Die Vereinigten Staaten sind eine "elektronische Demokratie", in der ein Großrechner (Multivac) einen einzigen "repräsentativen" Durchschnittsbürger ermittelt, der den Präsidenten wählt. Die Presse analysiert die politische Situation mit Computern, teure Wahlkämpfe gehören der Vergangenheit an. So hat sich der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov 1955 in der Kurzgeschichte Franchise unsere Gegenwart vorgestellt, genauer gesagt, einen fiktiven Wahltag im Jahr 2008. Die zehnjährige Linda will darin von ihrem Großvater wissen: "Opa, hast du wirklich mal gewählt?" Der erzählt: "Manchmal dauerte es zwei Tage, bis man wusste, wer gewählt war, und die Leute waren ungeduldig. Also erfanden sie Maschinen, die die ersten Stimmen zählten und sie mit den Ergebnissen der früheren Wahlen verglichen. So konnten die Maschinen ausrechnen, wie die Wahl ausgehen und wer gewählt werden würde. (…) Die ersten Computer waren viel kleiner als Multivac. Aber die Maschinen wurden immer größer und perfekter und brauchten immer weniger Stimmen, um den Wahlausgang vorherzusagen. Zuletzt bauten sie dann Multivac, und dieser Maschine genügt schon ein einziger Wähler." Gefüttert mit Wählerdaten führt der Großrechner eine Simulation des Volkswillens durch.

Der Leser fragt sich bei diesen Zeilen, zu welchem Wahlergebnis der Computer wohl im US-Wahlkampf gekommen wäre: Hätte Multivac einen Clinton- oder Trump-Wähler als Durchschnittsbürger ermittelt? Hätte uns der Computer Trump erspart? Wäre ein solches computerisiertes Wahlverfahren am Ende sogar gerechter und geopolitisch klüger? Fakt ist: Trump ist mit einer völlig faktenfreien Kampagne zum Präsidenten gewählt worden. Beim Brexit-Votum setzten Wähler in Unkenntnis der Tatsachen ihr Kreuz für das Leave-Lager.

"Können wir eigentlich noch Demokratie?", fragte kürzlich der Programmdirektor des Weltwirtschaftsforums in Davos, Sebastian Buckup. Algorithmen bestimmen immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens – zum Beispiel, welche Nachrichten wir lesen. Doch bei Wahlen greift der Bürger weiter zum Wahlzettel – und das oft schockierend schlecht informiert. Wäre es da nicht besser, wenn Maschinen statt Menschen wählten? Wäre das Smartphone vielleicht der klügere Wähler? Das MIT Media Lab hat einen Algorithmus namens Electome entwickelt, der Millionen von Twitter-Konversationen analysiert, um daraus Präferenzen der Wähler abzuleiten. "Wenn solche Tools uns langsam besser verstehen als wir uns selbst", schreibt Buckup, "warum sie nicht gleich für uns abstimmen lassen? Oder besser noch, wir machen sie zu Kandidaten!"

Keine Vorurteile und keine Lobby

Die Watson 2016 Foundation wollte bereits im vergangenen US-Wahlkampf IBMs Superhirn Watson, bekannt geworden durch seinen Sieg bei der Quizshow Jeopardy!, als Präsidentschaftskandidaten nominieren. "Es ist unser Glaube", heißt es etwas pathetisch auf der Website, "dass Watsons einzigartige Fähigkeiten, Informationen zu verarbeiten sowie informierte und transparente Entscheidungen zu treffen, ihn zum idealen Kandidaten für den Job mit der Verantwortung eines Präsidenten machen." Roboter versprechen, effektiver, transparenter, unparteiisch und vor allem unbestechlich zu sein. Watson könnte sich mit der Arbeitswut eines Berserkers durch Regalmeter von Akten fressen und am Ende die kollektiv besten Entscheidungen für das politische System treffen. 

Einfach, weil maschinelles Lernen schneller funktioniert als die gemeinhin langsamen Lernprozesse in politischen Systemen und das KI-System nur nach Ansehung der Daten urteilt. Der Computer hat keine Launen oder Vorurteile und auch keine Lobby hinter sich, der er verpflichtet wäre. Er führt mechanisch das aus, wozu er programmiert wurde – berechenbar für alle Akteure. Blockaden im Parlament oder Gefangenendilemmata in internationalen Verhandlungen würden spieltheoretisch aufgelöst, der Großrechner könnte kraft ihm einprogrammierter Formeln das Pareto-Optimum des Gemeinwohls herausfinden.

