Problemzone Hirn – Seite 1

Das Plus-Size-Model Stefania Ferrario und die Regisseurin Taryn Brumfitt nach einem Szenedreh von "Embrace" © Majestic

Das Schöne am Feminismus unserer Tage ist seine Vielseitigkeit: Es gibt ihn als mehr oder weniger teures T-Shirt, bedruckt mit mehr oder weniger originellen Slogans. Er taucht als Quotenforderung auf, in variabler, irgendwo zwischen 20 und 50 Prozent eingepegelter Höhe. Er ist Stammtischfeindbild – "Scheiß-Emanzen" – und Gegenstand weiblicher Relativitätstheorie: "Ich bin keine Feministin, aber …"

Frauen haben einen unschlagbaren Vorteil: Es gibt so wahnsinnig viele. Sie können Wahlen entscheiden, Romantic Comedys zu Welterfolgen machen und überall auf der Welt Reissäcke umschmeißen, von denen irgendjemand oder -etwas erschlagen wird, niemals jedoch die Fixierung aufs eigene Aussehen. Seitdem fast alle Frauen ganze oder mindestens Nein-aber-Feministinnen sind, beherrscht eine allgemeine Kapitulation den öffentlichen Diskurs zum Thema Frau. Mit anderen Worten: Man lässt ihnen alles durchgehen. Und man meint in diesem Fall: wir alle.

Nehmen wir Taryn Brumfitt. Die nette, leicht pummelige Australierin ist – Augen auf bei der Berufswahl – Body Image Activist. Wenn die nette Taryn zornig zu werden in der Lage wäre, würde sie es blöd finden, als pummelig bezeichnet zu werden. Das könnte den Tatbestand des Bodyshamings erfüllen. Und der umfasst alles irgendwie Kritische, das man über den weiblichen Körper aussagen könnte, vor allem aber die Frage "Hast du zugenommen?" oder, deutlich schlimmer, die Feststellung " Mann(!), bist du fett geworden". Taryn findet es total okay, dicker zu werden. Vor allem, wenn es sich im Kontext der gar mehrfachen Mutterschaft vollzogen hat. An sich keine strittige Position, die sich in ein, zwei Sätzen gut zusammenfassen lässt.

Clickbait auf Filmlänge gestreckt

Weniger okay ist es, dass Taryn aus diesen Sätzen einen "Dokumentarfilm" gemacht hat. Man könnte auch sagen, sie hat diesen Film aus einem Posting zweier Fotos entwickelt. Das eine zeigt sie im goldenen Bikini als Teilnehmerin eines Bodybuilding-Wettbewerbs, das zweite als so mürbe wie selbstbewusste Mama, die nach dem dritten Kind schlicht keinen Bock mehr hatte, sich dem Primat der Knackigkeit zu beugen, dem zum Beispiel ihr freundlicher Ehemann nie gehuldigt hat, wie er später im Film pflichtschuldig versichern wird.
100 Millionen Mal wurde diese Umkehrung eines gängigen Vorher-nachher-Schemas weltweit gelikt. Auch der bislang eher nicht als Chef-Feminist bekannte Schauspieler und Demi-Moore-Ex Ashton Kutcher zeigte sich begeistert. Euphorisiert von dieser Resonanz beschloss Taryn die, nun ja, Substanz ihres celebrity-affinen Clickbaits auf Filmlänge zu strecken.

So entstand also dieses nur unter Qualen als Dokumentarfilm zu bezeichnendes Machwerk der patenten australischen Mehrfach-Mama, die beschlossen hat, auszuziehen, um etwas Besseres als den Tod der Attraktivität zu finden. Mitsamt Kamerapersonal bereist sie die Welt auf der Suche nach Gleichgesinnten. Zwischen Adelaide, London und Beverly Hills findet sie – Überraschung! – ausschließlich Frauen, die den ganzen Körperkult genauso Scheiße finden wie sie.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Jennifer Fey

In einer nach oben offenen Skala des Offene-Türen-Einrennens stünde dieser Film namens Embrace weit oben. Zudem weiß der deutsche Verleih mit der Unterzeile Du bist schön all jene zu beruhigen, die sich für zu dick, zu dünn oder zu alt halten – eine Aussage oder vielleicht eher eine Selbstbezichtigung, die die Werbebranche nicht genauer bezeichneten Quellen zufolge 91 Prozent der deutschen Frauen zuschreibt. Die ehemalige MTV-Moderatorin und derzeitige Tatort-Ermittlerin Nora Tschirner macht nun als überaus schlanke und im landläufigen Sinne attraktive Co-Finanziererin gemeinsam mit Taryn die deutschsprachige PR-Runde und verkündet landauf, landab, dass Frauen sich mehr lieben müssen.

