Die Leihmutterschaft scheint eines der wenigen Themen zu sein, in dem in Deutschland politische Einigkeit herrscht: Von allen Parteien, vom rechten bis zum linken Spektrum, wird sie dämonisiert. Trägt eine Frau für eine andere Frau ein Kind aus, ist das entweder Symptom unserer dekadenten individualistischen Gesellschaft und Gefahr für die klassische Familie oder eine Kolonialisierung und Ausbeutungsform des weiblichen Körpers. Die angst- und tabubesetzte Debatte wird von Skandalfällen und Alptraumszenarien bestimmt. Es geht dann um das Baby Gammy, das von den Auftragseltern in Thailand zurückgelassen wurde, um Designerbabys oder neofaschistische Vorstellungen von einer Herrenrasse.

Cécile Calla, 38 Jahre alt, ist eine deutsch-französische Journalistin und Autorin. Sie war Korrespondentin der französischen Tageszeitung "Le Monde" und Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins "ParisBerlin". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Schaut man sich das Phänomen, das schon im Alten Testament erwähnt wird, jedoch genauer an, ist die Leihmutterschaft eine weitere Möglichkeit der Reproduktionsmedizin, die mit einer Vielfalt von Erfahrungen einhergeht. Es gibt sowohl unterschiedliche Formen von Leihmutterschaft – mit oder ohne Eizellenspende –, als auch sehr unterschiedliche juristische Kontexte. Während in einigen Ländern (wie Großbritannien) kein Geld fließen darf, ist die Leihmutterschaft in anderen höchst kommerzialisiert (wie in der Ukraine, einigen US-Staaten, Kambodscha, Bangladesch oder Laos). Und es gibt nur einen einzigen Staat, Israel, in dem Leihmutterschaft unter sehr bestimmten Bedingungen, nämlich für israelische heterosexuelle Paare, teilweise vom Staat subventioniert wird. In vielen Ländern (wie in Deutschland) ist es schlicht verboten, was deutsche Paare jedoch nicht daran hindert, es trotzdem zu versuchen. Es gibt keine verlässlichen Statistiken, "aber wenn man berücksichtigt, dass manche Agenturen in den USA drei bis fünf Anfragen pro Monat aus Deutschland bekommen, kann man daraus schließen, dass es sich durchaus um nennenswerte Zahlen handelt", sagt Anika König, eine Anthropologin der Freien Universität Berlin, die über soziale Elternschaft im Rahmen transnationaler Leihmutterschaft forscht.

Im vergangenen November wurde das Thema zum ersten Mal in Paris auf einem internationalen Kolloquium diskutiert. Viele Experten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften aus der ganzen Welt, darunter auch Anika König, sprachen hier über Motive, Verfahren und Auswirkungen der Leihmutterschaft auf die Betroffenen.

Für die Auftragseltern ist der Weg bis zur Entscheidung, eine Leihmutterschaft in Anspruch zu nehmen, oft ein langer und schmerzlicher Prozess, den sie allen verfügbaren Studien zufolge nicht leichtfertig eingehen. In vielen Fällen hängt dieser Schritt auch mit Adoptionsregelungen zusammen, die beispielsweise homosexuellen Männern keine anderen Möglichkeiten zur Elternschaft lassen.

Aufgrund des juristischen Verbotes der Leihmutterschaft in Deutschland ist der Kampf allerdings auch dann nicht zu Ende, wenn Eltern endlich ihr Baby in den Armen halten. Vielmehr müssen sie Angst haben, das Sorgerecht zu verlieren und sich auf langwierige Prozeduren mit den Bürgerämtern einlassen, bis diese Kinder offiziell anerkannt werden.

Das Pariser Kolloquium gab einige lehrreiche Einblicke in das Leben von Leihmüttern. Aus Israel wurde zum Beispiel berichtet, dass die Bindungen zwischen der Leihmutter und der Auftragsmutter so eng werden, dass sie sich zeitweise wie Schwestern fühlen. Oft bleiben auch die Beziehungen zwischen den Auftragseltern und der Leihmutter Jahre nach der Geburt des Kindes bestehen. Die dort befragten Leihmütter erzählen, dass es nicht schwierig sei, das Kind abzugeben, hingegen aber sehr schwer, wenn Eltern danach den Kontakt mit ihnen abbrächen. Anika König bestätigt dies nach ihren Gesprächen mit amerikanischen Leihmüttern. Diese Frauen erleben ihre Aufgabe überwiegend als etwas Positives, als eine Spende, auch wenn sie dafür Geld bekommen. "Sie sind oft sehr religiös", sagt König, und werden, zumindest was die westlichen Leihmütter betrifft, oft von ihren Ehemännern beziehungsweise Familien in dieser Aufgabe unterstützt.