Kurz erklärt - Was ist künstliche Intelligenz? Humanoide Roboter, eine Matrix, die Menschen als Energiespender benutzt – so stellen wir Menschen künstliche Intelligenz in Filmen dar. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? © Foto: Zeit Online

Wäre die Welt nicht besser, wenn alle Politiker so transparent wären? In einer Welt, in der Algorithmen Angestellten Arbeitsanweisungen erteilen, erscheint es zumindest nicht abwegig, wenn Roboter auch Gesetze formulierten – und regierten. Schon 1948 schrieb der französische Theologe Dominique Dubarle in einem Essay für die Zeitung Le Monde: "Wir können uns eine Zeit vorstellen, in der Governance-Maschinen – zum Besseren oder Schlechteren, wer weiß – die Unzulänglichkeit politischer Köpfe und Instrumente (…) ersetzen können."

Trump ähnelt längst einem Roboter

Mit Blick auf das Ergebnis der US-Wahl kann man darin schon fast eine Heilserwartung lesen. Wäre Watson nicht doch die bessere Alternative zu Donald Trump gewesen? Lieber eine berechenbare Maschine als ein unberechenbarer Mensch? Auf die Frage, ob Trump oder ein Roboter einen besseren Präsidenten abgäben, antworteten in einer nicht repräsentativen Umfrage des britischen Boulevardblatts Daily Mirror 81 Prozent: der Roboter. Man weiß allerdings nicht, wer an dieser Abstimmung teilgenommen hat und ob das Resultat möglicherweise von Maschinen gehebelt wurde. Unter Trumps 20 Millionen Followern auf Twitter befindet sich rund ein Drittel Bots, automatisierte Skripte, die unablässig teilen und retweeten. Diese Meinungsroboter sorgten dafür, dass der Hashtag "TrumpWon" zum Trending Topic auf Twitter aufstieg und ein Gegennarrativ zur medialen Erzählung konstruiert wurde, wonach Hillary Clinton das Duell für sich entschieden hatte.

Die Frage ist aber auch unfreiwillig komisch, weil der Unterschied zwischen Trump und einem Roboter gar nicht so groß ist. Die US-Firma Chatprime hat einen Chatbot namens DrumpfBot entwickelt, der auf Knopfdruck programmatische Sätze ausspuckt. Der DrumpfBot wurde mit im Netz auffindbaren Trump-Aussagen gefüttert und so programmiert, dass er auf bestimmte Fragen Antworten generiert. "Ask the Donald a Question", zum Beispiel: "Was sind Ihre Ansichten über China?". "The Donald is typing", und der DrumpfBot antwortet: "Übrigens, ich habe großen Respekt für China. Ich habe viele chinesische Freunde. Sie leben überall in meinen Gebäuden." Trumps Rhetorik ist so simpel, dass sie von einer künstlichen Intelligenz imitiert werden kann. Man könnte den DrumpfBot getrost eine Präsidentschaftsansprache verlesen lassen – vermutlich würde es niemand merken.

Der Bürger als berechenbare Größe

Die Datenwissenschaftlerin Cathy O’Neil, Autorin des Buchs Weapons of Math Destruction, hat die provokante These aufgestellt, dass Trump selbst ein verzerrter, maschinell lernender Algorithmus sei. Der US-Präsident operiere wie eine Maschine nach der Methode Trial and Error. Er experimentiere damit, den Diskurs in die eine oder andere Richtung zu lenken und "lernt", wie die Masse reagiert. Gibt es keine Reaktion, spricht Trump das Thema nicht mehr an. Reagiert die Menge mit Empörung, registriert Trump den Impuls und lernt dazu. Das Problem, schreibt O'Neil, bestehe darin, dass Trump mit verzerrten Daten trainiert würde, weil die Leute auf seinen Kundgebungen "Spinner" seien. Zum anderen sei Trump wie ein Algorithmus agnostisch. "In diesem Sinn ist er vollkommen objektiv, moralisch neutral", so O'Neil. Er folge nur den Zahlen. Trump könnte durch einen Roboter ersetzt werden.

Die Idee, fehlbare Politiker durch einen unfehlbaren Computer analog zum autonomen Fahren zu ersetzen, hat ihren Reiz. Menschliche Schwächen wie Korruption oder Klientelismus würden ausgemerzt, das Gemeinwesen wie in einem Thermostat auf Wunschtemperatur reguliert. Könnte man nicht gewisse routinierte Verwaltungsabläufe und besonders träge, für Lobbyismus anfällige Abstimmungsverfahren automatisieren? Eine Art Politik auf Autopilot?

Was, wenn der Computer Krieg befiehlt?

