In den Grauzonen der Debattenkultur – Seite 1

Spätestens seit Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, geht es in den deutschen Medien um die Frage, wie ein demokratischer Diskurs gelingen kann. Wir diskutieren darüber, wie wir diskutieren wollen, wie wir diskutieren sollten. Auch auf der Buchmesse in Leipzig wird diese Diskussion geführt. Ich sitze bei der Eröffnungsveranstaltung des Café Europa, einer Reihe, die sich mit Demokratie und Freiheit im zukünftigen Europa auseinandersetzen will.

Dass die Diskussion um unsere Debattenkultur die Buchbranche erreicht hat, ist kein Zufall. Seit einiger Zeit häufen sich die Vorfälle, bei denen das Buch Dreh- und Angelpunkt einer bestimmten Frage ist: Wie viel Meinungsfreiheit können wir aushalten, müssen wir aushalten, auch und gerade dann, wenn wir Demokratie und Meinungsfreiheit in Gefahr sehen? Ich denke an die Buchhandelskette Hugendubel, die einen Shitstorm abbekam, weil sie Bücher des umstrittenen Kopp-Verlags prominent bewarb. Ich denke an die englische Autorin Susan Hill, die Zensur witterte und eine Lesung absagte, weil die betreffende Buchhandlung sich weigerte, Trump-freundliche Literatur zu verkaufen. Und ich denke an den Hassprediger Milo Yiannopoulos, dem der amerikanische Verlag Simon & Schuster einen Buchvertrag für eine Viertelmillion Dollar zusagte und damit einen Sturm der Entrüstung auslöste.

Diese drei Ereignisse scheinen Einzelfälle zu sein, doch diese Diskussionen treffen ins Herz der Buchbranche. Es geht um Kunst und Bestseller, um Freiheit und Politik, um Meinungsvielfalt und Zensur. Und es geht um Deutungshoheit. "Im Internet kann jeder eine Meinung haben. Das ist es auch, was eine Debattenkultur torpediert" sagt der Schauspieler und Kabarettist Fatih Çevikkollu. "Das Internet bietet dir eine endlose Oberfläche, es geht aber nicht in die Tiefe. Stattdessen könntest du dich hinsetzen und ein Buch lesen, zu einem Thema, das dich interessiert." Das Buch gilt hier als ultimatives Instrument der Meinungsbildung. Und damit sind wir genau im Kern der Diskussion um die Entscheidung eines Verlages wie Simon & Schuster, Milo Yiannopoulos zu verlegen.

Caroline Kraft war die vergangenen zehn Jahre in der Verlagsbranche tätig – in London, Frankfurt und Berlin, wo sie heute lebt und als PR- und Kommunikationsberaterin arbeitet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Michaela Philipzen

Yiannopoulos, der wegen rassistischer Hetze gegen die Schauspielerin Leslie Jones von Twitter verbannt wurde, war das Enfant terrible der Ultrakonservativen, ein schwuler Mann, der die Schwulenbewegung hasst, der sich aufgemacht hatte, jedes gesellschaftliche Tabu zu brechen und dabei eine gute Show abzuliefern. Seine Rhetorik ist eine schillerndere Version der verstaubten "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen"-Parolen der AfD. In Interviews wirken seine Gesprächspartner hilflos im Angesicht von so viel Ruchlosigkeit, Mutwillen und Größenwahn.

Ein kalkulierter Bestseller

Man könnte ihn für eine Kunstfigur halten, wären seine Ideen nicht zutiefst menschenverachtend und die Welle, auf der er reitet, weniger gefährlich. Yiannopoulos will Aufmerksamkeit um jeden Preis, indem er Hass verbreitet und zwar hauptsächlich im Internet. Genau da liegt das Problem. Wenn ein Publikumsverlag wie Simon & Schuster Yiannopoulos publiziert, spült er den als Literatur geadelten Hass in den Mainstream. Damit leistet er der Normalisierung von Yiannopoulos’ Tabubrüchen Vorschub, und macht seine Diskriminierungen salonfähig. Dabei geht es natürlich um Geld, um sehr viel Geld. Yiannopoulos’ Buch war ein kalkulierter Bestseller, der mit aller Marketingmacht in den Markt gedrückt werden sollte.

