Hier verdeutlicht sich der erste Aspekt reaktionärer Mythologie: Der Glaube an Völkerpsychologie und nationale "Substanzen". Dementsprechend wird im neurechten Denken bisweilen auch Nazijargon reanimiert und von "Trägervölkern" oder, so etwa Alexander Gauland, "Volkskörper" gesprochen. Der Begriff des Volkes wird nicht im demokratischen Sinne des Staatsvolkes verwendet, sondern als Träger eines ethnischen Gemeinwillens mystifiziert.

Der zweite Aspekt zeigt sich in einer Art national-mythischem Geschichtsverständnis. Das ist Björn Höckes Spezialdisziplin. Im Jahr 2015 grüßte er in einer Rede vor dem Magdeburger Dom nicht nur demonstrativ den 973 verstorbenen Kaiser Otto I., sondern beschwor daraufhin auch eine "tausendjährige Zukunft" Deutschlands. Im Jahr 2016 trafen sich Höcke und Jörg Meuthen, Bundessprecher der AfD, wiederum mit rund 200 AfD-Mitgliedern höchst symbolisch am Kyffhäuser-Denkmal. Geradezu komisch wird die Re-Mythisierung der Gegenwart in einem 2015 veröffentlichten Gesprächsband zwischen Walter Spatz und Martin Sellner, beide führende Köpfe der "Identitären Bewegung". Dort heißt es: "Wir wollen die Herzen in Brand setzen […]. Die geistige Unruhe, der schlafende Furor teutonicus, das ewig unzivilisierbare, urdeutsche Fieber, das uns aus germanischen Urwäldern wie aus gotischen Kathedralen entgegenstrahlt, versammelt sich in uns."

Bei Stephen Bannon, dem einflussreichen Berater Donald Trumps, findet sich strukturell ähnliches, gleichwohl mit anderem Akzent. Der Ex-Chef von "Breitbart News" pflegt ein gleichermaßen zyklisches wie apokalyptisches Geschichtsverständnis. Wie er selbst mehrfach betonte, folge er darin dem 1997 von Neil Howe und William Strauss veröffentlichen Buch The Fourth Turning, das behauptet, die US-Geschichte verlaufe in 80 Jahre währenden Zyklen, deren Enden stets im Krieg münden. Nach der amerikanischen Revolution (1763), dem Bürgerkrieg (1861) und dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) stehe nun bald wieder ein historischer Showdown an, auf den es die Amerikaner einzuschwören gelte. Allein gegen wen es da genau gehen soll, weiß Bannon offensichtlich selbst noch nicht. So sieht er die USA zwar einerseits schon in einem "Krieg gegen den radikalen Islam", bemerkte im letzten Jahr aber auch: "In den nächsten fünf bis zehn Jahren ziehen wir in den Krieg im Südchinesischen Meer."

Schließlich zeigt sich das reaktionäre Mythologisieren in einer bisweilen obskuren wie historisch verdrehten Bezugnahme zum "Abendland". Schon deshalb, so bemerkt Historiker Volker Weiß in seinem Buch, weil der Begriff ursprünglich weniger einen Widerspruch zwischen Okzident und Orient noch zwischen Christentum und Islam formulierte – er entstand vielmehr im Zuge der römisch-byzantinischen Spaltung der katholischen Kirche. Die sogenannte identitäre Bewegung bedient sich symbolisch bisweilen aber auch direkt in der Antike. Ihr an den griechischen Buchstaben Lambda angelehntes Symbol soll an die Schilder jener spartanischen Hopliten erinnern, die in der Schlacht bei den Thermophylen gegen das persische Heer Xerxes I. kämpfte.