Geld ist ein eigentümlicher Stoff. Die Belege dafür, wie sehr es die Menschheit zu allen Zeiten beschäftigt, ja fasziniert hat, reichen bis zu den Anfängen schriftlicher Überlieferung zurück. Dabei zeichnete sich sehr früh ab, dass die große Aufmerksamkeit, die dem Geld zuteil wird, zugleich starke moralische Abwehrreflexe mobilisiert. Dementsprechend umfangreich ist das Korpus der Schriften, deren Autoren im Geldhabenwollen das Verhängnis der Menschheit schlechthin sehen mochten. Der Tanz um das Goldene Kalb und die Anbetung des Mammons (Matthäus 6,24: "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon") stehen exemplarisch für zahllose andere literarische Quellen vom Altertum bis in die Gegenwart, in denen die Faszinationskraft des Geldes zur Wurzel sittlicher Verwahrlosung erklärt wird.

Dieser Artikel stammt aus der Februar-Ausgabe des "Merkur". © Klett-Cotta

Seit der Finanzkrise 2008 trifft diese Denktradition auf eine für geldkritische Thesen besonders empfängliche Öffentlichkeit. Große Aufmerksamkeit erfuhr etwa der Ethnologe David Graeber mit seiner vieldiskutierten Studie über das Schuldenwesen. Für Graeber ist das Geld, sei es in gemünzter, papierener oder zuletzt virtueller Form, der Kern des Schuldenwesens oder besser Unwesens, das die Menschen zugleich verbindet und trennt, weil es ihre gegenseitigen Beziehungen berechenbar macht und die Reziprozität der unberechneten Beziehungen zerstört und in eine fatale, herrschaftsstrukturierte Abhängigkeit voneinander bringt. Um die Menschheit in einen Zustand der Harmonie bringen zu können, bedarf es einer Beseitigung der Schulden und auch des Geldes.

Geldkritik als Utopie

Aber wie plausibel ist das? Muss man die Wirtschaftsgeschichte der Menschheit, in der das Geld von Beginn an eine zentrale Rolle spielt, tatsächlich als Geschichte einer Verkrüppelung durch Abhängigkeit und Gier erzählen? Ist der Kapitalismus wirklich der letzte und brutalste Ausdruck eines Verhängnisses, das mit den babylonischen Tontäfelchen begann, um in den asset backed securities der Finanzkrise seinen bisherigen Höhepunkt zu erfahren? Oder anders gefragt: Wie wahrscheinlich ist es, dass sich etwas, dessen Ursprünge auf Schuld deuten, dessen Praxis Schuldverhältnisse stets erneuert, das offenbar nur Wenigen Vorteile verschafft, aber zugleich das menschliche Potential aller verkümmern lässt – wie wahrscheinlich ist es, dass sich ein derartiges Verhängnis dauerhaft behauptet?

Spricht nicht alles dafür, dass wir es hier mit romantischen Fiktionen zu tun haben, deren Wert allein in der Beschwörung einer anderen Welt liegt, einer Welt wohlgemerkt, um deren konkrete Verfasstheit es gar nicht geht, gar nicht gehen kann, weil auch sie, gleich wie sie ausfiele, vor den hochgespannten utopischen Ansprüchen der romantischen Geldkritiker nicht bestehen könnte? Schon die in diesem literarischen Genre weitverbreitete Neigung, entweder frühgeschichtliche Forschungsergebnisse oder ethnologische Beobachtungen an Kleingruppen als Beweis dafür in Anspruch zu nehmen, dass menschliche Beziehungen ohne den Einfluss von Geld harmonischer wären, dass das Habenwollen und die Berechnung also keineswegs der menschlichen Natur entsprechen müssen, ist so trivial wie im Kern haltlos. Schließlich gestalten auch in der modernen Welt zahllose Menschen ihren Alltag trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Geldnutzung ganz unberechnend und ohne ständige Vorteilssuche, und zwar nicht nur "Habenichtse", Außenseiter und Lebenskünstler, sondern auch ganz normale "Funktionspuppen" des kapitalistischen Verwertungsprozesses.

Die wirtschaftshistorische Forschung legt im Gegenteil nahe, dass berechnendes Verhalten und Hartherzigkeit in der älteren Welt der großen Knappheit und der prekären Existenz sehr viel weiter verbreitet waren als in den Zentren des gegenwärtigen Kapitalismus, in denen der relative Überfluss zu einer Art materieller Entlastung und dadurch auch zu größeren Handlungsspielräumen geführt hat. Es wäre ziemlich absurd, die Beschwörungen einer geldgequälten Welt mit der Realität zu verwechseln, zumal derartige Verhältnisse in den eigenen Lebenserfahrungen, im Freundeskreis und im Alltag doch gerade nicht die Regel sind: Wessen Freunde sind schon berechnend und geldgierig?

Haltlos sind derartige Argumente gerade deshalb, weil sie Verhaltensweisen als Maßstab heranziehen, die mit den Zwängen der gegenwärtigen Welt nur wenig zu tun haben. Ob mit den Regeln steinzeitlicher Jäger- und Sammlerkulturen oder kleiner indigener Gruppen etwa auf Madagaskar die Probleme moderner Metropolen mit vielen Millionen Einwohnern angemessen zu adressieren sind, darf man jedenfalls getrost bezweifeln, einmal davon abgesehen, dass es bei der Organisation des Überlebens von Millionen nicht um Fragen individueller Verhaltensweisen, sondern um adäquate Organisationsstrukturen geht.

Geld als Zivilisationsbeschleuniger

Der amerikanische Ökonom William Goetzmann hat es jüngst unternommen, auf die Frage nach dem Geheimnis des Gelds eine Antwort zu geben. Der Titel seines voluminösen Buchs – Money Changes Everything. How Finance Made Civilization Possible – enthält bereits den Kern seiner Botschaft: Ohne Geld, genauer ohne Finanzierungsstrukturen, die komplexe Geldtransaktionen ermöglichen, seien keine höhere Zivilisation, keine Verstädterung und Urbanisierung, kein nennenswertes Wachstum der Bevölkerung möglich gewesen. Ohne die inhärenten Probleme eines entwickelten Finanzwesens zu leugnen, das die Mobilisierung großer Geldbeträge nicht zuletzt auch aus spekulativen Gründen wahrscheinlicher macht, sieht Goetzmann in der Entstehung komplexer Finanztechniken (Rechenhaftigkeit, Zins- und Zinseszinsrechnungen, Wahrscheinlichkeitsrechnung und Risikostrukturierung bis hin zu den modernen Sicherungstechniken, die so modern auch nicht sind, sondern zumindest bis in das späte Mittelalter zurückgehen) die eigentliche Ursache des westeuropäisch-amerikanischen wirtschaftlichen Sonderwegs.

Erst die komplexen Finanzierungsstrukturen hätten es ermöglicht, die notwendigen Ressourcen für die weltweit einmalige Produktivitätssteigerung zu mobilisieren, mit der Armut und Massenelend überwunden wurden. Umgekehrt liegt für Goetzmann im Fehlen ähnlich effizienter Finanzierungsinstrumente die Ursache dafür, dass das lange Zeit reiche und wirtschaftlich keineswegs rückständige China seit dem 17. und 18. Jahrhundert langsam den Anschluss verlor und im 19. Jahrhundert weit zurückfiel.