Solche Entscheidungen gehören in Verlagen dieser Größenordnung zum Tagesgeschäft. Sie sind der Natur des Zwitterwesens Buch geschuldet, das seit der Herausbildung des Massenbuches Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen Kunst und Kapital, Kultur- und Konsumgut changiert – eine Realität, für die Horkheimer und Adorno den Begriff der Kulturindustrie geprägt haben. Diese Realität ist ebenso problematisch wie unauflösbar, und gerade deswegen kommt mit ihr eine Verantwortung. Es bleibt die Frage nach einer Grenze: Wo dürfen finanzielle Interessen eine Rolle spielen, und wo müssen sie enden? Auch hier gibt es Grauzonen, sind Kunst und Kommerz schwer zu trennen. So ist es kein Geheimnis, dass in Verlagen die Querfinanzierung gängige Praxis ist. Bestseller – darunter selbstverständlich auch Bücher, die weniger durch ihre künstlerische Qualität als durch Skandalisierung zu großer Popularität kommen – finanzieren wichtige kleine Titel mit weniger Aussicht auf kommerziellen Erfolg. Diese Strategie ist keine Erfindung moderner Verlage, sondern geht auf die Anfänge der Kulturverlage zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Doch hier verhärten sich die Fronten, scheint eine konstruktive Debatte kaum möglich.

Eine grundsätzliche Lösung gibt es für ein solches Problem nicht, sagt Kijan Espahangizi auf der Leipziger Buchmesse. "Es mag unbefriedigend klingen, aber ein solcher Diskurs kann auf einem abstrakten Level nicht geführt werden", sagt der Historiker und Leiter des Zentrums Geschichte des Wissens an der Universität & ETH Zürich. "In der Schweiz herrscht die Vorstellung vor, eine grenzenlose Meinungsäußerungsfreiheit sei ein Wert an sich. Auch wenn das freilich anders aussieht, sobald man genauer hinschaut. In Deutschland  geht man damit anders um, da gibt es ein Bedürfnis nach klaren Grenzen, das aus der Geschichte heraus gut erklärbar ist. Sobald man aber versucht, die Frage des Sagbaren auf einer abstrakten Ebene ein für alle Mal grundsätzlich zu beantworten, geht das schlicht an den gesellschaftlichen Realitäten und Machtverhältnissen vorbei. Deshalb braucht es bei diesen Fragen eine aufmerksame Öffentlichkeit, die genau hinschaut und konkrete Fälle diskutiert."

"Manchmal besteht auch eine Chance darin, ein Gespräch zuzulassen"

Doch bereits an der Frage, wie genau eine solche Diskussion aussehen soll, scheiden sich die Geister, ebenso wie an der Frage, was eine gelungene Form der Auseinandersetzung ist. Die Chicago Review of Books kündigte als Reaktion auf den Buchdeal von Yiannopoulos an, im kommenden Jahr keine Autoren von Simon & Schuster zu rezensieren. Roxane Gay, eine feministische Schriftstellerin und Journalistin, zog ihr Buchprojekt zurück, mit dem sie dort unter Vertrag war. Mehr als hundert Autoren des Verlages sprachen sich gegen den Deal aus. Währenddessen schoss die Zahl der Vorbestellungen des gerade erst angekündigten Buches bei Amazon in die Höhe. Dafür, dass Schweigen in manchen Fällen eine effektive Form von Protest sein kann, plädierte Lisa Lucas auf Twitter. "Empörung verkauft Bücher. Stillschweigen bringt sie um", schrieb die Geschäftsführerin der amerikanischen National Book Foundation.