Das Land braucht eine ehrliche Debatte

Dass Schwangerschaften – ganz entgegen der populären Auffassung – nicht zwingend Muttergefühle hervorrufen müssen, hat die französische Philosophin Elisabeth Badinter schon vor mehr als 30 Jahren in ihrem Buch Die Mutterliebe mit Blick auf das Ammenwesen im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts festgehalten.

Eine Studie des staatlichen französischen Instituts für Bevölkerungsforschung Ined räumte zudem im vergangenen Oktober mit einigen Stereotypen über indische Leihmütter auf. Bis zum Verbot der kommerziellen Leihmutterschaft 2016 galt Indien als das negative Beispiel für Leihmutterschaft schlechthin. Es habe die Bäuche armer Frauen zum Business gemacht, hieß es seit Jahren überall. Doch die Studie zeigt ein nuanciertes Bild: Erstens sind es nicht die Ärmsten, die als Leihmütter fungierten; zweitens gaben die indischen Leihmütter wie die amerikanischen an, ihre Leihmutterschaft positiv zu bewerten; auch sie sprachen davon, dass sie das Austragen eines Kindes für eine andere Frau als Spende empfänden und es aus religiösen Gründen getan hätten; drittens ermöglichte ihnen diese Aufgabe eine substanzielle Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse, die ihnen auf dem gewöhnlichen Arbeitsmarkt verschlossen war.

All dieser Differenzierungen zum Trotz: Es ist und bleibt verständlich, dass Leihmutterschaft Ängste weckt. Keine Maßnahme der Reproduktionsmedizin führt zu einer solch eklatanten Zersplitterung der Familienrollen und der Mutterschaft. Niemand kann bestreiten, dass uns diese Form der kommerziellen Reproduktion vor ethische Probleme stellt. Diese lassen sich aber, soviel ist klar, weder mit Affekten noch mit Verboten lösen. Leihmutterschaft ist, auch in Deutschland, eine Realität und die aktuelle Situation, in der Eltern um das Sorgerecht für ihre bereits geborenen Kinder bangen müssen, ist nicht vertretbar.

Warum kein Fortschritt bei der Reproduktion?

Auch als die ersten sogenannten Retortenbabys geboren wurden, war die Skepsis groß in Deutschland. Ob es überhaupt in Ordnung sei, eine Schwangerschaft außerhalb des Bauches zu beginnen, fragten einige Kommentatoren. Die Schar der kritischen Stimmen ist mit den Jahren nicht verstummt. Ihre Argumente klingen teils naiv, teils einseitig. Die Selbstermächtigung, seine Umwelt zu gestalten, neue Grenzen zu überwinden, Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen – all das charakterisiert den Menschen. Warum sollte der wissenschaftliche Fortschritt, der kein Segment unseres Lebens auslässt, der uns hilft, immer älter und gesünder zu werden, ausgerechnet beim Kindermachen aussetzen?  

Deutschland braucht also dringend eine ehrliche Debatte zum Thema Leihmutterschaft. Und wenn wir schon dabei sind, müssen wir auch noch über die Eizellenspende sprechen, die ebenso verboten, verteufelt und tabuisiert wird. Anstatt ständig über diese Frauen und diese Familien zu reden, sollte man mit ihnen sprechen und auf ihre Stimmen hören. Alle Fragen müssen auf den Tisch: sowohl das Risiko des Missbrauchs aufgrund der oft großen wirtschaftlichen und sozialen Diskrepanz zwischen den Auftragseltern und den Leihmüttern, als auch die Folgen für die Kinder und die Leihmütter.

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Phänomen würde auch eine Diskussion auslösen über die juristische Definition von Vaterschaft und Mutterschaft, die bisher rein biologisch ausgelegt wird. Die Kleinfamilie mit Vater, Mutter und Kindern, die zum Ideal im 19. Jahrhundert erklärt wurde, wird seit vielen Jahrzehnten durch neue Familienformen und die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin unterwandert. Eine davon ist die Leihmutterschaft. Es ist Zeit, dass die Stigmatisierung dieser Familien aufhört. Dass die medizinischen Verfahren nicht den Ärzten und Geschäftsleuten im Ausland überlassen werden. Und dass die Rechte von Leihmüttern geachtet werden.