"Unter normalen Umständen wäre zu erwarten, dass eine international vereinsamte Regierung mit himmelschreiender Korruption, bei der sowohl in Sachen Wirtschaft wie auch bei den Menschenrechten sämtliche Alarmglocken schrillen, bei den ersten Wahlen abgesetzt wird. Doch die Umstände sind leider nicht normal. (...) In Ermangelung einer freien Presse, die Fakten verbreitet, und einer unabhängigen Justiz, deren Urteile umgesetzt werden, erleben wir die Evolution eines Landes von der Demokratie zur Diktatur." Mit diesen scharfen Worten analysiert der türkische Journalist Efe Kerem Sözeri die Entwicklungen in seinem Heimatland. Verfasst hat er den Artikel für taz.gazete, das neue deutsch-türkische Web-Portal der Berliner tageszeitung. Gazete heißt übrigens Zeitung auf Türkisch.  

Mit taz.gazete wolle man "türkischen Journalistinnen und Journalisten ein Exil für freie und unabhängige Berichterstattung über die Türkei bieten", sagt der taz-Chefredakteur Georg Löwisch. Sein Haus verstehe das Portal als Solidaritätsprojekt mit türkischen Journalisten, die unter der massiven Einschränkung der Pressefreiheit in der Türkei zu leiden hätten. Als Medium für Artikel, die Redaktionen vor Ort nicht ohne weiteres veröffentlichen könnten. Ein Autor wie Sözeri beispielsweise, der kein Blatt vor dem Mund nimmt und seine Kritik an der türkischen Regierung offen äußert, würde dort wohl nicht lange auf freiem Fuß sein. Sein Vorteil: Er lebt in Holland und veröffentlicht auf Seiten, die die türkische Regierung nicht verbieten kann.


Es ist kein Zufall, dass taz.gazete gerade am 19. Januar online ging. Es ist der zehnte Todestag von Hrant Dink. Der armenische Journalist hatte sich dafür eingesetzt, dass sich die türkische Gesellschaft ihrer Geschichte stellt und im Sinne einer Aussöhnung den Genozid an den Armeniern beim Namen nennt. Dieses Engagement bezahlte Dink mit seinem Leben. Er wurde 2007 in Istanbul am helllichten Tag auf offener Straße erschossen.

Noch immer seien die Täter nicht ermittelt und der Dink-Mord nicht aus "den dunklen Korridoren von Ankara" gehoben, schreibt die Journalistin Canan Çoskun auf taz.gazete. Sie kritisiert, dass heute "der Eindruck erweckt werden soll, für den Dink-Mord seien ausschließlich Gülen-Leute verantwortlich." Die Gerichtsreporterin der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet befasst sich in ihren Texten häufig mit den Ermittlungen gegen die Gülen-Bewegung und der Einschränkung der Pressefreiheit in der Türkei. Wegen ihrer Artikel laufen zahlreiche Gerichtsverfahren gegen Coşkun.

Neue Tabubrecher gesucht

Der Kolumnist Aydin Engin wiederum geht der Frage nach, warum die Türkei dringend einen so mutigen Tabubrecher wie Dink brauche. Das Land entwickele sich zur Oligarchie, zu einem Land wie Saudi-Arabien oder Katar, schreibt er. "Die Regierung will uns weismachen, 1.400 Jahre alte religiöse Werte seien auch im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß. Diskussionen darüber sind tabu." Dink hätte sich an dieses Tabu nicht gehalten.  

Wer als Journalist in der Türkei unbequeme Wahrheiten ausspricht, lebt gefährlich und muss damit rechnen, inhaftiert zu werden. Diese Erfahrung machte auch Engin immer wieder. Acht Mal saß der Kolumnist der Cumhuriyet im Gefängnis, zuletzt wurde der 76-Jährige im Herbst vergangenen Jahres verhaftet und kam aus Altersgründen nach knapp einer Woche wieder frei. Derzeit sind etwa 150 Journalisten in der Türkei inhaftiert. Ihnen wird vorgeworfen, eine terroristische Organisation zu unterstützen. Sukzessive baut die Regierung die Pressefreiheit im Land ab. Tausende Journalisten sind inzwischen arbeitslos, weil regierungskritische Zeitungen, Online-Medien und Fernsehkanäle verboten wurden. Die wenigen oppositionellen Medien, die es noch gibt, rechnen tagtäglich mit einem Verbot.  

Diese Entwicklung haben einige deutsche Medien zum Anlass genommen, türkischen Journalisten und Autoren eine neue publizistische Heimat zu geben. So schreibt beispielsweise Bülent Mumay für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Yavuz Baydar hat bei der Süddeutschen Zeitung die Kolumne Türkische Chronik und Can Dündar, früherer Chefredakteur der Cumhuriyet, analysiert in der ZEIT wöchentlich sein Heimatland. Der WDR bietet türkischen Journalisten schon seit November 2016 ein Forum, seit Anfang Januar auf dem eigens dafür eingerichteten Internetportal Türkei unzensiert. Dort findet man Texte, Audios und Videos in türkischer und deutscher Übersetzung sowie eine Linksammlung zu Artikeln, die sich mit türkischer Politik befassen. Auch das Recherchezentrum Correctiv hat auf seiner Website "neue Seiten für die Türkei" angekündigt – unter der Leitung von Can Dündar.