Ich war 13 und er war 18. Wir hatten uns in einer Hoteldisco in Cala Ratjada auf Mallorca kennengelernt. Klaus mochte James Browns Sex Machine. Er hatte mich aufgefordert, in der Hotelbar mit ihm zu diesem Song zu tanzen.

Nach ein paar handgeschriebenen Briefen kam Klaus mich in Köln besuchen. Er hatte nicht nur den Führerschein, sondern bereits ein eigenes Auto, mit dem er aus Haltern in Westfalen angereist war. Zur Sicherheit hatte sich meine beste Freundin mit einer Taschenlampe, Fix-&-Foxi-Heften und einer ganzen Prinzenrolle bewaffnet, im quietschgrün verkleideten Kleiderschrank meines Jugendzimmers als Zeugin versteckt.

Ich weiß nicht, wer von uns dreien sich mehr gelangweilt hat an diesem Nachmittag, als Klaus und ich auf meinem Schlafsofa Cola tranken und er viel über Autos sprach, denn: meine Urlaubsbekanntschaft lernte Kfz-Mechaniker.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Dagmar Morath

Der Besuch war so schrecklich wie der Urlaub, der ihm vorangegangen war. Aus Prospekten mit Bildern voll beigebraun gestalteter Zimmer und türkisfarbener Pools hatten die Eltern, wie man es eben so machte, ein Angebot mit Vollpension ausgewählt. Und so flog man alljährlich irgendwohin, die Stewardessen nie hübsch, die Eltern nie friedlich und die Sonnencreme nie gleichmäßig verteilt. Und verbrachte seine Zeit in Pools voller Chlor und Kinderpisse, mit sich pellenden Schultern und sich streitenden Eltern.

Geschmähte Spaßtouristen

Das Ganze nannte sich "die schönste Zeit des Jahres". Bekräftigt und verlängert wurde diese sich nicht selbst erfüllende Prophezeiung im Rahmen schier endloser Dia-Abende im hauseigenen Partykeller, wo die Urlaubsmitbringsel drapiert und die Nachbarn abgefüllt waren

Die Welt hat sich seither oft gedreht, doch wie schnell sie das inzwischen auch tun mag: die stetig anschwellende Zahl an Urlaubern lässt sich nicht abschütteln – Urlauber, die sich auch und erst recht in digitalen Zeiten weiterhin aufs Unerbittlichste erholen wollen.

Klar, nach "Malle", in die "Dom Rep" oder nach "Fuerte" fahren längst nur noch als Asis geschmähte Spaßtouristen und machen dort, was der Kölner mit "Suffe, poppe, danze" umreißt. Die sie belächelnden Distinktionsreisenden kennen wahlweise bezaubernde, einsame Fleckchen inmitten dieser Prollzonen – "Ich schwöre dir, den Nordosten kennen nur die Einheimischen…" – oder fahren gleich nach Mikronesien oder Bora Bora und werfen in ihrem als sanfter Tourismus euphemisierten Angebertum melancholische Blicke aufs womöglich demnächst absaufende Eiland.

Einatmen, ausatmen

Das Ganze nennt sich weiterhin trotzig "die schönste Zeit des Jahres". Auch die Beweisführung der vollzogenen Erholung erfolgt bis heute mittels Foto: Das einst eigenhändig gerahmte Dia mutierte zum mit Retro-App gestalteten Selfie.

Ohnehin sind der Urlaub und seine Pluralversion, die Ferien, ein Retrophänomen, das in jeder Generation und Einkommensklasse neu bespielt, aber nie in Frage gestellt wird. Es folgt, wie so vieles, der dualen Logik all jener, die nur bis zwei zählen wollen. Also etwa dem Primat des Einatmen-Ausatmens der Yogis, oder des work-hard-play-hard, dem sich die Yuppies verpflichtet fühlen. Die sehr große Schnittmenge zwischen diesen beiden Lifestyle-Kollektiven ist mit Achtsamkeit geflutet: Im Arbeitsalltag gilt es auf äußerste Produktivität, im Urlaub auf äußerste Entspannung zu achten – wie sein kleiner Bruder, das Hobby, ist Urlaub immer identitäts- und systemstabilisierend.