ZEIT ONLINE: Frau Pfanzelter, Sie sind Zeithistorikerin und erforschen, wie der Holocaust in den sozialen Medien diskutiert wird. Spielt der Holocaust-Gedenktag dort eine Rolle?

Pfanzelter: Ja, in den sozialen Medien sind die jeweiligen nationalen Gedenktage zur Befreiung von Auschwitz oder zum Kriegsende sehr stark spürbar. Es ist allerdings schon etwas absurd, wenn ich bei Facebook lese: "I like Gedenkstätte Auschwitz".

ZEIT ONLINE: Wird der Holocaust in den sozialen Medien anders erinnert als in der analogen Welt?

Pfanzelter: Hier wie dort geht es um die Angemessenheit des Erinnerns und der Darstellung, um den Tabubruch, die Provokation. Früher galt das Internet als unangemessener Erinnerungsort für den Holocaust. Aber sehen Sie sich beispielsweise die Bearbeitungsgeschichte des Holocaust-Artikels auf Wikipedia an: Er gehört zu den zehn meistbearbeiteten Artikeln in zwölf Sprachen, neben den Artikeln Israel und Adolf Hitler. Er wird bis zu dreimal täglich verändert. Das geht von kleinen sprachlichen Änderungen hin zu den Versuchen, den Artikel ganz zu löschen oder den Holocaust als "umstritten" zu erklären. Das ist dann nah an der Holocaust-Leugnung. Die Editoren leisten dort wirklich gute Arbeit, um angemessene Diskussionen zu unterstützen und unangemessene auch einmal zu stoppen. In manchen sozialen Medien gibt es diese Kontrollmechanismen gar nicht.

ZEIT ONLINE: Mischen sich auch öffentliche Institutionen in den Streit um die Deutungshoheit?

Pfanzelter: Museen und Gedenkstätten sind gute Vermittler von Geschichte und Erinnerung. Das Holocaust Memorial Museum in Washington und Yad Vashem in Jerusalem haben den Wert des Internets für die Holocaust-Erinnerungskultur zuerst erkannt. Mittlerweile gibt es mindestens drei inoffizielle Facebookseiten zum Berliner Holocaustmahnmal. Eine offizielle Seite fehlt bislang. So vergibt man die Möglichkeit, die Debatte selbst zu steuern und zu kontextualisieren: In den sozialen Medien erreichen Historiker viele Menschen, die sonst vielleicht nicht erreicht würden.