Ein Pferd ist ein großes Tier. Will man hinauf, braucht man einen Zwischenhalt, etwas, das den Weg nach oben verkürzt und einen kurzen Moment Sicherheit gibt, wenn deine Beine den Boden verlassen. Dafür ist der Steigbügel da. Er ist in einen Lederriemen geschnallt, den man sich vor dem Reiten auf die eigene Beinlänge einstellt. Man misst sie am Arm. Reicht der Riemen mit dem Steigbügel von den Fingerspitzen bis unter die Achselhöhle, hat er die richtige Länge.

Der linke Fuß verlässt den Boden und steigt mit einem großen Schritt hoch in den Bügel.

Ein ruhiges, wohlerzogenes Pferd bleibt stehen, während du aufsitzt. Freigeistigere Tiere marschieren bereits los, wenn du gerade mit einem Bein im Steigbügel steckst. Man hat dann die Wahl: mit dem anderen Bein nachhüpfen und sich noch irgendwie hochhieven. Oder schnell wieder aus dem Bügel schlüpfen, mit dem Pferd schimpfen, und wieder von vorn anfangen: Zügel in die linke Hand, rechte Hand an den Sattel, linken Fuß in den Steigbügel. Der rechte Fuß wippt kurz und schwingt sich samt Bein über den Pferderücken. Dann ist man oben.

Jenny Friedrich-Freksa lebt in Berlin. Sie ist Chefredakteurin der Zeitschrift "Kulturaustausch" und arbeitet als Autorin und Moderatorin mit den Schwerpunkten Internationale Beziehungen, Kultur und Außenpolitik. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Von hier sieht die Welt anders aus, irgendwie dreidimensionaler. Baumkronen und Himmel kommen näher, Autos werden kleiner, die Erde ist weiter weg. Unten sind nicht mehr die eigenen Füße, sondern ein leerer Raum. Mit dem Boden bist du nur noch über die langen schmalen Beine des Pferdes verbunden, die jetzt loslaufen, und den Mittelpunkt deines Körpers, den Bauch und die Hüften, mit einem Ruck in einen neuen Rhythmus setzen. Das Becken schwingt von links vorne nach rechts vorne und zurück, während du langsam die Zügel aufnimmst, die deine Finger mit dem Pferdemaul verbinden. In dem Maul liegt ein Metallgebiss. Es hängt auch an den Zügeln, die du hältst. Sie laufen zwischen Ringfingern und kleinen Fingern in deine Hände hinein, und zwischen Zeigefinger und Daumen wieder heraus. Auf den ersten Metern im Schritt spielst du ein bisschen mit den Ringfingern. Es ist so, als würden deine Hände dem Pferd sagen: "Hallo, ich bin's, die von oben. Alles klar bei dir da vorne?"

Menschen reiten an sehr unterschiedlichen Orten, in Dressurvierecken und auf Galopprennbahnen, im Zirkus und auf dem Rummel, in Reithallen oder auf Poloplätzen. Und natürlich draußen, wo plötzlich ganz viel Platz ist, sobald man Hof und Stallungen verlässt. Jetzt, im Januar, wenn Raureif auf den Feldern liegt oder ein bisschen Schnee, reitet man hinein in eine große weiße Weite. Das Pferd hat einen frischen Schritt, denn es ist kalt trotz der Wintersonne, die auf den langen Hals scheint. Ihr Licht blitzt immer mal in der rotbraunen Mähne auf. Es gibt vieles, was schön ist an einem Pferd: die großen dunklen Augen, der runde Bauch, die zarten Fesseln. Am schönsten aber sind die Ohren. Außen haben sie richtiges Fell, innen einen dichten Haarflaum, und selten stehen sie still. Sie können aufmerksam nach vorne schauen oder furchtsam nach hinten gelegt sein. Sie lauschen zu dir hin, wenn du mit dem Pferd sprichst, und von dir weg, wenn in der Ferne ein Geräusch zu hören ist. Es ist anatomisch unmöglich, einem Pferd während des Reitens ins Gesicht zu schauen, aber die Pferdeohren sind ein gutes Stimmungsbarometer. Sie erzählen eigentlich ununterbrochen, wie es so läuft.

An einem klaren Wintertag, wenn sich die Bäume zart vor dem lilablauen Himmel abzeichnen und ab und zu sogar ein letztes Grasbüschel vom Sommer am Wegesrand zum Naschen einlädt, sind alle Geschöpfe zufrieden mit der Welt. Das Pferd schreitet weit aus in die Landschaft, du schwingst mit, die Ringfinger unterhalten sich mit dem Pferdemaul, die Pferdeohren horchen nach nah und fern.
Du lässt das Pferd traben: Über die Zügel gibst du dem Maul ein kleines Zeichen. Du spannst dein Kreuz an – so, als würdest du auf einer Stuhlkante sitzen und einmal kurz kippeln. Das Pferd spürt die Bewegung, und es spürt auch deine Unterschenkel, die mit leichtem Druck links und rechts am Pferdekörper anliegen.

Trab ist ein Zweitakt, das linke Vorderbein des Pferdes tritt zugleich mit seinem rechten Hinterbein auf, dann das rechte Vorderbein mit dem linken Hinterbein. Dazwischen liegt eine kurze Schwebephase, in der kein Bein den Boden berührt. Um den Rücken des Pferdes und sich selbst beim Ausreiten zu schonen, hebt man sich nach jedem halben Trabtakt aus dem Sattel. Es sieht aus, als würde der Reiter kurz aufstehen und sich wieder setzen. In dieser Bewegung kann man sehr lange am Stück durch die Gegend traben, man wird nicht müde, und das Pferd auch nicht. "Leichttraben" heißt die Technik heute, "Englisch traben" nannte man sie früher einmal, weil es Engländer waren, die diese Sitzweise erfanden, ursprünglich wahrscheinlich, damit auch weniger gute Reiter Jagden über lange Strecken mitreiten konnten.