Solidarität mit Unterkomplexität verwechselt

Es gibt ziemlich viele ziemlich schlechte Filme und man müsste sich mit diesem crowdfinanzierten Machwerk nicht weiter beschäftigen, wenn es nicht exemplarisch für ein Missverständnis stünde, demzufolge "patent" das neue "intelligent" ist. Und Feminismus ein globalisiertes Kaffeekränzchen.

Wo frau sich in einer Allianz aus prominenten UnterstützerInnen, den Zeitgeist instrumentalisierenden Frauenzeitschriften und frauenverstehenden, aka kampfmüden männlichen Partnern in eine Kapitulation vor der Komplexität der Geschlechterfrage fügt und sich auf dem größten gemeinsamen Nenner häuslich einrichtet.

Die Hausfrau 2.0 bis 4.0 kocht nicht mehr selbst. Sie bestellt sich das Feminismussüppchen im Internet, wo Nicht-Probleme – "Meine Brüste hängen" – mit Nicht-Antworten pariert werden: Na und, ich habe drei Kinder gestillt. Wo es Jahre zehn nach der Dove-Werbung mit den als normal ausgewiesenen Models immer noch als mutig gilt, einen nicht mit Photoshop bearbeiteten Körper auszustellen. Wo Binsen wie das Ausweisen von Anorexie als schlimm, das Ablehnen kosmetischer Operationen als tapfer und das Bekenntnis zur weiblichen Kurve mittels fulminanter Like-Zahlen als epochal ausgewiesen wird.

Die Botschaft all dessen lautet keinesfalls, dass das Primat der Schönheit kritisch zu betrachten wäre, es geht allein um die Ausweitung des Schönheitsbegriffes. Und wer auch immer etwas nicht schön findet, was am weiblichen Körper augenfällig werden kann, von asymmetrischen Schamlippen über Folgen von Schwangerschaft, Übergewicht oder Alter, der oder die ist halt ein Bodyshamer und damit ein/e AußenseiterIn im Ringelpiez eines Feminismus, der Solidarität mit Unterkomplexität verwechselt.

The future is female – echt jetzt?

Eine der Gesprächspartnerinnen, die Taryn auf ihrer Reise zum Mittelpunkt der Banalität aufsucht, ist Ricki Lake. Der Talkmasterin und vormals übergewichtigen Protagonistin von John Waters furiosem Musicalfilm Hairspray dämmert, dass die Besessenheit, mit der das beständig eingeforderte Überwinden des Schlankheitsideals eingefordert wird, der monierten Besessenheit vom Erreichen eben dieses Ideals sehr nahe kommt. Als sie überlegt, welche anderen, möglicherweise wichtigeren Themen beide Fixierungen außen vor lassen, fallen ihr die Umwelt und der Weltfrieden ein. The future is female – echt jetzt?

Längst scheint der sogenannte Feminismus nicht mehr als die Bande zu sein, über die die gute alte Mädchenfreundschaft gespielt wird. Einfach so Liebhaben geht nicht mehr, also ist frau sich erst einmal einig etwa über die Notwendigkeit der Quote und die Akzeptanz jedweden körperlichen und geistigen Aggregatzustandes, um endlich wieder beste und damit diskursbefreite Freundin sein zu können.

Eine Solidarität, die keinen Raum für Widersprüche und Konflikt lässt, hat ihren Namen nicht verdient. Umarmen lässt sich so ziemlich alles, vom inneren Kind über die Widersprüchlichkeit des Begehrens bis zur affirmativen Dämlichkeit. Der Film Embrace macht einmal mehr schmerzhaft deutlich, dass sich Umarmung nennt, was längst der Würgegriff eines Konsenses ist, der echten Diskurs und wahre Diversität stranguliert.

Embrace wird am 11. Mai in ausgewählten deutschen Kinos gezeigt.