Der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski bittet um politisches Asyl in Frankreich. Dies kündigte er in seinem ersten Interview nach seiner Flucht aus Russland an. "Uns wurde klargemacht, dass es zwei Möglichkeiten gibt, uns gewaltsam aus dem politischen Kontext Russlands zu liquidieren: Lagerhaft oder Exil", heißt es in einer auch auf Facebook verbreiteten Stellung Pawlenskis. Er werde aber "unter keinen Umständen mit der Unterwürfigkeit eines Schafes in ein vom Staat betriebenes Schlachthaus torkeln."

Vor einem Monat war Pawlenski zusammen mit seiner Partnerin und den beiden gemeinsamen Kindern zuerst in der Ukraine und weiter in die französische Hauptstadt geflohen. Anlass für die Flucht war eine  Anzeige gegen ihn und seine Freundin wegen "agressiver Handlungen sexuellen Charakters". Im Fall einer Verurteilung droht ihm gemäß Paragraf 132 des russischen Strafgesetzbuchs eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren.

Pawlenski zufolge wurden ihm und seiner Partnerin ihre offen gelebte Beziehung zum Verhängnis. "Im September vergangenen Jahres begann eine junge Frau, sich uns anzunähern", schildert er in einer Stellungnahme auf Facebook seinen Fall. "Sie ist Schauspielerin an einem Moskauer Oppositionstheater, weswegen wir auch keinen Verdacht schöpften." Die Frau, die sich inzwischen als Denunziantin erwiesen habe, habe Gemeinschaft, Unterstützung und Beziehungen gesucht, als Paar hätten sie ihr dann die Möglichkeit gegeben, sich ihnen zu nähern. "Eine fatale Entscheidung", schreibt Pawlenski, "unsere Lebensform wurde gegen uns gewendet – ein kluger Schachzug aus Sicht des Apparats".

Angesichts der drohenden Haft und dem Schicksal ihrer Töchter – "ein Treffen mit der Schule des Lebens in den Kinderheimen" – hätten er und seine Partnerin sich dazu entschlossen, das Land zu verlassen. "Ich gebe zu, dass dem Apparat dieser Zug gelungen ist. Die Zersetzungsmaßnahme wurde erfolgreich durchgeführt".

Der russischen Führung gilt Pawlenski seit mehreren Jahren als Ärgernis. Mit mehreren Kunstaktionen sorgte er für Aufsehen und für eine Reihe von Maßnahmen gegen ihn – Pawlenski schreibt von "Strafverfahren, Verhaftungsandrohungen und psychiatrische Untersuchungen", gefolgt von "schweren Gefängnis- und hohen Geldstrafen". Aus Protest gegen die mangelnde Meinungsfreiheit in seinem Land hatte er sich in einer Aktion die Lippen zugenäht und in einer anderen sich nackt auf den Roten Platz in Moskau gesetzt und dort seine Hoden festgenagelt.

Bei seiner jüngsten Aktion im November 2015 legte er Feuer am Hauptportal des Geheimdienstes FSB, der Nachfolgerorganisation des KGB. Pawlenski wird noch vor der brennenden Tür verhaftet und später zu einer Geldstrafe verurteilt. In einem Brief an die ZEIT spricht er danach von einem Erfolg, "von dem ich nicht zu träumen gewagt habe".