IBMs Superhirn Watson könnte zum Beispiel anhand einer Big-Data-Analyse berechnen, dass sich die Wahrscheinlichkeit kriegerischer Auseinandersetzungen in der Sahelzone aufgrund erwartbarer Dürren und damit verbundener Ernteausfälle bis 2020 um 50 Prozent erhöht und auf Grundlage dieser Erkenntnis Entwicklungsprogramme lancieren oder Militärberater in die Region entsenden. Es wäre die Abkehr charismatischer Herrschaft im Sinne Max Webers hin zu einer kühl kalkulierenden, dezisionistischen Maschine, die gesellschaftliche Entwicklungen als bloße Machbarkeitsstudie begreift – und Politik schlicht exekutiert. 

Das Problem ist, dass sich das "Modell" der Demokratie nicht in Nutzen- und Zielfunktionen beschreiben lässt. Politik ist mehr als ein Zusammenwirken deterministischer Formeln. Sie benötigt Räume, die nicht wie in einer Computersimulation bespielt werden können. Würden wir es akzeptieren, wenn ein Computer autoritativ den Befehl für eine militärische Intervention gibt? Kann die Legitimationskette, die zur Ausübung von Hoheitsakten auf den Souverän zurückgeführt werden muss, durch Algorithmen ersetzt werden? Sebastian Buckup vom Weltwirtschaftsforum hat in seinem Artikel einen wichtigen Satz formuliert: "Der Wunsch nach Supercomputern, die auf jede komplexe Frage eine Antwort haben, ähnelt dem nach Politikern, die behaupten, es gebe keine komplexen Fragen. Die einen vertrauen auf Fakten ohne Interpretation, die anderen auf Interpretationen ohne Fakten. Beide verkennen, dass Demokratie ohne Dialog nicht existiert."

Die Rufe nach einer "starken Hand" und einem Roboterpräsidenten, mit dem sich endlich mal "durchregieren" lasse, kommen aus derselben Richtung. Der Politikwissenschaftler Parag Khanna plädiert in seinem neuen Buch Technocracy in America: Rise of the Info-State für einen superschlanken Informationsstaat nach dem Vorbild Singapurs, der mit Infrastrukturdaten gefüttert wird und in Echtzeit auf politische Herausforderungen reagiert. Doch ein hocheffizienter "Info-State", in dem man einfach durchregieren kann, wäre ein autoritärer, weil Debatten unterdrückt und demokratische Mitspracherechte sistiert würden. Daten können nicht der einzige Treiber von politischen Entscheidungen sein.

Wären die Algorithmen ein Geschäftsgeheimnis?

Die zentrale Frage ist, wer einen Künstliche-Intelligenz-Politiker programmiert und ob die Macht nicht automatisch an die Programmierer delegiert würde. Und wem der Rechner rechenschaftspflichtig wäre. Wäre Watson ein unabhängiger Sachwalter, wie seine Befürworter behaupten oder ein von IBM ferngesteuerter Roboter, der Klientelpolitik betreibt und dessen manifeste Interessen nur von Codes verkleistert werden? Wie transparent und legitim wäre eine solche Politikmaschine? Wären die Algorithmen einer öffentlichen Überprüfbarkeit zugänglich? Oder wären sie wie bei Google ein Geschäftsgeheimnis? Die Gefahr liegt darin, dass Politik zu einer Simulation degeneriert, bei der Programmierer die Parameter festlegen. Der Bürger wird zu einer berechenbaren Größe, Debatten zu einer rein formalen, technisierten Angelegenheit.

Die Installation eines Superrechners wie Multivac erscheint auch aus Sicherheitsaspekten bedenklich: Schon im abgelaufenen US-Wahlkampf wurden Vorwürfe laut, russische Hacker seien in Computersysteme eingedrungen und hätten Wahlmaschinen manipuliert. Wenn das randomisierte Auswahlverfahren wie in Asimovs Erzählung kompromittiert würde, wäre das noch viel gravierender als der Hack eines einzelnen Wahlcomputers.

Die "elektronische Demokratie", die Asimov in seiner Dystopie entwirft, ist nicht nur anfällig für Cyberattacken, sondern etabliert auch ein techno-autoritäres Regime, das politische Prozesse in Programmierbefehle zerlegt. Man muss diese Verfahren nicht im Einzelnen verstehen, um den Determinismus abzulehnen, mit dem eine solche Politik ins Werk gesetzt wird. Computer mögen effizienter und unbestechlicher sein. Ob sie die Akzeptanz von Entscheidungen und Legitimität des politischen Systems erhöhen, ist jedoch fraglich.