Die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten hat einer ganzen Reihe von Debatten, die bislang behaglich vor sich hin geköchelt sind, eine neue Endgültigkeit verliehen. Eine dieser Debatten kreist um den Narzissmus, oder genauer: um die Frage, ob es tatsächlich wahr ist, dass die sozialen Netzwerke massenhaft narzisstische Soziopathen nach oben spülen, die für ein wenig Aufmerksamkeit zu jeder Übertretung bereit sind. Bis vor Kurzem war diese Debatte vor allem in Fitness-Communitys zu Hause, jetzt wird sie auf Ministerebene geführt. 

Als eigenständige Diagnose existiert die "narzisstische Persönlichkeitsstörung" erst seit 1980 und die Symptome sind vielfältig: ein grandioses Gefühl der eigenen Bedeutung, der Glaube, nur von besonderen Menschen oder Institutionen verstanden zu werden, ein eklatanter Mangel an Empathie, ein Verlangen nach übermäßiger Bewunderung und einiges andere mehr. Und wahr ist auch: Wenn man in den sozialen Netzwerken einmal falsch abgebogen ist, kann man tatsächlich leicht den Eindruck bekommen, man sei von Narzissten geradezu umzingelt, was aber andererseits, und das ist eigentlich das Grunddilemma, auch einfach an den Belohnungssystemen dieser profitorientierten Netzwerke liegen kann.

Der Philosophieprofessor Byung-Chul Han zum Beispiel schreibt, dass heutzutage vor allem deshalb alle ins Rampenlicht drängen, weil die mediale Verwertungskette für Innerlichkeit und Einkehr keinerlei Verwendung hat. Der Neoliberalismus, so Han, züchte konformistische Zombies heran, deren narzisstisches Ich sich im Leerlauf befinde: "Angesichts der inneren Leere versucht man vergeblich sich zu produzieren, was natürlich nicht gelingt. Allein die Leere reproduziert sich."

Neue Technologien

Dass allerdings tatsächlich alle, die sich in den sozialen Netzwerken präsentieren, unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, ist nicht unbedingt wahrscheinlich. In einem viel beachteten Essay, der vor Kurzem auf medium.com erschienen ist, schreibt die Journalistin Rachel Syme: "Wenn ich an Selfies denke, denke ich an die Frauen, die ihnen vorangegangen sind. Ich denke an jene, die nie die Gelegenheit bekommen haben, eine Frontkamera auf sich zu richten, die nie in den Genuss der Technologien gekommen sind, die wir so schnell für selbstverständlich gehalten haben."

Syme denkt also zum Beispiel an Figuren wie Virginia Woolfs Großtante Julia Margaret Cameron, die im Jahre 1863 ihre erste Kamera von ihrer Tochter bekommen hat, damit sie sich im Alter nicht so langweilt, dann aber unverhofft anfing, wie besessen zu fotografieren. Wenig später ließ sie sich ihre eigene Bildentwicklungsmethode patentieren, stieg zu einer viel gebuchten Porträtistin des Londoner Bürgertums auf und fertigte nebenher ein paar Fotos von sich selbst an. Heute gelten diese Bilder als die ersten Selfies einer Frau.

Selfie als Emanzipation

In der Historiografie des amerikanischen Technofeminismus war Julia Margaret Cameron, bevor sie eine Kamera besaß, lediglich das hässliche Entlein der Familie, das stets verschämt versteckt wurde, während man ihre Schwestern überall herzeigte. Erst die Kamera hat aus ihr eine Frau gemacht, deren Abbild bis heute in den Museen hängt, während sich an die Männer, die sie damals von der Öffentlichkeit fernhalten wollten, niemand mehr erinnert. Die technologische Gegenwart hatte die moralische unversehens überholt.

In dieser Lesart ist die Veröffentlichung des eigenen Bildes nicht unbedingt Ausdruck einer narzisstischen Selbstüberhöhung, sondern das oftmals einzige Emanzipationsinstrument, das marginalisierten Gruppen zur Verfügung steht. Ohne die Frontkamera könnten viele ihr popkulturelles Grundrecht auf eine eigene Öffentlichkeit nicht ausüben. Und bis heute bringt diese Öffentlichkeit Frauen hervor, die es anhand ihrer Selfies in Galerien und Kunstmagazine schaffen, zu denen sie andernfalls keinen Zugang gehabt hätten.