Und trotzdem: Während ich mir die Reaktionen der Yiannopoulos-Gegner durchlese, frage ich mich, wie zielführend diese Strategien eigentlich sind. Kann man von Debattenkultur sprechen, wenn Protest vor allem in Form von Boykott und Schweigen ausgedrückt wird? Was wäre gewesen, wenn die Chicago Review of Books die Autoren, die von Yiannopoulos’ Diskriminierung betroffen sind, dazu aufgefordert hätte, darüber zu schreiben? Über ihr Jüdisch-Sein, ihr Frau-Sein, ihr Schwarz-Sein? Es wäre zumindest eine Strategie, die Gruppen, um die es geht, in eine Diskussion mit einzubeziehen, und ihre Stimme zu stärken.

"Zutiefst republikanisch"

Simon & Schuster selbst zog sich in seiner Stellungnahme auf die Meinungsvielfalt innerhalb seines Programms zurück: "Wir billigen Diskriminierung und hate speech in keiner Form. Wir bei Simon & Schuster haben immer Autoren veröffentlicht, die eine große Bandbreite an oftmals kontroversen Meinungen abbilden, und die sehr unterschiedliche Arten von Lesern ansprechen." Diese Aussage ist zunächst einmal legitim und – besieht man sich das breite Spektrum der Literatur, die der Verlag publiziert – zutreffend. Mag sie auf den ersten Blick vielleicht lapidar wirken, verbirgt sich dahinter außerdem ein Prinzip des Büchermachens, das wiederum bis in die Anfänge der großen Publikumsverlage zurückreicht. Dem entspricht zum Beispiel der berühmt gewordene Ausspruch von Ernst Rowohlt, dem Begründer des Rowohlt-Verlages: "Mein Verlag hat kein Gesicht, mein Verlag hat tausend Augen" – ein Aphorismus, hinter dem sich ein radikal demokratischer Ansatz des Verlegens verbarg, der explizit gegensätzliche und durchaus extreme Autoren unter einem Dach zusammenbrachte. Der ehemalige Rowohlt-Verleger Alexander Fest bezeichnete diesen Ansatz daher auch als "zutiefst republikanisch".

Doch sollte man das Tor zu einem System auch jenen öffnen, die dieses System unterwandern wollen? Oder deren Meinungen zumindest jene stärken, die das wollen? Haben wir auch den Meinungen gegenüber eine Verpflichtung, die schließlich dazu beitragen, Freiheit und Demokratie zu zersetzen? Oder können wir darauf vertrauen, dass unsere Demokratie genau das aushält, aushalten muss? Schon ist man wieder in einer dieser Grauzonen, in der es keine richtigen Antworten zu geben scheint. Apropos Grauzone: Für Simon & Schuster war die vielbeschworene Grenze kürzlich erreicht, als Milo Yiannopoulos in einem Interview Pädophilie relativierte. Sie zogen den Buchdeal zurück.

Es ist eine der schwierigsten Aufgaben innerhalb eines demokratischen Diskurses, diesen schmalen Grat zu wahren: zu erkennen, welche Art von Diskussion und Protest es braucht und welche Reaktion letztlich einer Verbreitung von populistischem Gedankengut Vorschub leistet. Das zeigt sich auch auf der Bühne im Café Europa. Die Veranstaltung neigt sich dem Ende zu, und während Mely Kiyak dafür plädiert, eine Strategie gegen Populismus zu entwickeln, indem man sich weigert, die Kampfbegriffe der Gegenseite in seinen eigenen Diskurs mit aufzunehmen, meldet Kijan Espahangizi Zweifel an. Es sei richtig, danach zu fragen, welche Debatten wir tatsächlich führen wollen. Trotzdem warnt er vor einer vorschnellen Verweigerung der Diskussionsbereitschaft. "Manchmal besteht auch eine Chance darin, ein Gespräch zuzulassen." Es heißt also Debattenkultur – to be continued.