lieder erkundeten die Schnittmenge zwischen Intimität, Sprache und Klang, und sie begleiteten seine Fans auf der ganzen Welt behutsam auf ihren Expeditionen in das eigene Selbst. Lesen Sie hier unseren Nachruf von Fabian Wolff und eine Würdigung von Florian Werner

2. November: Oleg Popow

Er war einer der letzten großen Clowns. Mehr als 60 Jahre stand er in der Manege. Geboren wurde Oleg Konstantinowitsch Popow 1930 in einem Vorort von Moskau. Nach ersten Auftritten in der russischen Provinz kam er 1955 zum Moskauer Staatszirkus, dessen wichtigster Artist er wurde. Popow wurde auf der ganzen Welt gefeiert, 1969 wurde er mit dem Titel "Volkskünstler der Sowjetunion" geehrt.

Vielleicht war Popow gerade deshalb so ein begnadeter Clown, weil er die Härten des Lebens kannte. Er wuchs in Armut auf, sein Vater starb, als er sieben Jahre alt war. "Ich versuche, gut zu sein, aber man geht das ganze Leben über Dornen, bis man zur Blume kommt", sagte er 2013 dem ZEITmagazin. "Ich bin noch auf dem Weg. Erst wenn die Blumen auf meinem Grab liegen, bin ich angekommen."

Als seine erste Frau 1990 starb, musste Popow dennoch auftreten, "es war eine furchtbare Situation für mich". Mit seiner zweiten Frau Gabriele, einer Deutschen, lebte Popow im fränkischen Ort Egloffstein. Er reiste aber immer wieder zu Gastauftritten in seine russische Heimat. Während einer Tournee ist er dort, in der Stadt Rostow, gestorben. Er wurde 86 Jahre alt.